Die Familie ohne Namen
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Familie ohne Namen». Краткое содержание книги:
Unter denjenigen, welche im engeren Zusammenhange mit unserer Erzählung stehen, zählte man ebenfalls einige Opfer. Wenn Johann ohne Namen sich wie ein Löwe geschlagen, wenn er, immer in der ersten Reihe der Seinigen und im dichtesten Handgemenge, heute denen, die mit und die gegen ihn waren, offen gegenüberstand, so war es ein wirkliches Wunder zu nennen, daß er ohne jede Verwundung davon kam, während so viele Andere minder glücklich waren. Nach Remy wurden noch zwei seiner Brüder, Michel und Jacques, von Kartätschensplittern schwer verwundet, von Thomas und Pierre Harcher aus dem Lager weggetragen und damit dem wilden Gemetzel entzogen, mit dem die Königlichen ihren Sieg krönten.
William Clerc und Vincent Hodge hatten sich ebenfalls nicht geschont. Zwanzigmal hatte man sie, Flinte und Pistole in der Hand, sich mitten unter die Belagerer stürzen sehen. Während des hitzigsten Gefechtes waren sie Johann ohne Namen bis zu der auf der Höhe des Hügels befindlichen Batterie gefolgt. Da wäre Johann getödtet worden, wenn Vincent Hodge nicht den Schlag abgelenkt hätte, den ein Unterofficier des Geschützes nach ihm führte.
»Ich danke, Herr Hodge! sagte Johann zu ihm. Vielleicht haben Sie aber doch Unrecht gethan!... Jetzt wäre dann Alles vorbei!«
In der That wäre es vielleicht besser gewesen, wenn Simon Morgaz' Sohn hier auf dem Platze blieb, da die Sache der Unabhängigkeit auf dem Schlachtfelde von St. Charles unterliegen sollte.
Schon hatte Johann sich wieder in das Getümmel geworfen, als er am Fuße des Hügels Herrn de Vaudreuil im Blute schwimmend auf der Erde liegen sah.
Der tapfere Freund seines Vaterlandes war von einem wuchtigen Säbelhiebe getroffen worden, als die Reiter Whiterall's über das Lager hereinsprengten, um die Vernichtung der Aufständischen zu vollenden.
In diesem Augenblick erschien es Johann, als ob eine innere Stimme ihm zurief: »Rette meinen Vater!«
Gedeckt vom Pulverdampfe - schlich sich Johann zu dem bewußtlosen, vielleicht schon gestorbenen Herrn de Vaudreuil hin; er nahm ihn auf die Arme und trug ihn längs der Verschanzungen hin; dann gelang es ihm auch, während die Reiter die Rebellen scharf verfolgten, inmitten der brennenden Häuser den höher gelegenen Theil von St. Charles zu gewinnen und mit seiner Last in die Vorhalle der Kirche zu flüchten.
Es war jetzt um fünf Uhr Abends. Der Himmel wäre schon dunkel gewesen, wenn nicht aus den Ruinen des Fleckens züngelnde Flammen emporstiegen.
Der bei St. Denis siegreiche Aufstand war vor St. Charles niedergeworfen worden, und man konnte nicht einmal sagen, daß das einander ausgeglichen hätte. Nein, diese Niederlage mußte schlimmere Nachtheile für die nationale Sache haben, als der Sieg ihr wirkliche Vortheile gebracht hatte. Da dieselbe auch dem ersteren nachfolgte, vernichtete sie alle Hoffnungen, welche die Reformisten vorher etwa gehegt hatten.
Die Kämpfer alle, welche nicht das Schlachtfeld bedeckten, mußten so eilig flüchten, daß es gar nicht möglich wurde, ihnen einen Befehl zur Wiedersammlung zu ertheilen.
William Clerc sah sich gezwungen, in Begleitung des nur leicht verwundeten Andre Farran quer hinein ins Land zu entweichen. Nur unter tausend Gefahren gelang es beiden Männern, welche nicht das Mindeste von dem Schicksal de Vaudreuil's und Vincent Hodge's wußten, die Grenze zu überschreiten.
Und was sollte aus Clary de Vaudreuil werden in jenem Hause von St. Denis, wo sie auf Nachrichten wartete? Hatte sie von den Repressalien der Loyalisten nicht Alles zu fürchten, wenn es nicht auch ihr gelang zu entfliehen?
Das waren die Gedanken Johanns, als er sich im Hintergrunde der kleinen Kirche verbarg. Hatte Herr de Vaudreuil auch das Bewußtsein noch nicht wieder so erlangt, fühlte man doch den, wenn auch schwachen Schlag seines Herzens. Bei sorgsamer Pflege konnte er wohl gerettet werden, doch wo und wie würde er diese finden?
Hier galt kein Zögern, er mußte den Verletzten noch diese Nacht nach dem geschlossenen Hause schaffen.
Letzteres lag nicht weit entfernt, höchstens einige hundert Schritte, wenn er die Hauptstraße des Fleckens hinunterging. In der Dunkelheit, wenn die Soldaten Whiterall's St. Charles wieder geräumt, oder wenn sie Nachtquartier bezogen haben würden, wollte Johann ihn aufnehmen und in dem Hause seiner Mutter unterbringen.
Seiner Mutter!... Herr de Vaudreuil bei Bridget!... Bei der Gattin Simon Morgaz'!. Und wenn er nun jemals hörte, unter wessen Dach er ihn geschafft hatte.
Und doch, war er, der Sohn Simon Morgaz', nicht Gast der Villa Montcalm gewesen?. Er nicht der Waffengefährte des Herrn de Vaudreuil geworden?. Hatte er diesen nicht aus den Klauen des Todes gerettet?. War es denn wirklich so schlimm für Herrn de Vaudreuil, sein Leben der Pflege einer Bridget Morgaz zu verdanken?
Er sollte das übrigens nicht erfahren und Niemand das Incognito errathen, in welches sich die unglückliche Familie hüllte.
Nachdem er seinen Beschluß gefaßt, hatte Johann nur noch die gelegene Zeit zur Ausführung - einige Stunden später -abzuwarten.
Dann flogen seine Gedanken nach dem Hause in St. Denis, wo Clary die Niederlage der Patrioten erfahren sollte und, wenn sie ihren Vater nicht wiederkehren sah, vermeinen mußte, daß auch dieser gefallen sei. Doch würde es wohl möglich sein, sie zu benachrichtigen, daß Herr de Vaudreuil nach dem geschlossenen Hause geschafft worden war, und sie selbst den Gefahren zu entziehen, die ihr in jenem der Rache der Sieger preisgegebenen Flecken drohten?
Derlei Befürchtungen lasteten gar schwer auf Johann, neben der Qual, welche der letzte, für die nationale Sache so schreckliche Vorfall ihm bereitete. Jede Hoffnung, die man nach dem Siege bei St. Denis zu hegen berechtigt schien, Alles, was derselbe unmittelbar zu bewirken versprach, nämlich die Erhebung der Grafschaften, die Ausbreitung des Aufstandes über das Thal des Richelieu und des St. Lorenzo, die Brachlegung der königlichen Truppen, die Wiedererlangung der Unabhängigkeit, wobei Johann das Unrecht, welches der Verrath seines Vaters dem Lande zugefügt, wieder gut zu machen geglaubt hatte. Alles war verloren. Alles!
Alles?. Gab es denn keine Möglichkeit, den Kampf noch einmal aufzunehmen? Wäre der Patriotismus im Herzen der französischen Canadier getödtet gewesen, weil wenige Hundert Patrioten bei St. Charles schon mit dem Leben gezahlt hatten?. Nein! Johann konnte sein Werk nicht aufgeben. Er mußte kämpfen bis zum Tode.
Obgleich es schon recht dunkel war, erscholl in dem Flecken doch noch immer das Hurrah der Soldaten und tönte der Schmerzensschrei der Verwundeten durch die von den Flammen erhellten Straßen; nachdem die Feuersbrunst das Lager zerstört, hatte sie sich nämlich den benachbarten Gebäuden mitgetheilt, ohne daß Jemand hätte sagen können, wo sie wieder erlöschen würde. Wenn sie nun bis zum Ausgang des Fleckens weiterfraß. Wenn auch das geschlossene Haus zerstört und Johann weder seine Mutter noch deren Wohnstätte wieder fand?.
Diese Angst drohte ihn fast zu lähmen. Er selbst konnte ja durch das Land entfliehen, konnte die Waldmassen der Grafschaft erreichen und während der Nacht entkommen. Vor Tagesanbruch würde er für seine Person in Sicherheit sein. Doch was sollte dann aus Herrn de Vaudreuil werden? Wenn dieser in die Hand der Königlichen fiel, war er verloren, denn selbst die Verwundeten fanden bei dieser blutigen Affaire keine Schonung.
Gegen acht Uhr schien in St. Charles jedoch einige Ruhe einzutreten. Entweder waren die Einwohner nun vertrieben oder sie hatten sich nach Abzug der Whiterall'schen Colonne in die von dem Brande verschont gebliebenen Gebäude gerettet. Jetzt waren die Straßen menschenleer - jetzt galt es davon zu Nutzen zu ziehen.
Johann näherte sich vorsichtig der Thür der Kirche. Diese halb öffnend, warf er einen prüfenden Blick über den kleinen Platz vor dem Gotteshause und stieg die Stufen der Vorhalle hinab.