El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Der feurige Ball der Sonne tauchte im Osten aus dem Meer. Ojo war vor seinem Raketenkasten eingenickt. Da weckte ihn der Ruf seines Kameraden. »Schiff noch immer Steuerbord voraus!« Ojo fuhr auf. Ja, Deste hatte richtig gesehen. Tatsächlich, ein Dreimastsegler schnittiger Bauart! Etwa dreitausend Fuß von ihnen entfernt schaukelte er auf den Wellen. Ojo raste in die Kabine, um die Spanier und Michel zu wecken.
»He, Senores, wacht auf! Schiff an Steuerbord!« Mit einem Ruck schüttelte Michel die bleierne Schwere aus den Gliedern. Mühevoll brachte er etwas Speichel in seinem Mund zusammen, um sich wenigstens die schlaf- und dursttrockene Zunge zu befeuchten. Dann packte er die graue Lederrolle, in der seine Waffen waren, und rannte hinter Diaz Oio her.
Nicht so schnell war der Kapitän auf den Beinen. Er hatte seit sechsunddreißig Stunden keinen Tropfen Wasser genossen. Zudem drückte ihn die Last der Jahre nieder, ganz besonders in dieser verzweifelten Lage. Aber die Ankündigung eines nahenden Schiffes ließ ihn sich noch einmal aufraffen. Er wankte vom Lager hoch, taumelte durch die Kabine, stülpte sich seinen Hut auf den zerwühlten, weißhaarigen Kopf und stieg ächzend die Treppe zum Deck empor. An der Reling stand Michel und blickte zu dem sich nähernden Schiff hinüber. »Gib mir dein Sehrohr, Ojo. — Deste«, rief er dann laut, »hast du das Fahrzeug schon ausmachen können?«
»No, Senor Doktor, es führt keine Flagge.«
Michel sah gespannt hinüber. Er konnte bereits die einzelnen Leute unterscheiden. Kopfschüttelnd setzte er das Rohr ab und reichte es dem inzwischen herangekommenen Kapitän. »Was sind das für eigenartige Gestalten? Man könnte sie fast für Muslimun halten. Tragen sie nicht Turbane?«
»Si, si, Ihr habt recht. Wahrhaftig, Mohammedaner in diesen Gewässern! Por Dios, es werden doch keine Korsaren sein?«
In diesem Augenblick stieg drüben die Flagge hoch.
Deste beobachtete den Vorgang ganz genau. Plötzlich schrie er:
»Senor Baum, wir müssen uns kampfbereit machen. Sie zeigen die algerische Flagge. Rot, mit weißem Feld, Stern und Halbmond. Es sind Korsaren des Pascha von Algier.« Michel riß dem Kapitän das Glas aus der Hand und schaute abermals hinüber. Teufel auch, Deste hatte recht... Aber kämpfen? Womit? Die Soldaten hatten keine Musketen mehr. Für die Kanonen war zwar noch genügend Munition vorhanden. Was aber, wenn sie die Korsaren in die Flucht schlügen? Dann hatten sie noch lange kein Wasser und keine Lebensmittel, keine anständigen Segel und keinen Wind, der sie nach Madeira bringen würde. »Ojo«, sagte Michel resigniert, »schieße nochmals zwei Raketen ab, damit sie merken, daß wir wirklich in Seenot sind, wenn sie es nicht bereits an unserer zerstörten Takelage gesehen haben.« Ojo zögerte. »Vermaledeit, Senor Baum, wißt Ihr nicht, daß der Daj von Algier Menschenhandel treibt? Wenn wir uns ergeben, schleppen sie uns nach Nordafrika und machen uns zu weißen Sklaven. Ich danke.«
Michel griff selbst zu einer Rakete, schlug Feuer und entzündete die Lunte. »Was nützt das alles, Ojo, wenn wir hier in den nächsten Tagen verdursten! Damit ist auch nichts gebessert. Wir können nichts dafür, daß die verdammten Kerle unser Wasser ausgetrunken haben. Sieh sie dir an. Da liegen sie mit vollgesoffenen Bäuchen und grunzen in den Morgen hinein. Sie haben überhaupt noch nicht bemerkt, daß es ihnen jetzt vermutlich an den Kragen
gehen wird. Steig hinunter und hole Eberstein. Ich will die Verantwortung für die Hessen nicht allein tragen. Und für den Fall, daß wir, der Kapitän, Jardin, du und Deste in Gefangenschaft geraten, bereitet euch darauf vor, daß ihr stets davon sprecht, ich sei Zauberkünstler und Wunderarzt, und ihr alle wärt meine Gehilfen.«
»Wollt Ihr den Korsaren etwas vorgaukeln, Senor Doktor?«
Michel zuckte die Schultern.
»Wie kann ich jetzt schon wissen, was wir tun werden? Vorher Pläne zu schmieden, ist völlig sinnlos.« —
Die »Medina«, das algerische Schiff, kam näher. Ojo war hinuntergelaufen, um den Grafen wachzurütteln, was nicht ganz einfach war; denn dieser hatte seit langem zum erstenmal geschlafen, ohne von seinem Durst gequält zu werden.
»Was will er?« fuhr er den Spanier auf deutsch an.
Ojo deutete nach oben und sagte:
»Adelante, Senor, adelante!«
Eberstein hatte mittlerweile ein paar spanische Brocken gelernt. Adelante hieß soviel wie »mach schnell« oder »komm, komm« oder »voran, los, los«.
Diese Aufforderung behagte Eberstein keinesfalls. Wie kam dieser spanische Lümmel dazu, ihn einfach mit Senor anzureden?
Der Graf wußte längst, daß man in Spanien zu Hoch-wohlgeborenen »Vuestra Merced« —»Euer Gnaden« — sagte.
Um dem Spanier zu zeigen, daß er keine Lust hatte, ihm zu folgen, drehte er sich auf die andere Seite und kehrte dem braven Ojo den Rücken zu.
Ojo kratzte sich den Kopf. Wie sollte er sich dem deutschen Edelmann verständlich machen? Als sich Eberstein überhaupt nicht rührte, packte er ihn kurz entschlossen an Hosenboden und Jackenkragen, nahm ihn auf seine kräftigen Arme und stand kurz darauf mit seiner zappelnden und schimpfenden Last an Deck, wo er den Grafen vor Michel auf die Füße stellte. Dann meinte er entschuldigend:
»Tut mir leid, Senor Baum, der Senor hat nicht verstanden, was ich ihm auftragen sollte.« Michel hatte Mühe, sich ein Lachen zu verbeißen.
»Mach dir nichts daraus, Ojo. Es gibt Menschen, die kann man einfach nicht anders behandeln.« »Was wollt Ihr von mir?« schrie Eberstein den Silbador an. »Was untersteht Ihr Euch, Unverschämter?!«
Michel gab keine Antwort. Über seine Schulter deutete er mit dem Daumen aufs Meer, wo das andere Schiff immer näher kam.
Eberstein stieß einen Freudenruf aus. Ein Schiff, das bedeutete Rettung. Er wurde plötzlich sehr freundlich.
»Soll ich meine Leute zur Begrüßung antreten lassen?«
»Macht nur, was Ihr wollt. Ich betrachte mich von diesem Augenblick an wieder als Privatperson. Nur soviel wollte ich Euch sagen: der Dreimaster dort ist höchstwahrscheinlich ein Sklavenschiff.«
Der Graf sah ihn verständnislos an. Dann meinte er dreist:
»Na und, was schert es mich? Was gehen mich die Neger an? Wir sind doch Weiße! Oder ist es vielleicht wieder einmal mit Eurer Auffassung unvereinbar, daß wir von einem Schiff gerettet werden, das Negersklaven nach Amerika verkauft?«
Michel Baum schüttelte den Kopf.
»Ihr versteht mich nicht richtig. Dieses Fahrzeug ist kein amerikanischer Sklavenfänger, sondern ein algerischer Pirat, der weiße Gefangene, die er auf den erbeuteten Schiffen macht, in die Sklaverei verkauft. Habe ich mich nun verständlich ausgedrückt?« Eberstein spuckte verächtlich über die Reling.