Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
Er wartete. Es verging eine Stunde. Und kurz nachdem die Sonne ins Zenit getreten war, erschienen der alte Fürst und der neue Kronprinz auf der Terrasse des Tempels. Narrte ihn ein Trugbild? Hatte man den Tod des Fürsten geheimgehalten? Stand dort oben ein Doppelgänger des Alten?
Fox arbeitete sich nach vorn. Als die beiden jetzt die Stufen herab kamen, sah er sie aus allernächster Nähe.
Kein Zweifel, sie waren es wirklich. Und da erschien auch Lord Hawbury in seiner roten Galauniform. Sein Antlitz war zwar bleich. Aber Fox erkannte dennoch einen Schein der Befriedigung darauf.
Da traf ihn der Blick des Generals. Aber dieser Blick besagte nichts.
Fox stand nach kurzer Zeit wieder vor der Bambushütte seiner Freundin. Jetzt war Krima da. Als er eintrat, fiel sie ihm weinend um den Hals.
»Hast du meinen Vater nicht gesehen?« fragte sie schluchzend.Fox stieß sie zornig von sich.
»Ihr habt mich verraten, ihr dreckiges, stinkendes Hindupack. Aber ich werde euch zeigen, was euch blüht, wenn ihr einen Engländer betrügt.«
»Sahib, Sahib«, heulte das Mädchen. »Mein Erzeuger verließ vor Mitternacht die Hütte. Bis jetzt ist er nicht zurückgekehrt. Auch seine Freunde wissen nichts von seinem Verbleib.« »Du lügst, verdammte Hexe! Ein Anschlag hätte glücken müssen. Tscham lebt, und der Alte lebt. Ihr wollt mir doch nicht weismachen, daß ihr auf beide ein Attentat versucht habt?« »Ja, ja, ja«, schrie sie, »und gleich nach Tschams Tod meldete sich der Thag, der diesen Auftrag auszuführen hatte, und bestätigte, daß sich der vergiftete Pfeil in den Kopf des Prinzen gebohrt habe und darin steckengeblieben sei. Du weißt, wenn die Pfeilspitze nur die Haut ritzt, so ist das Gift tödlich.«
Fox sah sie fest an. In ihren Augen stand zwar Angst, aber kein Falsch.
»Wie willst du mir erklären, daß ich Tscham soeben mit meinen eigenen Augen im Schiwatempel gesehen habe?«
Sie stand mit hängenden Schultern hilflos vor ihm, ein Bild des Jammers. Fox überlegte. Sollte Tscham gar einen Doppelgänger haben, den man dem Volk untergeschoben hatte? Nein, das war kaum möglich. Wo sollte man in der Eile einen jungen Menschen von gleichem Wuchs und gleichem Gesicht hernehmen?
Der Attentäter mußte auf einen Falschen geschossen haben. Das war die einzige Erklärung, vorausgesetzt, daß man ihn, Fox, nicht belog. Aber die Verzweiflung des Mädchens war echt. Fox ließ die Weinende unbeachtet stehen und ging langsam nachdenklich in den Bungalow zurück. Dort traf er Lord Hawbury und Michel, die dabei waren, ihre Eindrücke über das Fest auszutauschen.
»Es war wirklich erhebend«, sagte der General. »Irgendwie bewundere ich diese Menschen.« Er wollte gerade lebhaft seiner Begeisterung Ausdruck verleihen, als Fox herantrat. Er brach ab und fuhr fort:
»Der Generalgouverneur wird nicht besonders erfreut sein, daß die Adoption nun doch stattgefunden hat.« Fox fixierte die beiden.
»Es muß Verrat im Spiel sein. Die Leute, die es verhindern sollten, sind in Aktion getreten, scheinen dann aber von dritter Seite ausgeschaltet worden zu sein.«
»Ihr hattet doch nicht etwa Mörder gedungen?« fragte Michel mit gut gespielter Empörung. Fox sah mißmutig zu Boden.
»Nennt es, wie Ihr wollt. Das ist mir ganz egal. Jedenfalls, wenn der Plan nicht mißlungen wäre, dann wären die beiden jetzt nicht Vater und Sohn. Ein weiteres Attentat zu inszenieren, dürfte nicht mehr ganz einfach sein, weil wir dann beide zugleich ausschalten müßten.« »Ja«, sagte Lord Hawbury sachlich, »stirbt der Radscha, so ist ein rechtmäßiger Thronfolger da. Stößt dem Prinzen etwas zu, so kann der Radscha einen anderen Jungen adoptieren. Gehen beide ins Reich der Ewigkeit ein, dann werden die Würdenträger nicht ruhen, bis sie herausbekommen haben, weshalb dieses plötzliche Fürstensterben einsetzte.«
»Eben«, meinte Fox. »Im Trubel der Festtage hätte man die Schuld ohne weiteres auf herumlungernde Bauern schieben können. Man hätte sich ein paar aus der Menge gegriffen und sie kurzerhand beschuldigt. Die Volksmenge hätte nicht erst auf ein Gericht gewartet, sondern sie gelyncht. Das wäre ein Grund gewesen, Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung anzufordern. Ja, dann hätten wir drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.«
Der General sagte nichts; aber er nickte. Und um sich nicht verdächtig zu machen, meinte Micheclass="underline"
»Ich habe nicht gedacht, daß Ihr so geniale Pläne zu schmieden versteht.«
Fox sah ihn mißtrauisch an, konnte aber nichts als aufrichtige Bewunderung in des Pfeifers
Zügen lesen. Jetzt reichte ihm Michel auch noch die Hand und sagte:
»Entschuldigt mich, ich will noch ein wenig in die Stadt, um mir die Menschen anzusehen; denn so dicht hat man sie nicht alle Tage beieinander.«
41
Als Michel zum Zelt kam, wollte Ojo etwas sagen. Aber Michel legte einen Finger auf den Mund und flüsterte:
»Ich hoffe doch nicht, daß unser Gefangener dich reden hörte? Oder hast du ihm auch die Ohren verbunden?«
»Nein«, wunderte sich Ojo. »Weshalb soll er uns nicht sprechen hören? Versteht er denn Spanisch?«
»O Diaz, denk doch einmal logisch! Wieviel Menschen gibt es zur Zeit in Bihar, die abendländische Sprachen sprechen?«
»Nun, mich, Euch, den General und diesen verdammten Fox.«
»Ganz recht. Das heißt, daß der Thag sofort herausbrächte, wer ihn an der Ausführung seines Verbrechens hinderte. Du mußt doch die Eingeborenen nicht für dumm halten. Hast du etwa auf spanisch geflucht?« Ojo zögerte mit der Antwort.
»Ich weiß nicht, Senor Doktor. Es wäre immerhin möglich.«
»Hoffen wir, daß es nicht so war. Wenn die Nacht hereinbricht, bringen wir den Kerl zum Wald und lassen ihn laufen. Ich gehe jetzt in die Stadt. Bewache ihn weiterhin sorgfältig und fluche nicht laut. Wie hast du ihn versteckt?«
»Ich — ich habe ihn auf den Bauch gelegt, mehrere Diwandecken über ihn gebreitet und seinen Rücken als Sitz benutzt. Bewegen kann er sich nicht. Er ist zu fest verschnürt.« Michel biß sich auf die Lippen, um ein lautes Lachen zu unterdrücken. Auf seine Weise war Diaz zweifelsohne originell. —
Am Abend lud sich der starke Spanier das verschnürte Bündel auf den Rücken. Michel ging spähend vor ihm her. Niemand bemerkte die beiden mit ihrer sonderbaren Last. Das Fest war abgeebbt. Die Bäuche waren schwer geworden vom vielen Essen. Viele Menschen vermochten sich kaum noch zu bewegen. Einmal war ihnen Gelegenheit geboten. Da kannten sie kein Maß und keine Vernunft mehr. Sie, die das Sattsein nur vom Hörensagen kannten, hatten in