Die Chronolithen [The Chronoliths - de]
- Автор: Уилсон Роберт Чарльз
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-52105-6
- Переводчик: Hendrick P. Lickens
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Chronolithen [The Chronoliths - de]». Краткое содержание книги:
Weder Whit noch Janice hatten wissen können, dass sich einer der Milizionäre schon länger für die Aktivitäten von Sue Chopra und Hitch Paley interessierte, und zwar aus ganz persönlichen Gründen:
Adam Mills. In einer ekstatischen Antinostalgie war Adam in seine Heimatstadt zurückgekehrt, entzückt, dass seine Lebensfäden auf so merkwürdige und befriedigende Weise wieder zu sich selbst gefunden hatten. Er muss das wohl als Fügung erlebt haben; er muss sich eminent wichtig vorgekommen sein.
Hätte er die Formulierung gekannt, er hätte sich »tief in der Tau-Turbulenz« gewähnt. In den Wirren nach dem Portillo-Ereignis hatte Adam durch Erfrierungen zwei Fingerspitzen verloren — nicht zufällig die gleichen Fingerspitzen, die er Hitch später mit der Machete abtrennen sollte —, und das hatte ihm ein Gefühl von Auserwähltsein gegeben, als sei er von Kuin persönlich gesalbt worden.
Bei der Auseinandersetzung in Whits Haus ging es nicht eben leise zu. Doch Kait, die im Apartment über der Garage schlief, wurde Gott sei Dank nicht wach davon. Sie blieb verschont.
Vorerst.
Da ich nach der Schießerei an der Straße nicht schlafen konnte, vertrat ich mir mit Ray Mosely in dem aufgewühlten Bereich zwischen Reaktor und Unterkünften die Füße.
Das Lager kam wieder zur Ruhe, und abgesehen vom gedämpften Summen der Generatoren war nicht mehr viel zu hören. Schließlich wurde die Stille geradezu hörbar — man wurde sich ihrer bewusst, einer tiefen und starken Stille da draußen jenseits des Einzugsbereichs der Lampen.
Mein Umgang mit Ray war nie besonders vertraut gewesen, doch wir waren uns im Laufe dieses Unternehmens ein wenig näher gekommen. Kennen gelernt hatte ich ihn als unheimlich belesenen, unsicheren Tiefstapler, der nichts mehr fürchtete als seine Verwundbarkeit. Das hatte ihn defensiv und spröde gemacht. Und so war er immer noch. Doch er war auch das Endergebnis jahrelanger zwanghafter Selbstverleugnung, mittleren Alters inzwischen, und kannte durchaus die eine oder andere seiner Unzulänglichkeiten.
»Sie machen sich Sorgen wegen Sue«, sagte er.
Ich war mir nicht sicher, ob ich darüber reden sollte. Aber wir waren allein, niemand hörte mit. Höchstens ein paar Eselhasen.
Ich sagte: »Sie steht deutlich unter Stress. Und sie geht nicht besonders um damit.«
»Würden Sie es besser machen? An ihrer Stelle?«
»Wahrscheinlich nicht. Aber wie sie schon redet. Wissen Sie, was ich meine. Mir kommt sie allmählich ein bisschen stur vor. Und dann fängt man an, sich zu fragen…«
»Ob sie noch bei Verstand ist?«
»Ob die Logik, die uns hergebracht hat, wirklich so wasserdicht ist, wie Sue behauptet.«
Ray schien nachzudenken. Er grub die Hände in die Hosentaschen und bedachte mich mit einem traurigen Lächeln. »Man kann der Mathematik schon trauen.«
»Nicht die Mathematik macht mir Sorgen. Wir sind nicht wegen der Mathematik hier, Ray. Wir sind schon zehn bis fünfzehn Saltos darüber hinaus.«
»Wollen Sie damit sagen, dass Sie ihr nicht mehr trauen?«
»Was heißt das schon? Halte ich sie für ehrlich? Ja. Meint sie es gut? Natürlich meint sie es gut. Aber traue ich auch ihrem Urteilsvermögen? Und da bin ich mir nicht mehr so sicher.«
»Sie waren bereit mitzukommen.«
»Sie kann sehr überzeugend sein.«
Ray hielt inne und blickte in die Dunkelheit hinaus, am stählernen Gerüst des Tau-Reaktors vorbei, über das Gestrüpp und die mondbeschienenen Wildgräser hinweg bis zu den Sternen. »Vergessen Sie nicht, was sie aufgegeben hat, Scott. Was hätte sie für ein Leben haben können. Sie hätte geliebt werden können.« Er lächelte matt. »Ich weiß, dass alle wissen, was ich für sie empfinde. Ich weiß auch, wie lächerlich das ist. Ich bin ein verdammter Clown. Ein Hornochse. Sie ist ja nicht mal heterosexuell. Aber wenn nicht ich, dann eben jemand anders. Eine von diesen Frauen, mit denen sie sich verabredet, um sie gleich wieder fallen zu lassen, die zu ihrem Leben gehören wie Textpassagen, die man einfügt und wieder streicht. Aber sie hat sie vor den Kopf gestoßen, weil ihr die Arbeit mehr bedeutete, und je härter sie arbeitete, umso wichtiger wurde ihre Arbeit und jetzt hat sie sich total ihrer Arbeit verschrieben, sie ist Teil ihrer Arbeit. Jeder Schritt, den sie jemals getan hat, war ein Schritt nach hier, Scott.
Jetzt und hier muss selbst Sue sich fragen, ob sie noch bei Sinnen ist.«
»Heißt das, wir schulden ihr den Zweifel?«
»Nein«, sagte Ray. »Wir schulden ihr mehr als Zweifel. Wir schulden ihr unsere Loyalität.«
Wie immer bedacht, das letzte Wort zu haben, wählte er diesen Augenblick, um sich abzuwenden und zu den Unterkünften zurückzukehren.
Ich blieb zurück, stand stumm zwischen Mond und Flutlicht. Von hier aus wirkte der Tau-Reaktor reichlich klein. Ein Winzling, um damit derart Gewaltiges auszuhebein.
Als ich erst einmal schlief, schlief ich tief und fest. Gegen Mittag wachte ich auf; unter dem durchscheinenden Dach der aufgepumpten Unterkunft lagen außer mir noch ein paar Wachleute der Frei- und Nachtschicht.
Niemand hatte daran gedacht, mich zu wecken. Alle hatten zu viel um die Ohren.
Ich trat aus dem gedämpften Licht der Unterkunft in die brennende Sonne hinaus. Der Himmel war scheußlich hell, eine dünne blaue Glasschale zwischen Prärie und Sonne. Aber der Lärm war schlimmer. Wer schon einmal in der Nähe eines gut besetzten Baseballstadions war, der kennt diese Kulisse aus raunenden Stimmen.
Im Kantinenzelt stieß ich auf Hitch Paley.
»Mehr Presse als verabredet, Scotty«, sagte er. »Ein ganzer Mob verstopft die Straße. Die Highway-Patrol versucht die Fahrbahn zu räumen. Weißt du, dass man uns im Kongress schon anprangert? Es gibt Leute, die gehen jetzt schon in Deckung, für alle Fälle.«
»Glaubst du, wir haben eine Chance?«
»Vielleicht. Wenn man uns Zeit lässt.« Aber die ließ man uns nicht. Eine Lkw-Ladung kuinistischer Milizen rückte an, und als der nächste Tag heraufdämmerte, hatte die Schießerei schon begonnen.
Vierundzwanzig
Ich weiß, wonach die Zukunft riecht.
Die gegenwärtige Zukunft, die der Vergangenheit aufgezwungene; diese Mischung aus Vergangenheit und Zukunft, aus zwei an sich harmlosen Substanzen, die vermischt giftig sind. Die Zukunft riecht wie alkalischer Staub und ionisierte Luft, wie heißes Metall und Gletschereis. Und kein bisschen nach Schießpulver.
Die Nacht war relativ ruhig gewesen. Heute, am Tag der Ankunft, weckte mich sporadisches Gewehrfeuer aus einem kurzen Erschöpfungsschlaf — es war nicht so nahe, dass ich gleich in Panik geriet, aber so nahe, dass ich mich mit dem Anziehen beeilte.
Hitch saß wieder im Kantinenzelt und leerte eine Pappschüssel mit kalten Bohnen. »Setz dich«, sagte er selbstgefällig. »Alles unter Kontrolle.«
»Hört sich aber nicht so an.«
Er streckte sich und gähnte. »Was du da hörst, ist ein Haufen Kuinisten weiter südlich an der Straße, die Zoff mit unseren Sicherheitskräften haben. Ein paar sind bewaffnet, aber alles, was sie wollen, ist in die Luft ballern und mit der Faust drohen. Eigentlich sind sie Zuschauer. Hinzu kommen etwa genauso viel Journalisten, die näher heran wollen, als der Zaun es erlaubt. Unsere Soldaten machen sie zur Schnecke. Sue will sie nahe dabei haben, aber eben nicht zu nah.«
»Wie nah ist zu nahe?«
»Gute Frage. Die Studenten und Techniker sind alle unten am Bunker. Die Presseleute richten sich ein bisschen weiter östlich ein.«
Der sogenannte Bunker war eine Art Schützengraben mit Holzdach gut eine Meile vom Reaktor entfernt; hier hatte Sue die Apparate zur Überwachung und Einleitung des Tau-Ereignisses installieren lassen. Der Graben war mit Heizöfen ausgerüstet, um wenigstens ein bisschen Schutz vor dem Kälteschock zu bieten; außerdem ließ sich die Anlage gegen den Beschuss mit leichten Handfeuerwaffen verteidigen.