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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Er drehte den Sicherheitsschlüssel und betätigte sodann den roten Knopf, mit dem die Explosivladung gezündet wurde. Das Fahrzeug ruckte kurz, als sie detonierte. Dann schaltete er auf die Bordbatterie und nahm den Zwillingsmotor wieder in Betrieb.

Die Kapsel nahm den Rest der Strecke in Angriff. Aber ein einziger Blick auf die Konsolenanzeige belehrte Morgan, dass etwas grundlegend schiefgegangen war. Die Spinne hätte mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 km/h steigen sollen; stattdessen bewegte sie sich mit weniger als einhundert, selbst bei voller Leistung. Es bedurfte keiner Tests oder Berechnungen. Morgans Diagnose nahm nicht einmal eine Sekunde in Anspruch; denn die Zahlen sprachen für sich. Es war ihm vor lauter Ärger fast übel, als er zur Erde meldete:

»Wir stecken im Dreck. Die Ladung hat gezündet, aber die Batterie ist nicht abgefallen. Irgendetwas hält sie fest.«

Er brauchte nicht hinzuzufügen, dass dies das Ende seiner Mission bedeutete. Jedermann wusste so gut wie er, dass die Spinne den Turm nun nicht mehr erreichen konnte — mit etlichen hundert Kilogramm totem Gewicht.

Nacht am Jakkagala

Botschafter Radschasinghe brauchte dieser Tage nur wenig Schlaf. Es war, als wolle ihm eine wohlmeinende Natur von der Zeit, die ihm noch verblieb, so wenig wie möglich wegnehmen. Und in einer Nacht wie dieser, da ein Wunder, wie es schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen worden war, den Himmel über Taprobane erleuchtete — wer hätte da im Bett bleiben wollen!

Wie wünschte er sich, dass Paul Sarath an seiner Seite hätte sein können. Sein alter Freund fehlte ihm mehr, als er je für möglich gehalten hätte. Es gab niemand mehr, der ihn so wie Paul gleichzeitig ärgern und anregen konnte — niemand mehr, mit dem er die Erfahrungen einer längst vergangenen Kindheit teilte. Radschasinghe hatte niemals erwartet, dass er Paul überleben werde, oder dass er den phantastischen Milliarden-Tonnen-Stalagmiten jemals zu sehen bekommen würde, der den Abgrund zwischen seinem Orbitalanker und der Insel Taprobane, sechsunddreißigtausend Kilometer entfernt, überbrückte. Bis zuletzt war Paul mit Bitterkeit gegen das Vorhaben gewesen; er hatte es ein Damoklesschwert genannt und bei jeder Gelegenheit vorhergesagt, dass es einst auf die Erde stürzen werde. Aber selbst er hatte zugeben müssen, dass der Turm auch seine Vorteile hatte.

So geschah es zum Beispiel zum ersten Mal in der Geschichte, dass der Rest der Menschheit von der Existenz Taprobanes wusste und die uralte Kultur der Insel zu entdecken begann. Jakkagala, der düstere Felsen mit seinen noch düstereren Legenden hatte die Aufmerksamkeit vieler auf sich gezogen. Als Ergebnis dieser Entwicklung waren Paul Gelder zugeflossen, die er für seine immer wieder aufgeschobenen Lieblingsprojekte verwenden konnte. Die zwiespältige Persönlichkeit des Schöpfers von Jakkagala hatte zahlreichen Büchern und Videodramen als Vorlage gedient, und die Klang-und-Licht-Vorführung am Fuß des Felsens war ständig ausverkauft. Kurz vor seinem Tod hatte Paul darauf hingewiesen, dass eine wahre Kalidasa-Industrie im Entstehen sei und dass es immer schwerer falle, Erfindung und Wahrheit voneinander zu trennen.

Als es kurz nach Mitternacht offenbar wurde, dass die Nordlichterscheinung ihren Höhepunkt überschritten hatte, ließ sich Radschasinghe ins Schlafzimmer tragen. Wie es seine Gewohnheit war, entspannte er sich, nachdem er seinen Bediensteten eine gute Nacht gewünscht hatte, bei einem Glas Grog und schaltete die Spätnachrichten ein. Es interessierte ihn einzig und allein, welche Fortschritte Morgan machte. Um diese Zeit müsste er sich eigentlich der Unterseite des Turmes nähern.

Als die Bildfläche zum Leben erwachte, erblickte er eine blinkende Leuchtschrift:

Morgan steckt 200 km vom Ziel entfernt fest

Per Tastendruck forderte Radschasinghe weitere Einzelheiten an und stellte mit Erleichterung fest, dass seine Furcht unbegründet war. Morgan steckte nicht fest; er konnte lediglich sein Vorhaben nicht vollenden. Es stand ihm jederzeit frei, zur Erde zurückzukehren — aber seine Rückkehr bedeutete das Todesurteil für Professor Sessui und seine Begleiter.

Dieses lautlose Drama spielte sich in diesem Augenblick also direkt über ihm ab. Radschasinghe schaltete von Text auf Bild, aber dort gab es nichts Neues. Im Gegenteil, was man derzeit zeigte, waren alte Aufnahmen von Maxine Duvals nun schon Jahre zurückliegender ersten Auffahrt.

»Da weiß ich was Besseres«, murmelte Radschasinghe und schaltete das Bildgerät auf sein geliebtes Teleskop.

In den Monaten, nachdem er bettlägerig geworden war, hatte er es nicht mehr benutzen können. Dann aber war Morgan zu einem seiner kurzen Höflichkeitsbesuche gekommen, hatte die Lage analysiert und im Handumdrehen ein Mittel zu ihrer Verbesserung verschrieben. Zu Radschasinghe vergnügtem Erstaunen war kaum eine Woche später eine Gruppe von Technikern erschienen und hatte das Glas auf Fernbedienung umgestellt. Jetzt konnte er den Sternenhimmel und die steile Felswand erforschen und dabei bequem im Bett liegen. Er war Morgan für diese Geste sehr dankbar; sie hatte ihm eine Seite des Ingenieurs gezeigt, von der er bisher nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existiere.

Er war nicht sicher, was er im Dunkel der Nacht zu sehen bekommen würde; aber er wusste haargenau, in welche Richtung er zu schauen hatte; denn er beobachtete den langsamen Abstieg des Turmes schon seit geraumer Zeit. Wenn die Sonne im richtigen Winkel schien, konnte er sogar die vier Leitbänder sehen, die zum Zenit hin konvergierten, ein Quartett vier hauchdünner, geradliniger Striche, die jemand auf den Himmel gekratzt hatte.

Er stellte den Azimut ein und schwang das Teleskop herum, bis es auf einen Punkt senkrecht über dem Gipfel des Sri Kanda zeigte. Während sein Blick mit Hilfe des Glases langsam aufwärts wanderte und angestrengt nach der Kapsel Ausschau hielt, fragte er sich, was der Maha Thero über diese jüngste Entwicklung zu sagen haben würde. Obwohl Radschasinghe nicht mehr mit dem Priester, der nun schon weit über neunzig war, gesprochen hatte, seitdem der Orden nach Lhasa umgezogen war, wusste er, dass die Mönche mit der Unterbringung im Potala nicht zufrieden waren. Der riesige Palast zerfiel allmählich, während sich des Dalai Lamas Testamentsvollstrecker mit der chinesischen Bundesregierung über die Unterhaltungskosten stritten. Nach jüngsten Informationen verhandelte der Maha Thero gegenwärtig mit dem Vatikan, auch dieser in chronischen Geldschwierigkeiten, aber wenigstens noch immer Herr im eigenen Haus.

Alles war in der Tat vergänglich, aber ein zyklisches Muster ließ sich nicht erkennen. Vielleicht wäre eine solche Erkenntnis dem mathematischen Genie Parakarma-Goldberg gelungen; das letzte Mal, als Radschasinghe ihn zu sehen bekam, empfing er gerade einen Wissenschaftspreis für seine Beiträge zur Meteorologie. Radschasinghe hätte ihn um ein Haar nicht erkannt: Er war glatt rasiert und trug einen Anzug nach der neonapoleonischen Mode. Inzwischen jedoch, so schien es, hatte er die Religion gewechselt …

Die Sterne glitten langsam über die große Bildfläche am Fußende des Bettes nach unten, während der Blickpunkt des Teleskops sich dem Turm näherte. Noch immer war von der Kapsel nichts zu sehen, obwohl Radschasinghe davon überzeugt war, dass sie sich jetzt im Blickfeld befinden müsse.

Er wollte gerade zum Nachrichtenkanal zurückschalten, als plötzlich mit der Lichtentfaltung einer eruptierenden Nova ein Stern am unteren Bildrand erschien. Eine Sekunde lang fürchtete er, die Kapsel sei explodiert. Dann aber gewahrte er, dass sie nun mit stetig gleichbleibender Helligkeit leuchtete. Er zentrierte das Bild und drehte auf Maximalvergrößerung.

Vor langer Zeit hatte er einen zweihundert Jahre alten Dokumentarfilm über die frühen Luftkriege gesehen, und er erinnerte sich jetzt an eine Szene, die einen Nachtangriff auf London zeigte. Ein angreifender Bomber war zentral von mehreren Scheinwerferkegeln erfasst worden und hing wie eine leuchtende Motte am Himmel. Was er jetzt sah, war dasselbe Phänomen, nur in hundertfach vergrößertem Maßstab. Diesmal jedoch konzentrierten sich alle Kräfte des Erdbodens darauf, dem Einsamen in der Nacht zu helfen — nicht, ihn zu zerstören.

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