Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»In Rostock? Also Deutschland? Wie kommt Ihr dorthin?« »Ich bin Deutscher.« »Ah-«
»Ist daran etwas Besonderes?«
Don Hernando antwortete nicht sogleich. Ihm kam ein Gedanke. Wenn dieser pfeifende Teufel, wie ihn Hamid genannt hatte, kein Spanier war, so sah die Sache nur noch halb so gefährlich aus. Spanische Behörden kümmerten sich nicht um das Wohl und Wehe vonAusländern, die ohne besonderen Auftrag ins Land kamen. Vermutlich würde kein Hahn nach dem jungen Mann krähen, wenn er auf Nimmerwiedersehen verschwand. Aber zuerst mußte man ihn wieder gefesselt vor sich haben. Dann konnte man ihn beim nächsten Schub dem Kapitän mitgeben. Und es würde auch dem berühmten Silbador nicht leichtfallen, aus ägyptischer Sklaverei wieder zu entkommen. Und selbst wenn ihm das gelänge, Ägypten war weit und der Weg von dort in die europäische Zivilisation beschwerlich. »Ich habe einen Gedanken, Senor«, sagte der Gouverneur. »Sprecht ihn aus.« »Ich werde Euch die fünftausend Piaster ersetzen, wenn Ihr mir versprecht, daß Ihr dann in Zukunft die Gerichte nicht mit Euerm Fall belästigt.«
»Bueno«, sagte Michel, >,ich will nicht juristischer sein als der Richter. Gebt mir die fünftausend und ein gutes Pferd, dann seid Ihr von meiner Gegenwart erlöst.« Don Hernandos Trinkeraugen funkelten heimtückisch. Er konnte seine Freude über Michels Einverständnis nur schlecht verbergen. Michel merkte es sofort, tat aber so, als sei alles in schönster Ordnung.
»Wartet hier noch einen Augenblick. Ich gehe das Geld holen. Macht es Euch bequem und trinkt ein paar Becher Wein. Ihr werdet ein so köstliches Getränk nicht gleich wieder auf die Zunge bekommen. Entschuldigt mich jetzt.«
Er wandte sich zur Tür und ging hinaus. Michel wußte, daß er im Augenblick nichts dagegen tun konnte. Es war ihm klar, daß der Gouverneur in kürzester Frist wiederkommen würde — — begleitet von seinen Soldaten. Was sollte er tun? Die Lage war heikel. Aber lieber wollte er auf die Piaster verzichten, als sich noch einmal der Gefahr aussetzen, wieder in jenem »Staatsgefängnis« zu landen.
Kaum war Don Hernando verschwunden, als Michel aufsprang, um auf demselben Weg, den er gekommen war, das Zimmer und das Haus wieder zu verlassen, nämlich durch das Fenster. Da fiel sein Blick auf den Eiskübel, in dem das Eis fast geschmolzen war. Nur noch ein paar Stückchen schwammen im Wasser herum.
Michel schien heute seinen boshaften Tag zu haben. Er nahm schnell den Kübel und befestigte ihn mittels einer Gardinenschnur so über der Tür, daß sich sein Inhalt über den ergießen mußte, der als erster das Zimmer betreten würde. Dann verschwand er durch das Fenster.
37
Er wandte sich dem Hause Hamids zu. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als hier doch noch einmal sein Glück zu versuchen. Erstens wußte er, daß sein Pferd im Stall des Arabers stand, und zweitens wollte er die Stadt auf keinen Fall ohne sein Geld verlassen. Das war er seiner und Ojos Zukunft schuldig. Außerdem sagte er sich, daß es dem Ruhm des Pfeifers schlecht anstünde, wenn er um der eigenen Sicherheit willen auf sein Recht verzichtete.
Bei dem gewagten Spiel war, wie immer bei den Menschen, auch ein wenig Eitelkeit die Triebkraft.
Diesmal fing er es jedoch klüger an. Er malte sich aus, daß der Gouverneur im selben Augenblick, da er merkte, daß er, Michel, das Weite gesucht hatte, Alarm gebenwürde. Man würde dann zuerst die nähere Umgebung des Palastes in Augenschein nehmen. Diese Zeit mußte genutzt werden. Die Posten, die Hamids Haus sicherten, würden sehr schnell erfahren, daß der Gesuchte beim Gouverneur »zu Gast« gewesen war. Ihre Aufmerksamkeit, die ohnedies nicht besonders groß war, würde in diesem Augenblick völlig einschlafen. Vielleicht verließen sie sogar ihre Posten. Er sollte sich nicht geirrt haben.
Als er sich dem Haus seines Feindes näherte, hörte er plötzlich Hornrufe durch die Stadt schallen. Der Hornist blies zum Sammeln. Allerdings hatte dieser Befehl eine andere Ursache, als Michel vermutete.
Er hörte Männer im Laufschritt durch die Straßen jagen, hörte, wie die Korporale schreiend Befehle an ihre Gruppen gaben, und stellte fest, daß die Ursache dieser Aufregung nicht allein seine Flucht aus dem Zimmer des Gouverneurs sein konnte. Und doch war es letzten Endes so. Don Hernando hatte seine Wachen angewiesen, ihm zu folgen und den Flüchtling, der sich in seinem Zimmer befinde, festzunehmen. Einem der Offiziere gab er Weisung, bei dem geringsten Vorfall, der etwa unvorhergesehenerweise eintreten sollte, dem Hornisten Befehl zum Blasen zu geben, damit man die Streitmacht vereint gegen den Pfeifer vorschicken konnte, der sich unter Umständen wie ein Löwe verteidigen würde. Wie eine solche Verteidigung aussehen konnte, davon hatte man heute Morgen ja einen eindrucksvollen Vorgeschmack bekommen. Der Gouverneur ging seinen zehn Gardisten voran. Er hatte verabredet, daß sie auf einen Pfiff von ihm sofort in das Zimmer stürmen sollten, um den Entflohenen festzunehmen oder rücksichtslos von der Muskete Gebrauch zu machen, wenn er sich wehren sollte. Der Offizier sollte in einigem Abstand warten, um sogleich den Befehl zum Blasen zu geben, wenn etwas nicht klappen sollte. Aber es kam alles ganz anders.
Don Hernando öffnete die Tür und hatte sein schönstes Lächeln aufgesetzt, um den Silbador sicher zu machen.
Plötzlich aber stieß er einen furchtbaren Schrei aus und stürzte, von einem Schwall eisigen Wassers überflutet, zu Füßen des nächtsfolgenden Gardisten zusammen.
Der Leutnant hörte den entsetzten Schrei und sah, daß an der Tür ein Tumult entstand. Nach seiner Meinung war das Unvorhergesehene jetzt eingetreten. Er eilte an das Ausgangsportal, wo der Hornist seiner wartete, und gab Befehl, zum Sammeln zu blasen.
Hell schmetterten die Klänge des Signalhorns durch die Nacht.
Die Garnisonstruppen, alle Streifen, alle Posten, jeder einzelne setzte sich in Richtung Gouverneurspalast in Bewegung. Der Gouverneur lag noch immer halb bewußtlos auf dem Boden. Seine Gardisten waren für den Augenblick ratlos.
Der Scherz, den Michel mit dem eiskalten Guß im Sinn gehabt hatte, hatte eine so starke Wirkung, daß ihm dadurch sogar der Weg zu Hamids Haus freigegeben wurde.
Als die Wachen sich verzogen hatten, stürmte er, alle Vorsicht außeracht lassend, zuerst in den Stall.
Er sah dort in der Dunkelheit sein Pferd stehen. So geräuschlos wie möglich band er den Halfter vom Eisen-ring an der Krippe los. Er wollte gerade das Tier aus der Box ziehen, als ihn ein Laut, der von der Stalltür herkam, innehalten ließ.
Eine Gestalt kam dort herein, in der er, vom Mondlicht überflutet, Halef, den ungetreuen Diener, erkannte.