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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Morgan konnte sich eines Lächelns nicht erwehren; aber dennoch war er der Ansicht, dass keiner der Studenten verrückt war. Exzentrisch womöglich — und außerdem von brillanter Intelligenz. Sonst wären sie nicht bei Sessui. Eines Tages würde er mehr über die Männer und Frauen erfahren, deren Leben er gerettet hatte; aber das konnte erst sein, nachdem sie alle — auf getrennten Wegen — zur Erde zurückgekehrt waren.

»Ich unternehme einen raschen Gang rings um den Turm«, sagte Morgan, »und beschreibe dabei jeden Schaden, so dass Sie ihn nach Mitte durchgeben können. Ich bleibe nicht länger als zehn Minuten draußen — und wenn doch, nun, versuchen Sie nicht, mich hereinzuholen.«

Fahrer Chang antwortete, während er das innere Schott schloss, ebenso praktisch wie kurz angebunden: »Wie, zum Teufel, sollte ich?«

Ein Blick vom Balkon

Das Außenschott der Nordschleuse ließ sich ohne Schwierigkeit öffnen. Quer durch die Dunkelheit, die sich jenseits der Öffnung darbot, zog sich ein feuriger Strich — die Brüstung des Geländers, das den Rundgang säumte, angestrahlt von dem Scheinwerfer, der weit unten auf dem Gipfel des Berges stand. Morgan holte einmal tief Luft und überprüfte die Beweglichkeit seiner Montur. Er fühlte sich völlig in Ordnung und winkte Chang zu, der durch das Bullauge des inneren Schleusenschotts blickte. Dann trat er aus dem Turm hervor.

Der Boden des Rundgangs bestand aus einem dünnmaschigen, stabilen Metallgitter von etwa zwei Metern Weite. Jenseits des Rundgangs streckte sich das Sicherheitsnetz weitere dreißig Meter. Der Abschnitt des Netzes, den Morgan von seinem jetzigen Standort aus überblicken konnte, hatte in den langen Jahren seiner Existenz nichts, aber auch gar nichts aufgefangen.

Er setzte sich in Bewegung, wobei er die Augen gegen die blendende, schmerzhafte Helligkeit des Scheinwerfers abschirmte. Der streifend einfallende Lichtstrahl enthüllte jede noch so winzige Unebenheit in der Seitenfläche des Turmes, die sich über ihm bis in alle Unendlichkeit erstreckte, wie eine Straße zu den Sternen, die sie in gewissem Sinn ja auch war.

Wie erwartet und erhofft, hatte die Explosion auf der gegenüberliegenden Seite des Turmes hier keinen Schaden angerichtet; dazu hätte es einer nuklearen, nicht einer elektro-chemischen Bombe bedurft. Die Zwillingsfurchen der Spur, die jetzt die Ankunft des ersten Fahrzeugs erwarteten, waren frei von Unvollkommenheiten und streckten sich endlos aufwärts. Und fünfzig Meter unterhalb des Balkons, bei dem grellen Gegenlicht schwer zu sehen, befanden sich die schweren Auffangpuffer, einer Aufgabe harrend, die sie hoffentlich nie zu versehen haben würden.

Langsamen Schrittes und immer in unmittelbarer Nähe der Turmwand bewegte sich Morgan westwärts, bis er zur ersten Ecke kam. Er wandte sich um und musterte das offene Schott der Schleuse, den Zufluchtsort, den er jetzt aus der Sicht verlieren würde. Dann schritt er entschlossen an der nackten Wand der Westseite entlang.

Er empfand eine eigenartige Mischung aus Begeisterung und Furcht. Er kannte das Gefühl aus der Zeit, da er schwimmen gelernt hatte und zum ersten Mal ins tiefe Ende vorgedrungen war. Er glaubte zuversichtlich, dass es keine Gefahr gebe; aber sicher konnte er seiner Sache nicht sein. Er war sich dessen bewusst, dass KORA scharf auf ihn aufpasste. Aber Morgan hasste halb getane Arbeit, und hier gab es für ihn noch etwas zu erledigen.

Die Westwand glich der Nordwand bis auf das fehlende Schleusenluk. Auch hier gab es keinerlei Schaden, obwohl diese Seite des Turmes der Stätte der Explosion wesentlich näher gewesen war.

Morgan widerstand der Versuchung, sich zu beeilen. Er befand sich erst seit drei Minuten im Freien. Gemächlich ging er bis zur nächsten Ecke. Er brauchte sie nicht zu umrunden, um zu erkennen, dass aus seinem Plan, rings um den Turm zu gehen, nichts werden würde. Der Rundgang war abgerissen worden und baumelte verdreht ins Nichts hinab. Das Sicherheitsnetz war verschwunden, offenbar von dem stürzenden Transporter mitgerissen.

Ich will mein Glück nicht auf die Probe stellen, dachte Morgan. Aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen, an der Ecke vorbeizublicken, wobei er sich an dem letzten Stück zuverlässiger Brüstung festhielt.

In der Spur stak eine Menge Explosionstrümmer, und die Wand des Turmes trug einen hässlichen Fleck, wo sich die Explosion ereignet hatte. Aber soweit Morgan erkennen konnte, gab es keine Beschädigung, die nicht von ein paar Technikern mit Schweißbrennern innerhalb weniger Stunden hätte bereinigt werden können. Er gab Chang eine sorgfältige Beschreibung dessen, was er sah. Chang äußerte Erleichterung und ermahnte ihn, so rasch wie möglich ins Innere des Turmes zurückzukehren.

»Nur keine Angst«, sagte Morgan. »Ich habe noch zehn Minuten, und die Entfernung beträgt nicht mehr als dreißig Meter. Das könnte ich selbst mit angehaltener Luft schaffen.«

Er hatte allerdings nicht die Absicht, es darauf ankommen zu lassen. Für eine Nacht hatte er genug Aufregung erlebt. Zu viel, wenn man KORA glauben konnte. Von jetzt an würde er sich streng nach ihren Anweisungen richten.

Nachdem er zur Schleuse zurückgekehrt war, stand er eine Zeitlang neben der Brüstung, von unten her beleuchtet durch den strahlend hellen Lichtkegel des Scheinwerfers auf Sri Kanda. Er projizierte seinen unendlich verlängerten Schatten längs des Turmes hinauf in Richtung der Sterne. Die Länge des Schattens musste etliche tausend Kilometer betragen und reichte womöglich sogar bis zu dem Transporter, der sich von der 10K-Station her in rascher Fahrt näherte. Wenn er mit den Armen winkte, konnte ihn die Rettungsmannschaft womöglich sehen. Er konnte mit Morsezeichen zu den Leuten sprechen.

Diese belustigende Vorstellung brachte einen ernster zu nehmenden Gedanken hervor. Wäre es womöglich für ihn am besten, mit den anderen hier zu warten und das Risiko der Abfahrt an Bord der Spinne nicht auf sich zu nehmen? Aber die Reise zur Station Mitte, wo ihm ärztliche Behandlung zur Verfügung stand, würde eine Woche dauern. Angesichts des Umstands, dass er in weniger als drei Stunden wieder auf Sri Kanda sein konnte, handelte es sich offenbar nicht um eine vernünftige Alternative.

Es war Zeit, den Balkon zu verlassen. Sein Sauerstoffvorrat schwand, und es gab nichts mehr zu sehen. Welch eine enttäuschende Ironie, wenn man den wunderbaren Ausblick bedachte, den man normalerweise tags wie nachts von diesem Punkt aus hatte. Jetzt indes waren die Erde wie der Himmel durch den mörderisch hellen Scheinwerferstrahl ausgeblendet. Er schwebte in einem winzigen Universum, das aus grellem Licht bestand und allseits von undurchdringlicher Finsternis umgeben war. Es war fast unglaublich, dass er sich im Raum befand. Er fühlte sich so sicher, als stände er auf dem Berg selbst und nicht sechshundert Kilometer darüber. Das war ein Gedanke, den man nicht so schnell vergessen sollte.

Er strich mit der Hand über die glatte, unnachgiebige Oberfläche des Turmes, der im Vergleich zu ihm weitaus gewaltiger war als ein Elefant gegenüber einer Amöbe. Aber eine Amöbe konnte sich einen Elefanten nicht vorstellen — viel weniger einen erschaffen.

»Auf Wiedersehen in einem Jahr, auf der Erde«, sagte er leise und schloss das Schott hinter sich.

Die letzte Dämmerung

Im Keller hielt sich Morgan nur fünf Minuten auf. Jetzt war nicht die Zeit für seichte Unterhaltung, außerdem wollte er nicht selbst von dem kostbaren Sauerstoff verbrauchen, den er mit so viel Mühe hierhergeschleppt hatte. Er schüttelte eine Menge Hände und kletterte in die Spinne hinab.

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