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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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»Von einem solchen Brauch habe ich noch nie gehört. Verzeih, wenn ich erstaunt bin. Aber man hätte mich doch darüber aufklären müssen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, sank er plötzlich zurück und war fest eingeschlafen. Sadharan trat auf ihn zu, kniff ihn in die Wangen und in die Waden, um zu sehen, wie er reagierte. Aber Tscham schlief wie ein Toter.

Sadharan warf rasch einen Blick aus dem Fenster und vergewisserte sich, daß es dort keine Lauscher gab. Dann packte er mit Aufbietung aller Kräfte den Jungen, trat mit der schweren Last vorsichtig vor die Tür und lief dann eilig den Gang hinunter, bis er vor seinem Schlafraum stehenblieb. Er bettete Tscham auf sein einfaches Lager, deckte ihn sorgfältig zu und stellte eine spanische Wand vor das Bett, so daß man dieses vom Fenster aus nicht einsehen konnte. Dann nahm er aus einer Ecke ein Bündel, das sich bei näherem Hinsehen als eine große Puppe

abzeichnete, die mit kostbaren Nachtgewändern angetan war. Eilig brachte er sie in Tschams Zimmer und bettete sie auf den Diwan des Prinzen. —

Der Radscha bezog sein Nachtlager wie immer im englischen Pavillon. Er, der alte Mann, der nicht mehr den gesunden Schlaf der Jugend hatte, blätterte in den Chroniken seiner alten Familie, die nun mit Tscham fortgesetzt werden sollte.

Er war gesammelt; denn ihn erregte die große Handlung nicht, die morgen bevorstand und die vielleicht eine der letzten bedeutenden Feierlichkeiten war, die ihm bei seinem Alter noch beschieden sein mochten.Hatte er richtig getan mit Tschams Wahl? Er liebte den Jungen. Und die Lehrer des Hofes berichteten ihm, daß Tscham außerordentliche Fähigkeiten besaß. Ein paar Jahre würde er, der Radscha, noch die Geschicke seines Fürstentums leiten. Tscham konnte sich also langsam in seinen Aufgabenbereich hineinfinden.

Gegen Mitternacht entkleidete sich der Radscha, der seine Diener heute zum Feiern geschickt hatte. Niemand ging dem alten Mann zur Hand. Im Pavillon war es still. -Unter dem Fenster, hinter dem der Radscha nächtigte, lief eine Jasminhecke entlang. Obwohl es vollkommen windstill war, bewegten sich doch einige Zweige der Hecke. Ein aufmerksamer Beobachter hätte zwischen den gelben Blättern hin und wieder etwas aufblitzen sehen können. Die Stunden vergingen. In diesem Teil des Parks herrschte lautlose Stille. Die hohe Mauer schimmerte weiß im Mondlicht.

Plötzlich tauchte ein huschender Schatten auf. Ein Mann schwang sich über die Mauer und blieb dann stehen. Er war ganz in einen schwarzen Sarong gehüllt. Über dem Kopf trug er eine Kapuze von der gleichen Farbe, die in Höhe der Augen zwei Sehschlitze hatte. Seine Hände, das einzige Unverhüllte an ihm, spielten mit einer dünnen Seidenschnur. Jetzt machte er zwei, drei Schritte in den Park und drang dann mit völliger Lautlosigkeit in die Hecke ein. Seine Hand tastete sich zum Gesims an der Wand des Pavillons empor, bis sie Halt gefunden hatte. Mit einem kräftigen Klimmzug zog er sich hoch. Das heißt, er wollte sich hochziehen, spürte aber in dem Augenblick, da seine Füße den ersten Halt suchten, eine schwere Last an den Beinen und stürzte ins Gebüsch. Gleichzeitig fühlte er, wie ihm jemand auf der Brust kniete. Ehe er sein Mißgeschick zu Ende denken konnte, raubte ihm ein harter Schlag das Bewußtsein. »Pst, pst«, machten zwei Lippen. Von der Mauer her näherten sich schleichende Schritte. »Que hay, Senor Doktor?« raunte eine Stimme.

»Ich habe ihn«, flüsterte der Pfeifer zurück. »Hilf mir, ihn unbemerkt fortzuschaffen.« Ojos Augen blitzten. Er nickte, ergriff die nicht leichte Last wie einen Federball, stürmte zur Mauer, warf den Mann einfach hinüber und schwang sich selbst hinterher. Der Pfeifer folgte ihm auf dem Fuß.

Es war kein Mensch weit und breit zu sehen. »Binde und kneble ihn. Ich bleibe, bis es tagt.« »Und wohin mit ihm?«

»Verbirg ihn im Zelt. Fox darf auf keinen Fall etwas merken. Verbinde ihm auch die Augen, damit er später nicht herausfindet, wo er gefangengehalten wurde.«

»Si, Senor Doktor«, sagte Ojo und war in wenigen Augenblicken im Dunkel der Nacht verschwunden.

Michel lag bald wieder in der Hecke und verharrte dort bis zum Morgen. Aber es ereignete sich kein zweiter Attentatsversuch. —

Als Tscham erwachte, verspürte er einen leichten Druck im Kopf. Sein Wohlbefinden war aber im großen und ganzen gut. Und der Ernst dieses Tages zeichnete sich schon jetzt auf seinem Gesicht ab. Am Fußende seines Diwans saß Sadharan und lächelte.

Tscham befand sich längst wieder in seinen Gemächern. Er hatte von dem stillen Aufruhr der vergangenen Nacht nichts gemerkt.

Die Puppe lag versteckt in einer Ecke von Sadharans Schlafraum. In ihrem Kopf steckte ein vergifteter Pfeil.

40

Gegen Mittag fanden sich die Würdenträger, Priester und Mullahs, die geladenen Gäste, zu denen auch Lord Hawbury zählte, und die Gaffer ein. Eine unübersehbare Menschenmenge wogte vor dem Tempel Schiwas. Auf einem weißen Elefanten ritt Tscham bis vor die unterste Stufe des Tempels. Er sah wunderschön aus; denn er war ganz in weiße Seide gehüllt. An seiner Seite schwang das alte, mit vielen Edelsteinen besetzte Kronprinzenschwert. Er schritt die Stufen würdevoll empor. Die Menge verharrte in andächtigem Schweigen.

Im Tempel saß der Radscha, als einziger mit dem Gesicht zum Eingang gewandt. Als Tscham dort erschien, erhob er sich und schritt ihm bis zur Mitte des Tempels entgegen. Die obersten Priester aller Religionen nahmen dann die Zeremonie der Adoption vor. Beide, der Radscha und Tscham, mußten je zur Hälfte eine Jadeschale mit dem heiligen, geweihten Wasser des Ganges leeren. Dann waren sie nach hindustanischem Brauch und Gesetz Vater und Sohn. Dieser Bund hatte die gleiche Festigkeit wie die Bande des Blutes.

Der Radscha schritt an seines Sohnes Seite und auf ihn gestützt hinaus zur Tempelterrasse. Das Volk brach in Jubel aus. —

Stanley Fox war sehr früh auf den Beinen. Er kleidete sich hastig an, verließ das Haus und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen bis zur Hütte Krimas.

Er trat ein und setzte sich wartend auf eine Bastmatte; denn weder das Mädchen noch sein Vater waren anwesend.

Die Sonne stieg immer höher.

Unruhe kam in Fox auf. Wo waren die beiden?

Er trat hinaus und mischte sich unters Volk. Wenn der Anschlag gelungen war, müßte man eigentlich an der Stimmung etwas merken. Es war nicht gut möglich, daß ein solches Attentat lange verborgen blieb.

Als es auf den Mittag zuging und die beiden immer noch nicht da waren, drängte es Fox bis in die Nähe des Tempels.

Nichts, auch nicht der leiseste Anschein eines Unglücks. Und da ertönten Fanfarenstöße, und der weiße Elefant mit Tscham bewegte sich auf den Tempel zu. Fieberwellen schlugen über Fox zusammen. War wenigstens der Radscha tot?

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