El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Du hast streng nach dem Gebot des Propheten gehandelt, Sayd. Wer sollte es wagen, dich dafür zu tadeln?« antwortete der Steuermann diplomatisch.
»Aber ich habe eine ganze Kompanie Soldaten ungeschoren gelassen, die ich doch hätte mit Leichtigkeit überwinden können. Ist das nicht gegen die Gesetze des Daj?« Ibn Kuteiba bewegte wägend den Kopf.
»Es kommt darauf an, wie man es auslegt, o Herr. Ich weiß, wir alle haben einen Feind an Bord. Aber ich kenne nicht seinen Einfluß an höchster Stelle. Allah verzeihe mir diese Offenheit.« »Du meinst Abdallah, nicht wahr?« Kuteiba nickte.
»Maschallah«, fuhr der Kapitän auf, »sollte es nicht möglich sein, seine Schläue durch deine Weisheit zu übertreffen?«
Der Steuermann wiegte abermals den Kopf. Das schien eine seiner stereotypen Bewegungen zu sein, mit der er die Wichtigkeit seiner Gedanken unterstreichen wollte.
»Man kann vieles tun, Sayd. Man kann zum Beispiel den Wert der gefangenen Sklaven so bemessen, daß der Pascha mit dir zufrieden sein wird. Allah scheint dem Franzosen viel Verstand verliehen zu haben. Man muß ihn für uns zu nutzen suchen. Du weißt, unser Daj liebt es, sich mit den Weisheiten des Abendlandes zu umgeben.«
Abu Hanufa al Dinaweri klatschte abermals in die Hände.
»Schafft mir sofort den großen Sklaven mit den blauen Augen und dem blonden Haar zur Stelle!« schrie er den kriechenden Diener an. Ibn Kuteiba nickte beifällig. Sie warteten. Es vergingen einige Minuten. Dann wurde Michel Baum in die mit orientalischer Pracht ausgestattete Kabine des Kapitäns gestoßen. Er war noch immer so fest verschnürt, daß er sich kaum bewegen konnte.
Mit der verblüffenden Frage »Was kannst du?« wurde er empfangen.
Michel ärgerte sich darüber, daß man ihn derartig gefesselt vernehmen wollte. Zudem hatte er einen so quälenden Durst, daß ihm die Zunge wie Feuer im Munde brannte. Er schwieg. »Willst du nicht antworten?« fragte Kuteiba wieder auf französisch. Michel schwieg. »Sollen wir dir die Bastonnade geben, damit du reden lernst?«
»Ich antworte nur, wenn es mir gefällt, merk dir das«, sagte Michel lallend; denn seine Zunge war dick geschwollen vor Durst.
Ibn Kuteiba lachte und übersetzte seinem Herrn, was der Sklave gesagt hatte. Der Kapitän wollte auffahren. Aber der Steuermann beschwichtigte ihn.
»Zürne nicht, o Herr, ich habe den Eindruck, daß wir in dem Gefangenen einen ungewöhnlichen Menschen vor uns haben. Er wird für unsere Pläne wie geschaffen sein.«
Abu Hanufas Züge klärten sich.
»Frage ihn, wann es ihm gefällt zu reden!«
»Wenn ich Wasser zu trinken bekomme und ihr mir die Fesseln lockert«, antwortete Michel. »Auch meine Kameraden sind halb verdurstet. Und doch kann ich ohne ihre Hilfe meine Kunst nicht ausüben.«
Kuteiba horchte auf. Was für eine Kunst meinte der Mann?
»Wie meinst du das?« fragte er, nachdem er für seinen Herrn übersetzt hatte.
»Erst Wasser. Sonst sage ich nichts!«
Der Kapitän nickte. Kuteiba nahm dem Gefangenen die Handfesseln ab, ließ aber die Oberarme weiterhin eng am Körper gefesselt. Dann gab er ihm einen Krug. Michel stürzte das Naß, das ihm wie ein nie genossener Göttertrank erschien, gierig hinunter. »Nun erzähle. Wir haben deinen Wunsch erfüllt.« Michel schüttelte den Kopf.
»Nicht bevor meine Kameraden ebenfalls Wasser bekommen haben.«
Der Kapitän bewilligte auch das. Man wies einen Diener an, die Gefangenen sofort mit Wasser zu versorgen.
»Also du sprachst von einer Kunst, die du beherrschst? Was ist das für eine Kunst?«
»Ich bin Arzt, ein Wunderarzt, der alle Krankheiten heilen kann, sofern ich mit meinen Helfern zusammenarbeiten darf. Sie sind alle studierte Medizingehilfen.«
»Ah--«, der Steuermann übersetzte und »Ah--«, erklang es ebenso gedehnt aus dem Mund des Kapitäns.
Michel sah mit Erstaunen die Genugtuung, die den beiden deutlich im Gesicht geschrieben stand.
»Ich bin auch Musiker«, fuhr er, kühner und zuversichtlicher geworden, fort. »Ich mache Musik, daß jeder, der zuhört, das Gefühl hat, als wäre er im Himmel.«
»Gib uns eine Probe deiner Kunst«, forderte der Steuermann erwartungsvoll.
»Habt Ihr ein Spinett?«
»Ein was?«
»Nun, ein Spinett, auf dem man spielen kann. Wie soll ich sonst Musik machen?«
Ibn Kuteiba übersetzte. Der Kapitän schaute dumm drein. Er wußte offenbar genau so wenig wie sein Steuermann, was Michel meinte.
»Kannst du nicht ohne dieses — — — wie heißt es?«
»Spinett«, sagte Michel und hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken.
»Eben, Spinett. Also kannst du nicht ohne dieses Spinett Musik machen?«
Michel stellte eine Gegenfrage.
»Wie kommt es, Ibn Kuteiba, daß du so gut französisch sprichst und doch noch nie in Frankreich ein Spinett gesehen hast?«
»Das ist sehr einfach. Ich habe es auf der Schule des Sultans in Istanbul gelernt. Man lernt dort vieles. Ja, da staunst du, nicht wahr? Solche Schulen habt ihr sicher nicht.« Die Primitivität des arabischen Gelehrten wirkte lächerlich, aber Michel schüttelte dennoch ernsthaft den Kopf.
»Ich bewundere deine Klugheit, Ibn Kuteiba, und die des Kapitäns. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß es so kluge Menschen unter den Arabern gibt.«
Kuteiba warf sich in die Brust und wiederholte die Worte des Sklaven wörtlich dem Kapitän. DessenGesicht glänzte vor Selbstzufriedenheit. Er richtete sich auf. Man sah förmlich, wie seine Brust vor Stolz schwoll.
»Sage ihm«, wandte er sich an seinen Steuermann, »ich schätze Menschen, die so kluge Dinge zu sagen verstehen.«
Michel frohlockte innerlich. Deste hatte ihm im Lauf der vergangenen Stunden über die Art, wie die Araber leben und handeln, eine Lektion erteilt. Da Michel ein geradezu erstaunliches Einfühlungsvermögen besaß, hatte er sich entschlossen, in diesem ganz besonderen Fall die Komödie eines unterwürfigen Sklaven zu spielen; denn er dachte gar nicht daran, sein Leben damit aufs Spiel zu setzen, daß er diesen Arabern eine andere Anschauung von der Welt beizubringen versuchte. Wenn er schon nicht der Gefangenschaft entrinnen konnte — wenigstens im Augenblick nicht — dann mußte man alle Möglichkeiten ausnutzen, das Sklavenleben erträglich zu gestalten, bis — — — »Welcherlei Künste beherrschst du noch?« Michel überlegte nicht lange.