Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Si, si, Senor Doktor.« —
Als Michel ausgeschlafen hatte, stand er auf.
»Wenn jemand nach mir fragen sollte, Diaz, dann sag ihm nicht, wo ich bin. Ich gehe hinüber in den Palast. Ist übrigens Steve Hawbury schon fort?«
»Si, Senor Doktor. Er läßt Euch grüßen. Er wollte nicht stören, da Ihr doch schlieft.« »Gut. Ich gehe jetzt.« —
Michel hatte in den nächsten zwei Stunden eine eingehende Unterredung mit dem Brahmanen Sadharan. Der Brahmane unterbrach den Pfeifer mit keinem Wort. Mit fast stoischer Ruhe hörte er zu. Nur zu den Vorschlägen, die Michel in seinen Vortrag einflocht, nickte er hin und wieder. Als Michel sich erhob, um sich zu verabschieden, nahm er die Gewißheit mit, daß der schmutzige Plan von Fox scheitern würde. —
Überall auf den freien Plätzen in der Stadt Bihar waren Zelte aufgeschlagen. In märchenhafter Pracht leuchteten die vielen Farben in der Morgensonne. Reges Leben und Treiben herrschte heute schon in aller Frühe. Es war das Fest, zu dem ganz Bihar gerüstet hatte. Mochten die Bauern den Grundbesitzern auch feindlich gesinnt sein, mochten die Unterdrückten die Fürsten hassen: Das heilige Fest der Einsippung verwischte alle Gegensätze.
Pilger hatten ihre Reise unterbrochen. Märchenerzähler, meist Mohammedaner, wechselten in ihren Reden mit den Weisen der Hindus ab. Ein Schwirren von Stimmen lag über der Stadt. Süße Düfte strömten aus den Bambushütten. Naschwerk wurde in Hülle und Fülle gebacken. Die Stimmung wurde immer ausgelassener.
Für heute abend war die Eröffnung angesetzt, und morgen vormittag folgte dann der eigentliche Festakt in dem großen Schiwatempel. Erst diese Weihe bestätigte die Rechtsgültigkeit und Verbindlichkeit des Adoptionsvertrags.
Tscham war die Hauptperson des Tages. Alles drehte sich um ihn. Künstler der Nadel und der Schere kamen, nahmen Maß und gingen. Hindupriester gaben sich die Tür in die Hand, um ihre Gratulation darzubringen.Gegen Mittag erschien der Mullah, so nannte man hier den obersten Priester des Islam. Der würdige Mann schwor beim Bart des Propheten, daß er trotz des unterschiedlichen Glaubens im Leben des Kronprinzen fest an dessen Seite stehen würde. Am frühen Nachmittag kamen die Diener des Radscha und schleppten mehrere Säcke voll kupferner Anna-Münzen auf die Terrasse vor Tschams Gemächern. Im Park waren Tische aufgestellt, die unter der Last der Süßigkeiten zu brechen drohten. An zehn Spießen brieten Ochsen in ihrem eigenen Saft. Diese waren für den mohammedanischen Teil der Bevölkerung gedacht. An zehn weiteren Spießen schmorten Wildeber, die als Mahl für die Hindus bestimmt waren. Hindus halten die Kühe für heilig. Sie durften zwar Ochsenfleisch essen, taten das aber nicht gern, da Kuh und Ochse zu eng verwandte Geschöpfe waren. Die Mohammedaner hingegen verunreinigten sich durch den Genuß von Schweinefleisch, würden aber den Ochsen begeistert zusprechen.
»Welch ein Duft über dem Park«, sagte Tscham zu Sadharan. »Man riecht die Feierlichkeit geradezu. Und ich muß sagen, daß ich trotz aller Aufregung einen kräftigen Appetit verspüre.« Der Brahmane lächelte.
»Dies Fest, Tscham, ist nicht gedacht, damit du satt werden sollst, sondern damit du die Hungrigen speisen sollst. Ich hoffe, diese Speisung wird immer Symbol für dich sein, wenn du einmal Herrscher dieses Volkes bist. Vergiß die Armen nie.«
»Wie könnte ich das! Ich müßte meine Pflegeeltern vergessen. Hältst du mich dessen für fähig?« »Die Welt hat viele Versuchungen. Du bist heute noch gut im Herzen; aber wer weiß, was morgen ist?«
»Lakschmi, die Göttin des Glücks, soll mich beschützen. Ich werde ihr ein Opfer bringen.« »Du opferst ihr am besten, indem du andere Menschen glücklich machst. Das Glück der anderen ist mehr als das eigene.«
Ein Offizier der Palastwache trat heran und verbeugte sich tief vor Tscham. »Es ist so weit, Sahib. Sollen wir die Tore öffnen?« Tscham streckte die Hand aus und rief übermütig:
»Herein mit meinem Volk! Sie sollen essen und trinken, bis ihnen die Bäuche dick werden!« Wieder verneigte sich der Offizier. Als er gehen wollte, nahm ihn Sadharan beiseite und fragte: »Sind die Wachen verdoppelt? Werden sie bemerken, ob sich unter den vielen Leuten, die jetzt in den Park strömen, Attentäter befinden?«
»Sei beruhigt, Rischi Sahib[19], einen Attentäter erkennt man daran, daß er nicht ißt. Du weißt, er muß Speer oder Pfeil nüchtern führen.« »Und wenn er ein Moslim ist, wie erkennst du ihn dann?«
»Bei den Thags gibt es keine Moslemin, Sahib«, lächelte der Offizier belehrend.
Draußen erhob sich tosendes Gebrüll. Jubelnde Stimmen erfüllten die Stadt mir Lärm. Die Tore
schwangen zurück, und die Wartenden strömten in den Park. Von seinem Balkon winkte ihnen
Tscham zu. Immer wieder brachen die Menschen in Huldigungsrufe aus.
Tscham griff mit beiden Händen in die Geldsäcke und schleuderte die Kupfermünzen unter die
Menge. Wie die Rasenden balgten sie sich darum.
Eine Stunde fast konnte Tscham Münzen verteilen, bis ein Sack leer war. Sein schönes, ausdrucksvolles Gesicht lachte die ganze Zeit. Aber dann sanken ihm die Arme vor Müdigkeit herab. Mehrere Diener mußten ihm die Arbeit abnehmen. Bei diesen geschah es dann und wann, daß sie eine Handvoll Annas in der eigenen Tasche verschwinden ließen. Die Menge sah es und lachte. Die Stimmung war versöhnlich.
Als die Köche kannenweise Ananassaft über die schmorenden Rinder und Schweine gossen, war auch das Geld alle. Die Menge verteilte sich, und ein gieriges Schmausen hob an. Der Festtaumel verstärkte sich von Stunde zu Stunde. Und auch in der Nacht ruhten die Feiernden nicht. —
Als die Diener Tscham verlassen hatten und dieser sich auf dem seidenen Diwan ausstreckte, um vom Trubel des Tages auszuruhen, öffnete sich die Tür, und der Brahmane Sadharan trat herein. Tscham fuhr auf.
»Weshalb läßt du mich nicht schlafen, weiser Mann? Ich bin müde, und der morgige Tag dürfte noch anstrengender werden.« Sadharan zeigte sein gütiges Lächeln.
»Schilt mich nicht, mein Junge, du kannst annehmen, daß ich nicht grundlos deine Ruhe stören werde.«
Tscham war verwirrt. Röte schoß in sein Gesicht.
»Verzeih, weiser Mann, daß ich dich so anfuhr. Du weißt, daß das kein Ausdruck meiner Mißachtung ist. Ich war nicht recht bei mir. Ich fühle mich so schläfrig. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber es ist da, eine bleierne Müdigkeit.« Sadharan nickte.
»Wie gut, daß ich kam, bevor du völlig entschlummert sein wirst. Ich möchte dich bitten, die letzte Nacht vor deiner Einsippung in meinem Zimmer zu verbringen. Es ist Brauch, daß jeder aus dem Volk in dieser Nacht den Prinzen stören darf, wann immer es ihm beliebt.« Tscham gähnte, sah aber seinen Lehrer verwundert an.
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Weiser Herr