Die Chronolithen [The Chronoliths - de]
- Автор: Уилсон Роберт Чарльз
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-52105-6
- Переводчик: Hendrick P. Lickens
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Chronolithen [The Chronoliths - de]». Краткое содержание книги:
»Magie kennt keine Grenzen«, sagte sie, »Magie ist bekanntlich nur durch die Erfahrung des Magiers oder die Launen der übernatürlichen Welt begrenzt. Aber die Grenzen der Chronolithen werden durch die Natur bestimmt, sie sind streng gezogen und völlig berechenbar. Kuin sendet seine Monumente ungefähr zwanzig Jahre in die Vergangenheit, weil dahinter die technische Barriere unüberwindlich wird — noch ein Stück weiter, und der Energiebedarf steigt logarithmisch, schnellt schon bei der winzigsten Masse gegen unendlich.«
Unser Konvoi bestand aus acht großen geschlossenen Militär-Lkws und doppelt so vielen Vans und Mannschaftswagen. Sue hatte im Laufe der Jahre eine kleine Truppe gleichgesinnter Individuen zusammengestellt — mit einem harten Kern aus Hochschullehrern und graduierten Studenten, die die Tau-Interventionsapparaturen zusammengebaut hatten; als flankierende Maßnahme kam bei dieser Expedition noch das Militär hinzu. Alle Fahrzeuge waren im Blau der Vereinigten Streitkräfte gespritzt, so dass wir wie jeder andere Militärkonvoi aussahen, ein alltäglicher Anblick selbst auf diesen beinah entvölkerten Highways im Westen.
Ein paar Meilen hinter der Grenze fuhren wir auf ein Zeichen des Leitfahrzeugs an den Straßenrand und standen Schlange, um an einer verwaisten kleinen Sunshine-Volatiles-Station aufzutanken. Sue schaltete die Klimaanlage aus, und ich fuhr mein Seitenfenster herunter. Der Himmel war grenzenlos blau, hier und da ein paar hohe Wolkenfetzen. Die Sonne stand fast im Zenit. Hinter einer braunen Wiese schwirrten Spatzen um einen rostigen Bohrturm. Die Luft roch nach Hitze und Staub.
»Die Chronolithen unterliegen vielerlei Beschränkungen«, fuhr Sue in einem schläfrigen, leiernden Tonfall fort. »Die Masse zum Beispiel oder präziser die Masse-Äquivalenz, wenn man davon ausgeht, dass die Chronolithen nicht aus herkömmlicher Materie bestehen. Wisst ihr, dass es bis jetzt noch keinen Chronolithen mit einer Masse-Äquivalenz von mehr als zweihundert metrischen Tonnen gibt. Und das bestimmt nicht, weil es Kuin am nötigen Ehrgeiz fehlt. Er würde sie bis an den Mond bauen, wenn er könnte. Aber noch maclass="underline" Ab einem bestimmten Punkt schießt der Energiebedarf exponentiell in die Höhe. Auch die Stabilität leidet. Nebenwirkungen kumulieren. Weißt du, was aus einem Chronolithen wird, Scotty, der nur eine Winzigkeit über dem theoretischen Massenlimit liegt?«
Ich verneinte.
»Er würde instabil werden und sich selbst zerstören. Womöglich auf spektakuläre Weise. Seine Calabi-Yau-Geometrie würde sich entfalten. Man stelle sich das mal vor — praktisch eine Katastrophe.«
Aber eine solche Dummheit hätte Kuin nicht begangen. Kuin, sagte ich mir, war die ganze Zeit über ziemlich clever gewesen. Und das versprach nichts Gutes für unsere kleine spinnerte Expedition in diesen von der Sonne heimgesuchten Westen.
»Ich brauche 'ne Cola«, sagte Sue unvermittelt. »Ich bin staubtrocken. Könntest du mir eine besorgen, ich meine, falls es so was hier zu kaufen gibt.«
Ich nickte, kletterte aus dem Van auf den gekiesten Straßenrand hinunter und marschierte an den wartenden Lkws vorbei. Das Sunshine-Depot war ein einsamer Außenposten, eine alte Halbkuppel, die einen Laden und eine Reihe stark verrosteter Benzintanks beschattete. Die Teerdecke wurde von feinen Staubverwehungen gesäumt. In der Tür stand ein alter Mann, beschattete die Augen mit der Hand und blickte an der Fahrzeugschlange entlang. Das war vermutlich mehr Kundschaft, als er in den letzten zwei Wochen gesehen hatte. Aber besonders glücklich schien ihn das nicht zu machen.
Vollautomatische Service-Module orientierten sich unter dem Chassis des Leitfahrzeugs, tankten es auf und reinigten die Unterseite. Auf einer hoch angebrachten großen Tafel wurden Menge und Preis angezeigt, Sonne und Sand hatten das Acrylglas getrübt.
»Heh«, sagte ich. »Hat wohl länger nicht geregnet hier.«
Der Tankwart nahm die Hand herunter und starrte mich schief an. »Nicht seit Mai«, sagte er.
»Haben Sie kalte Getränke im Laden?«
Er zuckte die Achseln. »Paar Sorten Limo.«
»Kann ich mal sehen?«
Er machte mir den Weg frei. »Ist Ihr Geld.«
Nach der sengenden Hitze kam einem das schattige Innere fast kalt vor. Es war nicht eben viel in den Regalen. In der Kühltheke lag Coca Cola, Root-Beer und Orangenlimonade. Ich griff drei Büchsen heraus.
Der Tankwart tippte die Artikel ein und starrte so intensiv auf meine Stirn, dass ich mir irgendwie gebrandmarkt vorkam. »Stimmt was nicht?«, fragte ich ihn.
»Ich fahnde nach der Zahl.«
»Zahl?«
»Des Tieres«, sagte er und zeigte auf einen Aufkleber, mit dem er die Stirnseite der Kasse verziert hatte:
I'M READY FOR THE RAPTURE! HOW ABOUT YOU?[36]
»All I'm ready for is a cold drink«, parierte ich. »Dachte ich mir.«
Er folgte mir aus dem Laden und blickte mit zusammengekniffenen Augen an der Kolonne entlang.
»Sieht aus, als kam der Zirkus in die Stadt.« Er spuckte geistesabwesend in den Staub.
»Gibt's 'nen Toilettenschlüssel?«
»Am Haken um die Ecke.« Er zeigte mit dem Daumen nach links. »Wär'n Traum, wenn Sie anschließend spülen würden.«
Der Standort des zu erwartenden Chronolithen — durch Satellitenüberwachung ermittelt und durch Strahlenmessungen vor Ort präzisiert — war so rätselhaft und so unplausibel wie so viele Chronolithenorte.
Ländliche, kleinstädtische oder sonstwie relativ harmlose Chronolithen wurden gemeinhin mit »strategisch« und Katastrophen wie der Bangkok- oder Jerusalem-Chronolith mit »taktisch« etikettiert. Wie sinnvoll diese Unterscheidung war, darüber ließ sich streiten.
Der Wyoming-Chronolith zählte jedenfalls zur Kategorie strategisch. Wyoming ist im Grunde ein hohes, unfruchtbares Tafelland, das von Bergen unterbrochen wird — the land of high altitudes and low multitudes, wie ein Gouverneur des zwanzigsten Jahrhunderts gesagt hatte. Ölreserven und Viehbestand waren nicht gerade anfällig für Chronolithen, zumal der Ort des Geschehens weder das eine noch das andere zu bieten hatte — höchstens ein paar Präriehundbaue und zerfallende Farmgebäude. Die nächste Stadt war Modesty Creek, nicht mehr als ein Dorf mit Postamt, fünfzehn Meilen eine zweispurige Teerstraße hinunter durch braunes Grasland mit Basaltbuckeln und vereinzelten Pappelgehölzen. Wir verließen die Straße mit der gebotenen Vorsicht und während wir uns dem Ziel näherten, unterbrach Sue immer wieder ihren Monolog, um die dichten Flecken von Salbei und wilden Nesseln zu bewundern.
»Was hat hier ein Chronolith verloren?«, dachte ich laut.
»Gute Frage«, sagte Sue. »Irgendetwas muss dahinterstecken. Das ist wie beim Schach, wenn dein Gegner plötzlich und scheinbar grundlos seinen Läufer an den Rand zieht. Entweder macht er einen unglaublich dummen Fehler oder es ist eine Finte.«
Eine Finte also: ein Ablenkungsmanöver, eine Täuschung, eine Provokation, eine Falle. Aber das sei völlig egal, meinte Sue. Was immer der Chronolith bezwecke, er würde damit nicht zum Zuge kommen. »Aber die Kausalität ist extrem verschlungen«, gab sie zu. »Ein Knoten im anderen. Kuin hat den Vorteil, dass er uns zeitlich voraus ist. Wie er gegen uns vorgeht, bleibt uns verborgen. Wir wissen sehr wenig über ihn, aber er weiß wahrscheinlich sehr viel über uns.«
Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatten wir alle Fahrzeuge von der Straße abgezogen. Eine Vorhut hatte bereits den fraglichen Ort erkundet und die Peripherie mit Absteckpfählen und gelbem Band markiert. Der Himmel war noch so hell, dass Sue mit kleiner Besetzung eine Erhebung erklomm, von wo aus wir Grasland überblicken konnten, das etwa so attraktiv war wie der abgesteckte Bereich für ein geplantes Einkaufszentrum.
36
Anspielung auf das Neue Testament: Offenbarung an Johannes