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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Hamid erwähnte kein Wort von dem Kauf des Säbels und von seiner eigenen Untreue. Er wußte so geschickt zu erzählen, daß er das Eigentliche wortreich überspielen konnte. Praktisch war der Gouverneur nach der Vernehmung nicht klüger als vorher. Immerhin wußte er jetzt, daß der Ausbrecher eingesperrt war, weil er seinen, Don Hernandos, Freund belästigt hatte. Don Hernando aber mußte seine Freunde schützen, wenn er weiterhin gute Geschäfte machen wollte. »Gut«, sagte er, »ich werde allen Offizieren und Mannschaften der Garnison Anweisung geben, daß sie den Schuft wiederbringen sollen, tot oder lebendig, damit mein Freund Hamid nicht weitere Unbill durch ihn erleidet. Allerdings nehme ich an, daß er die Stadt schon längst verlassen hat.« Hamid ging.

»Was haltet Ihr von der Sache?« fragte der Gouverneur seinen Sekretär. Der zuckte die Schultern.

»Wenn Ihr mir gestattet, die Wahrheit zu sagen, Don Hernando, so glaube ich, daß Hamid mit den Tatsachen sehr geschickt hinterm Berg gehalten hat.«

Don Hernando nickte gedankenvoll. Er befürchtete vor allem, daß aus der ganzen Angelegenheit wirklich noch ein Skandal werden könnte; denn das Unglück hatte es gewollt, daß in diesem Fall ein Mensch in das »Staatsgefängnis« eingeliefert worden war, der erstens keine Angst zu kennen schien und zweitens mit Verstand begabt war.

»Weshalb ist mir der Mann nicht zur Vernehmung vorgeführt worden, wenn er es doch verlangt hat?«

»Es wäre das erstemal in Eurer Amtszeit gewesen, Don Hernando, daß einem solchen Verlangen stattgegeben worden wäre.«

»Werdet nicht frech, amigo. Die Wächter mußten doch merken, daß sie es nicht mit einem einfachen Landstreicher zu tun hatten.«

»Es ist bei ihnen Gewohnheit, stur über jeden Wunsch der Gefangenen hinwegzugehen.« »Natürlich. Ist im allgemeinen auch nicht mehr als recht und billig. Aber in diesem Fall — in diesem ganz besonderen Fall--maldito, hoffentlich bekommen wir den Burschen bald wieder!«

»Hoffentlich«, stimmte der Sekretär zu. »Übrigens -was ich vergessen habe, Euch zu erzählen, ist, daß der Kerl ein Gewehr besitzen soll, mit dem man immerfort schießen kann, ohne laden zu müssen.«

Der Gouverneur warf ihm einen mitleidigen Blick zu, als zweifle er an seinem Verstand. »Ihr glaubt das doch hoffentlich nicht?«

»Die Verwundeten behaupten es. Und es scheint mir durchaus möglich, daß es den Tatsachen entspricht. Er hat sechs Mann, die ihm gegenüberstanden, innerhalb von wenigen Sekunden die Beine entzwei geschossen.«

»Mit einem Gewehr und allein? Unsinn. Was sagen die Offiziere dazu?«

»Sie haben den Sergeanten vernommen und sind von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugt.«

»Gibt es denn selbst unter meinen Offizieren einen Gespensterglauben?« »Gespensterglauben? Das will ich nicht sagen.« »Nun, was denn?«

»Nach Meinung des Sergeanten, der ja auch der Waffenmeister der Garnison ist, handelt es sich um eine neue Waffe. Er hatte die Muskete bei der Verhaftung des Kerls an sich genommen, ohne sich weiterhin Gedanken darüber zu machen. Die Konstruktion war so eigenartig, daß er sie für völlig veraltet hielt. Er wollte sie bei seinem nächsten Urlaub mit nach Spanien nehmen, um sie dort einem Raritätenhändler zu verkaufen.«

»Por Dios, ist der Kerl verrückt geworden? Weiß er nicht, daß alle beschlagnahmten Dinge in den Zuständigkeitsbereich des Gouverneurs gehören? Weshalb hat er mir das Gewehr nicht gezeigt?«

»Niemand ahnte etwas von der besonderen Bewandtnis dieser Waffe. Sie hing über dem Bett des Sergeanten als Wandschmuck und verstaubte. Keiner kümmerte sich um das Ding.« Don Hernando ging wie ein gefangener Löwe im Zimmer auf und ab. »Sagt dem Sergeanten, er soll den Mann mitsamt dem Gewehr wieder herbeischaffen, sonst schicke ich ihn auf die Festung. Stellt Euch vor, was es für eine Sache wäre, Seiner Majestät diese Waffe zu überbringen! Wenn in Toledo auf Hochtouren gearbeitet wird, dann kann dieses Gewehr sicherlich schnell nachgebaut werden. Damit wäre Spanien der Beherrscher der Erde. Könnt Ihr Euch die Schlagkraft einer Armee vorstellen, in der jeder Soldat mit dieser Muskete ausgerüstet wäre?«

Er redete sich in Feuer. Seine Begeisterung gipfelte in dem strengen Befehl, den Entflohenen um jeden Preis wieder herbeizuschaffen. »Hoffentlich gelingt es, Don Hernando!«

»Dem spanischen Soldaten ist nichts unmöglich. Der Kerl muß her!«

Der Sekretär verließ das Zimmer. Und der Gouverneur legte sich wieder hin. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Wenn nun tatsächlich eine Inspektion kam? Wenn die Gefangenen vernommen würden? Wenn man erfuhr, daß ein gewisser Kapitän zu gewissen Zeiten immer ein oder zwei Dutzend Gefangene mitnahm? Don Hernando stöhnte.

36

Der Gouverneur stand gesättigt vom Tisch auf. Da er Junggeselle war und keine Rücksicht auf die zarten Ohren einer Dame zu nehmen hatte, rülpste er ein paarmal laut und zufrieden. Dann zog er sich in sein Privatgemach zurück. Hier hielt er sich am liebsten auf. Neben seinem Lager stand ein silberner Kübel, der bis an den Rand mit Eis gefüllt war, ein unerhörter Luxus für die damalige Zeit. Ein Stück Eis von der Größe einer Männerfaust kostete damals soviel wie die Menge Brot, die ein Mann in einer Woche verbrauchte. Nicht weit davon befand sich ein bis zum Rand mit rotem Wein gefüllter Krug.

Mit einem Becher schöpfte Don Hernando das köstliche Naß aus dem Krug und gab aus dem Kübel jeweils ein Stückchen Eis dazu. Mit sichtlichem Behagen schlürfte er dann den kühlen Trank.

Auf diese Weise ließ sich das Leben sogar in Oran ertragen.

Als er den Krug bis zur Hälfte geleert hatte, hing bereits ein leichter Schleier vor seinen Augen. Mitternacht war vorüber, und der Sekretär hatte ihm immer noch keinen Erfolg gemeldet. Um seine Gedanken abzulenken, trank er heute schneller als gewöhnlich. Und so war es erklärlich, daß er bald darauf mit einem Seufzer in die Kissen zurückfiel. Er merkte nicht, wie sich das Fenster vorsichtig öffnete und eine Gestalt über den Sims ins Zimmer stieg. Erst, als er sich am Hemdkragen gepackt fühlte, wurde er auf den Umstand der Anwesenheit eines zweiten Menschen in seinem Lieblingsraum aufmerksam. »Que hay?« fragte er mit lallender Stimme.

»Kann man sich mit Euch jetzt noch vernünftig unterhalten, Senor?« fragte eine Stimme.

»Habt Ihr ihn endlich?«

»Wen?«

»Wen — wen — wen kann ich schon meinen, den Kerl mit der Wunderflinte.« »Ihr meint El Silbador?«

»El Silbador? Kenne ich nicht. Was ist mit dem Ausreißer?« »Er steht vor Euch.«

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