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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Er wartete. Das Wimmern und Stöhnen der Verwundeten erfüllte den Raum. Sie taten ihm leid; denn sie waren schließlich nicht die Schuldigen. Sie führten lediglich die Befehle ihrer Herren aus und konnten für die Zustände und die Behandlung im Gefängnis nicht verantwortlich gemacht werden.

Draußen erschollen Kommandos. Michel wunderte sich, daß darin kein Wort von dem erwarteten Sturm auf das Haus zu hören war. Erst nach einigen weiteren Sekunden wurde ihm klar, daß die Wächter gar nicht damit rechnen konnten, daß er allein sechs Soldaten außer Gefecht gesetzt hatte. Sie wähnten ihn sicherlich wie ein Sieb durchlöchert am Boden liegen. Sechs Schüsse hatten sie vernommen. Und sechs Schüsse sollten für einen ausgemergelten Gefangenen genügen.

Zwischen Michels Standort und der Tür lagen die sich am Boden krümmenden Gestalten. Er erhob sich und sprang über die Betten, immer mit dem Rücken zur Wand. Der Sergeant fluchte und schimpfte. Die Wut in ihm schien größer zu sein als der Schmerz, den ihm die Wunde verursachte.

Der Pfeifer hatte jetzt die Tür erreicht. Er sah gerade noch, wie sich das Gittertor hinter den anderen Gefangenen schloß, die die Situation nicht zu nutzen verstanden hatten. Die Wachen schienen es eilig zu haben, unter die Wasserleitung zu kommen, was durchaus verständlich war.

Michel rannte bis zur Kotgrube, umging sie und bezog hinter einem in der Nähe stehenden Gebüsch Posten. Dann überlegte er. Sein Gewehr hatte er wieder. Das Pferd befand sich wahrscheinlich bei Abd el Hamid im Stall, wo er es sich holen mußte. Geld brauchte er auch. Deshalb war er schließlich das ganze Risiko eingegangen. Andererseits sagte er sich, daß auch die anderen solche Erwägungen anstellen und eben darum Hamids Haus unter Bewachung halten würden. Jetzt am hellichten Tage konnte er es nicht wagen, sich sein Eigentum wiederzuholen. Auf alle Fälle hatte er die Freiheit und sein kostbares Gewehr wieder... Da fiel ihm eine andere Möglichkeit ein, die zwar nicht weniger gefährlich, dafür aber um so erfolgversprechender war.

35

Don Hernando de Pasteras y Movero wurde durch lautes Klopfen an der Tür aus seiner Siesta hochgeschreckt.

»Que hay?« fragte er wütend; denn er liebte seine Mittagsruhe über alles und hatte Befehl gegeben, ihn nur zu stören, wenn ein Weltuntergang bevorstünde.

»Es ist etwas Furchtbares geschehen, Don Hernando«, antwortete mit aufgeregter Stimme der Sekretär. »Kann ich hereinkommen?«

»Si, adelante«, stöhnte der Gouverneur und richtete sich von seinem Lager auf, dachte aber gar nicht daran, die Unterbrechung seines Schlafes als etwas Unabänderliches hinzunehmen.Der Sekretär hatte seine ewige Müdigkeit abgeschüttelt. Mit hastigen Worten berichtete er von den Vorkommnissen im »Staatsgefängnis«. Er vergaß auch nicht zu erwähnen, daß der Ausbrecher es fertig bekommen hatte, sechs Soldaten seiner Allerchristlichen Majestät in Sekundenschnelle zu Invaliden und zehn weitere zumindest für die Dauer eines halben Tages kampfunfähig zu machen. Mit gewählten Worten gab er die Koteimerschlacht wieder, wobei er den Inhalt der als Waffe benutzten Kübel mit vornehmen Worten zu umschreiben suchte. Der Gouverneur mochte dieses Vorkommnis doch für wichtig genug halten; denn er entschloß sich, ganz aufzustehen.

»Und man hat diesen Verbrecher nicht mehr erwischen können?«

»No, Don Hernando, er ist verschwunden, spurlos verschwunden. Die ganze Kompanie der Garnison ist seit einer halben Stunde auf den Beinen, um ihn zu fangen. Aber es liegt noch keine Meldung vor, die besagen würde, daß man ihn auch nur an irgendeiner bestimmten Stelle vermuten könnte.«

»Wer ist der Kerl eigentlich, der das gewagt hat?«

»Derjenige, um dessen Verhaftung Euer Freund Abd el Hamid in der Neujahrsnacht ersuchte.« »Hamid. Bueno, ich erinnere mich schwach daran. Gab ich den Befehl zu dieser Verhaftung?« »Si, Don Hernando. Ihr befahlt seine sofortige Arretierung durch die Soldaten der Freiwache.« »So, so. Weshalb eigentlich? Es muß doch ein Grund vorgelegen haben.« »Das kann ich Euch nicht sagen; denn Ihr verhandeltet mit Hamid unter vier Augen.«

»Hm.--Schafft mir Hamid zur Stelle. Ich muß wissen, weshalb ich den Mann einsperren ließ. Schöne Schweinerei! Wenn die Kunde von dem Vorkommnis irgendwie nach Madrid gelangt, dann können wir uns gleich wieder auf eine neue königliche Inspektion gefaßt machen. Dabei hatten wir die letzte erst vor einem Jahr.«

»Si, Don Hernando, ich werde Hamid holen lassen, damit Ihr ihn vernehmen könnt.« »Holen lassen? Was heißt das? Und was heißt vernehmen? Ich wünsche, daß Ihr selbst mit meiner Kutsche zu ihm fahrt und ihn höflich bittet, doch für eine Stunde mein Gast zu sein. Ich sage Euch, laßt es ja nicht am nötigen Respekt fehlen! Wenn sich der ehrenwerte Kaufmann beklagt, dann könnt Ihr von morgen ab meine Schuhe putzen und im Gesinderaum schlafen!« Der Sekretär verbeugte sich stumm, hütete sich aber, seinen Mißmut über diese Anweisung offen zu zeigen.

Als er das Zimmer verlassen hatte, ließ sich der Gouverneur kopfschüttelnd in einen Stuhl fallen. Mit welcherlei Dingen doch der Friede seines Lebens manchmal gestört werden konnte! Aber auf einmal mußte er lachen. Er stellte sich seine tapferen Spanier unter dem stinkenden Regen aus den Kübeln vor.

»Brrr«, schüttelte er sich, als habe er selbst etwas davon abbekommen.

Es vergingen keine zwanzig Minuten, und der Sekretär kam mit Hamid zurück.

Der Gouverneur erhob sich und begrüßte seinen »Geschäftsfreund«.

»Salam«, sagte Hamid, »Allah möge deine Arbeit segnen und deinen Schlaf behüten.«

Diesmal behielt Don Hernando den Sekretär im Zimmer und ließ sich des Kaufmanns Rede übersetzen.

»Sagt ihm, daß sein Allah mich diesmal ziemlich unsanft aus dem Schlaf gerissen hat, und erzählt ihm die Geschichte.«

Der Sekretär erwiderte, daß Hamid alle Einzelheiten des Ausbruchs bereits kenne. Er wolle überdies dem Gouverneur seinen Dank dafür abstatten, daß dessen Soldaten sein Haus unter Bewachung hielten, damit der pfeifende Hekim keine Gelegenheit finde, Rache zu nehmen. »Fragt ihn, weshalb ich den Mann damals einsperren ließ.« Hamid berichtete mit sprudelnden Worten.

Langsam dämmerte es im Gehirn des Gouverneurs, während der Dolmetscher übersetzte. »Ah«, sagte er, »ich erinnere mich. Fragt ihn, aus welchem Grund der Mann überhaupt die fünftausend Piaster haben wollte. War er nur ein einfacher Dieb?«, Hamid bestätigte dies.

»Das klingt ein wenig unwahrscheinlich. Diebe pflegen im allgemeinen anders vorzugehen. Wenn er ein Arzt ist, dann gehört er zu den gebildeten Leuten, wogegen allerdings wiederum die Art und Weise spricht, in der er sich befreit hat.«

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