El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Der Alte hatte jedoch das Steuerhaus kaum verlassen, so stieß er einen Schreckensruf aus. Dann verbreitete sich die Kunde wie ein Lauffeuer, daß der Wind umgeschlagen war. Es wehte plötzlich ein scharfer Nord, der das Schiff unbarmherzig nach Süden trieb--ins offene Meer, ins Nichts.
Madeira rückte wieder in weite Ferne. Die Trinkwasserbehälter aber waren leer. — Michel blieb stumm. Was sollte er auch sagen? Zu ändern war nichts mehr. Als er des Nachts bei einem Rundgang auf den Rittmeister stieß, meinte er nur verächtlich: »Ihr habt den Horizont eines Vierjährigen, Herr von Eberstein. Es ist unverantwortlich, daß Leuten wie Euch die Führung von anderen Menschen anvertraut wird. Wenn wir uns nicht sowieso in hoffnungsloser Lage befänden, so würde ich die Erziehung, die Euer Vater offensichtlich an Euch versäumt hat, jetzt handgreiflich nachholen. Ihr seid ein — Lausejunge, wie man so schön in Berlin sagt.«
Eberstein verzog sein Gesicht. Wahrscheinlich sollteein zynisches Lächeln daraus werden; aber es lag nur ein ausgesprochen törichter Ausdruck in seinen Zügen.
»Ihr denkt wohl mit Trauer daran«, faselte er, »daß Ihr nun Euer schönes Fräulein Braut in Kassel nicht mehr wiedersehen werdet, was? Na, die Kleine wäre auch zu schade gewesen für einen Kerl wie Euch.«
Michel konnte nur den Kopf schütteln. Die Bemerkung des unbeherrschten Rittmeisters ließ ihn kalt. Wozu sollte er sich mit einem so unreifen Burschen herumstreiten? Selbst für eine Maulschelle waren ihm im Augenblick seine Kräfte zu kostbar.
Plötzlich hörte er von dem behelfsmäßigen Ausguck einen Ruf, der ihm wie Metall in die Knochen fuhr. Deste hatte Wache. Und wieder war es die Stimme des treuen Spaniers. Seine Worte hatten eine magische Kraft: »Schiff steuerbord voraus. Fährt mit Positionslampe!«
Michel gab die Meldung in deutscher Sprache weiter. Ein ohrenbetäubendes Geheul setzte ein. Jardin band das Steuer fest und rannte in die Kajüte, wo er vor ein paar Wochen eine Schachtel mit Leuchtraketen gefunden hatte. Außer Atem stand er jetzt neben Michel. »Sollen wir--wollen wir--sie anzünden?«
Ein paar Minuten später zischte die erste rote Notrakete in den nächtlichen Himmel empor. Als die ersten zehn verschossen waren, wartete man fieberhaft auf Antwort. Aber es ereignete sich nichts.
»Was gibts, Carlos Deste? Hast du das Schiff noch im Rohr?« Schweigen...
Dann kam die niederschmetternde Antwort aus dem Ausguck:
»Sie haben die Positionslampen gelöscht. Es ist nichts mehr zu sehen.«
»Demonio«, schrie Jardin weinend, »sie wollen uns nicht retten! Wer seine Positionslampe
versteckt, hat die Absicht, ungesehen zu entkommen. Maria, heilige Mutter Gottes, hilf!«
Der Kleine brach dort, wo er stand, zusammen. Die Nervenanspannung war zuviel für ihn.
»Weiter Ausschau halten, Deste«, rief Michel. Aber er hatte selbst keine Hoffnung mehr. In seiner Stimme schwang deutlich seine Niedergeschlagenheit mit.
Die Soldaten drängten sich an der Reling. Ihnen war überhaupt noch nicht der ganze Ernst der Situation klargeworden. Mit fiebrigen Augen starrten sie in die Dunkelheit. Diaz Ojo war der einzige, der nicht restlos verzweifelte. Er hatte jahrelang alle Meere befahren und wußte, daß ein rechter Seemann den anderen niemals im Stich ließ, wenn er sich in Not befand. Vielleicht hatte dieses Schiff besondere Gründe, sich nicht sehen zu lassen. Wenn man aber selbst hartnäckig genug war, sich immer wieder in Erinnerung zu bringen, dann wurde selbst ein Pirat weich und eilte zu Hilfe.
Ojo setzte sich auf eine Taurolle und schoß alle zehn Minuten eine Leuchtrakete ab. Er ließ in dieser Beschäftigung nicht nach, bis auch die vorletzte Schachtel leer war. Die letzte wollte er aufheben, falls man doch noch einmal ein paar von diesen Dingern brauchen sollte. Man konnte nie wissen. Manchmal war die Rettung näher, als man für möglich hielt. »Siehst du wieder etwas, Carlos?« fragte er seinen Kameraden im Ausguck. »Nada — nichts«, war die hoffnungslose Auskunft.
»Sie scheinen in Seenot zu sein, o Herr, sie schießen rote Raketen in die Nacht, die Allah dem Menschen zur Ruhe geschaffen hat.«
»Glaubst du, ich bin blind, du Esel?« fuhr der Kapitän der »Medina« seinen Steuermann an. Der kreuzte die Arme über die Brust, verbeugte sich leicht und zog sich, ohne ein Wort zu sagen, zurück.
»He, Ibn Kuteiba, wo willst du hin? Hat dir Allah den Verstand verwirrt, daß du dich ohne Gruß
von deinem Herrn entfernst?« schimpfte der Kapitän hinter ihm her.
Ibn Kuteiba drehte sich wieder um, verbeugte sich abermals und murmelte:
»Allah verleihe dir tausend Jahre und einen gesunden Schlaf, o Herr--Sabr l'abr nur.«
Der Kapitän beachtete ihn nicht weiter. Seinem Bedürfnis nach Autorität war Genüge getan. Angestrengt schaute er dorthin, wo in Abständen von etwa zehn Minuten rote Raketen den Nachthimmel durchzogen. »Abul Mahasin«, schrie er plötzlich.
Der Gerufene war einer seiner Offiziere, und als dieser nicht unmittelbar nach dem Gebrüll erschien, ließ er eine ganze Serie von Flüchen vom Stapel.
»Wo bleibst du, du lausiger Kerl, der sich frech einen Offizier nennt! Wo hast du deinen Verstand, daß du mich warten läßt!? — kuss omek[1], ich lasse dich schlachten und in eine Wildschweinhaut einnähen, du Hundesohn!«
Abul Mahasin kam wie ein gejagter Bulle über Deck gestampft. Die Planken erzitterten unter der Wucht seiner Schritte.
»Ich eile, ich renne, ich fliege, o Herr--da bin ich!« rief er außer Atem und stand vor seinem Kapitän. Dieser lachte plötzlich, als seine Blicke über die große, schwere Gestalt glitten. »Maschallah, wie kann man so erhitzt sein von den paar Schritten! Du darfst nicht so viel essen, Abul Mahasin, sonst trägt dich das Schiff nicht mehr, und ich muß mich nach einem anderen Offizier umsehen.« Abul Mahasin erbleichte.
»Oh, das ist nicht nötig, Herr, ich werde mich nach dieser anstrengenden Seereise von meinen Frauen massieren lassen — — ich werde mich im Dampfbad durchkneten lassen — ich werde jedes Gramm Fett von meinem Körper verjagen und schlank sein wie der Hauptmast unseres Schiffes, welches Allah segnen möge.«
Der Kapitän wandte seine Blicke wieder dem Meer zu.
»Sieh dir dieses Feuerwerk an, Abul Mahasin. Was hältst du davon?«
Abul Mahasin legte die Stirn in Falten. Denken war nie seine Stärke gewesen. Dennoch war er schon so vielen christlichen Schiffen begegnet, daß er die Bedeutung der Raketen kannte. »O Herr, es scheint, daß sich das Schiff dort in Seenot befindet. Vielleicht sollten wir näher heransegeln und — —«
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Verflucht sei deine Mutter