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El Silbador

Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:

In Spanien nennt man ihn El Silbador — der Pfeifer, denn Michel Baum beherrscht die Kunst des Pfeifens vollendet. Nicht selten verdankt er dieser Kunst Rettung aus Not und Gefahr. Unbändiger Freiheitsdrang ist es, der ihm das Leben in der geknechteten Heimat unerträglich macht; unbändiger Freiheitsdrang treibt ihn von Abenteuer zu Abenteuer. Eine Schar ungleicher Gefährten, darunter die zwielichtige Gräfin Marina und der treue Riese Ojo, sammeln sich um ihn.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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»Was hast du?« fragte Ibn Kuteiba Michel in französischer Sprache.

Und Michel verpaßte in seinem Zorn diesmal die günstige Chance, die ihm geboten wurde. Er hätte dem Steuermann in einem ruhigen Moment niemals eine französische Antwort erteilt, schon um ihn glauben zu machen, daß er diese Sprache nicht verstehe. Das wäre vielleicht die beste Möglichkeit gewesen, den Araber davon zu überzeugen, daß er kein Franzose war. Aber in seinem Zorn erfaßte er die Situation nicht und schrie auf französisch: »Ihr seid Lumpen und Schufte! Ihr behandelt einen Gefangenen wie einen Verbrecher, ohne ihn verhört zu haben. Und wenn ihr in euern dummen Köpfen etwas nicht versteht, dann schlagt ihr ihn und schenkt einem solchen Verräter Gehör wie diesem verdammten Grafen.« Ibn Kuteiba lächelte freundlich.

»Wir brauchen nicht erst die Bestätigung von euch, daß ihr schlecht seid, denn Allah verdammt die Spanier und haßt die Franzosen.«

»Ich bin kein Franzose!« rief Michel aufgebracht.

Ibn Kuteiba lachte.

»Du sprichst wie ein Pariser. Deine Mundart ist so vollkommen, daß du uns nicht betrügen kannst.«

»Ach«, fragte Michel verwundert, »sprichst du nicht ebenso gut französisch? So gut, daß du gar den Pariser Dialekt von dem der Provinz unterscheiden kannst, und bist doch ein Araber? Deine Logik ist nicht überzeugend.«

Ibn Kuteiba wollte etwas erwidern. Aber da schaltete sich der Kapitän ein.

»Was sagt der Hund?«

Der Steuermann berichtete ihm.

Der Kapitän lachte laut und rief Abul Mahasin zu:

»Sage deinen Wasserträgern, daß sie diese fünf Giaurs bei ihrem nächsten Gang auf das Schiff mitnehmen sollen. Wir wollen machen, daß wir weiterkommen.«

Und so geschah es. Die Spanier und Michel wurden nach kurzer Zeit hinübergetragen. Eberstein rief ihnen gut gelaunt nach:

»Auf Nimmerwiedersehen, Musketier Baum, laßt es Euch gutgehen und denkt hin und wieder mal an Euern besten Freund, den Grafen Eberstein.«

»Auf Wiedersehen, du Schweinehund!« zischte Michel, wobei er die Betonung so stark auf das Wiedersehen legte, daß es Eberstein sekundenlang nicht wohl in seiner Haut war.

Die Wasserträger warfen die fünf Sklaven in den Kielraum, und während der nächsten Stunden kümmerte sich kein Mensch um sie.

Als eine Weile vergangen war, sagte Jardin mühsam: »Wir fahren, Senores. Nun ist es aus.«

»Ein furchtbarer Gedanke, in meinem Alter noch Sklave zu werden«, sagte Kapitän Porquez. »Ich wünschte, wir hätten dieses englische Schiff mit den deutschen Soldaten niemals getroffen. Man hat überall soviel von der berühmten Treue der Deutschen gesprochen, daß ich sie fast für gute Menschen gehalten hätte. Nun, ich bin eines Besseren belehrt worden. Die einzige Ausnahme seid Ihr, Senor Baum.«

»Unsinn, Capitan, Ihr müßt unterscheiden. Schlechte Menschen gibt es überall. Die Soldaten waren gute Kerle. Und wenn sie nicht von diesem verdammten Eberstein aufgehetzt worden wären, so hätten sie sich auch niemals an uns vergriffen. Vergeßt nicht, daß Menschen außerdem alles Menschliche verlieren, wenn sie Durst und Hunger haben. Nur wenige, die ganz Starken, behalten in solchen Zeiten ihre Fassung. Nein, meine Landsleute sind nicht schlecht. Ich bin davon überzeugt, daß Eberstein gar nicht lange gefragt hat, ob sie sich unser bemächtigen wollten, sondern er hat es ihnen einfach befohlen.«

»Hört, Senor, Eure Fürsprache ehrt Euch. Aber hättet Ihr jemals einen solchen Befehl ausgeführt?«

Michel dachte einen Augenblick über diesen berechtigten Einwand nach. Wenn er diese Frage mit Nein beantwortete, so würde man wahrscheinlich »na also« darauf sagen. Aber Michel war ja auch kein Musketier. Es schien ihm aussichtslos, seine spanischen Freunde darüber aufzuklären, was man in Deutschland, und nicht nur in Preußen, unter einem Befehl verstand. Dennoch machte er den Versuch, den Ausländern eine bessere Meinung von seinen Landsleuten beizubringen.

»Es ist schwer, Senores, die deutsche Seele zu verstehen. Es würde auch zu weit führen, wollte ich jetzt eine Vorlesung darüber halten. Wir haben im Augenblick, glaube ich, andere Sorgen. Aber eines muß ich euch sagen: nach dem deutschen Ehrenkodex gilt es als der schwerste Verstoß, wenn ein Soldat einen Befehl nicht ausführt und dadurch die Disziplin der Truppe untergräbt. In meinem Vaterland baut sich überhaupt das ganze Leben nur auf zwei Begriffen auf: Befehlen und Gehorchen. Es befiehlt der Fürst dem Minister, es befiehlt der Minister dem Kanzleirat, es befiehlt der Polizist dem Bürger und der Bürovorsteher seinem Angestellten. Und wer dieses Leben nicht mehr ertragen will, gilt als Aufrührer oder, Revolutionär, und wenn er seinen erzwungenen Fahneneid bricht, so ist er ein Deserteur. Seht ihr, Senores, und solch ein Deserteur bin ich. Deshalb würde ich auch dem Befehl Ebersteins nicht gehorcht haben. Vielleicht versteht ihr das.«

Es kam keine Antwort. Die Gefangenen schienen darüber nachzudenken. Und dieses Nachdenken währte seine Zeit und lenkte für eine Weile die Gedanken von dem augenblicklichen Los ab.

Die »Medina« kreuzte nördlich der Dreiergruppe der Kanarischen Inseln und versuchte, NordOst-Kurs zu gewinnen.

Es war Abend geworden. Die »Quebec« war nicht mehr zu sehen. Der Kapitän saß mit gekreuzten Beinen auf dem Diwan in seiner Kabine und hatte das Mundstück seines Tschibuks zwischen den Zähnen. Irgendwie fühlte er sich jedoch unzufrieden. Er überlegte sich schon zum hundertstenmal, ob er richtig gehandelt habe, ob es dem Daj von Al-Dschesair gefallen würde, wenn er Kunde davon erhielt, daß man eine ganze Kompanie Soldaten gegen fünf Gefangene eingetauscht hatte. Er mußte an Ibn Kuteibas Vorschlag denken. Sicher, es wäre ein Leichtes gewesen, sie alle zu fangen...

Der Kapitän schüttelte den Kopf. Was war nur in ihn gefahren? Je länger er über seine Handlungsweise nachdachte, umso unverständlicher erschien sie ihm. Er klatschte in die Hände. Ein Diener erschien und fiel mit über der Brust gekreuzten Händen vor ihm nieder. »Rufe mir Ibn Kuteiba. Aber schnell, du Hundesohn, sonst lasse ich dich kielholen.« Der Diener entfernte sich hastig. Kurz darauf erschien der Steuermann.

»Laß dich nieder, Ibn Kuteiba«, befahl sein Herr. Dann klatschte er abermals in die Hände. »Bring Kaffee!« fuhr er den eintretenden Diener an.

Bis die Wasserpfeife dampfte und der starke Mokka vor dem Steuermann stand, herrschte Schweigen. Endlich meinte der Kapitän:»Man nennt dich den Gelehrten, Ibn Kuteiba. Ich brauche jetzt deine Weisheit. Sage mir ehrlich, glaubst du, daß ich mich richtig verhalten habe heute nachmittag?«

Ibn Kuteiba schien in weite Fernen zu blicken, als wollte er dort seine Antwort auf diese Frage herholen.

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