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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Zu seinem Erstaunen bewegte sich Halef jetzt ebenso vorsichtig, wie er selbst es vorher getan hatte. Was mochte der Bursche im Schilde führen?

Er sollte nicht lange darüber im unklaren bleiben. Ein Licht flammte auf. Halef erstieg vorsichtig die Leiter, die zum Heuboden führte.

Michel ließ sein Pferd stehen und folgte ihm in dem Augenblick, als der andere oben verschwunden war.

Mit äußerster Sorgfalt erklomm Michel Stufe um Stufe der Stiege, bis er den Kopf durch die Luke des Heubodens stecken konnte.

Halef kauerte in einer Ecke, schob dort das Heu zur Seite und brachte gleich darauf einen Beutel zum Vorschein. Dem Pfeifer war in diesem Augenblick alles klar. Halef hatte das erbeutete Geld tatsächlich für sich behalten.

Rasch zog sich Michel hoch und verbarg sich hinter einem in der Nähe stehenden Schober. Als Halef den Ausgang erreichte, bannte ihn ein kurzer, aber markerschütternder Pfiff auf der Stelle. Und dann war Michel über ihm. Eine wilde Rauferei begann, bei der beide versuchten, so wenig wie möglich Geräusch zu machen.

Michel spürte nach kurzem Kampf den Beutel zwischen den Fingern. Und obwohl er halb verhungert war, schaffte er es mit letzter Kraft, den anderen durch einen wohlgezielten Hieb gegen die Stirn ins Land der Träume zu befördern. Mit seiner eigenen Burnusschärpe band er den Überwältigten und verließ schnellstens den Heuboden. Unten zog er sein Pferd aus dem Stall, führte es über den Hof und band es dort so an eine Pferdestange, daß ihn das Lösen des Knotens zu gegebener Zeit höchstens eine Sekunde Zeit kosten würde.

In eine Ecke gedrückt, zählte er den Inhalt des Beutels, der ihm vorher bereits ein wenig leicht erschienen war. Zu seiner Enttäuschung waren nicht mehr als fünfzehnhundert Piaster darin. Er überlegte nicht lange. In diesem Gaunernest gab es sowieso keine Gerechtigkeit. Weshalb sollte der schurkische Herr nicht für den schurkischen Diener büßen, noch dazu, wo er, Michel, es dem Herrn zu verdanken hatte, daß er fast vier Wochen in dem entsetzlichen Gefängnis zugebracht hatte?

Kurz entschlossen stürmte er durch die gerade offenstehende Tür in das Innere des Hauses und eilte zum Schlafzimmer Hamids.

Hamid lag friedlich auf seinem Diwan und schlief einen tiefen und erquickenden Schlaf. Umso ungehaltener zeigte er sich, als er jetzt jäh aus Morpheus Armen gerissen wurde. »Welcher stinkende Schakal wagt es, meine Nachtruhe zu stören?« erscholl es wütend aus seinem Munde.

Michel, den die Zeit drängte, ließ sich nicht auf lange Reden ein. Als Hamid ihn erkannte, bekam er einen gewaltigen Schreck, der ihm gleich die Sprache verschlug.

Mit harter Stimme sagte Micheclass="underline"

»Steh auf! Schnell! Beeil dich!«

Hamid gehorchte zögernd.

»Und jetzt führe mich dorthin, wo du dein Geld aufbewahrst. Sei dessen sicher, daß ich dich sofort erwürge, wenn du wieder einen Trick versuchen solltest.«Um seinen Worten den rechten Nachdruck zu verleihen, warf er ihm einen Riemen um den Hals und zog die Schlinge soweit zu, daß Hamid gerade noch mühsam Atem holen konnte.

Zuerst wollte er nicht. Wieder versuchte er zu reden; aber es wurde nur ein Lallen daraus. »Los«, fuhr ihn Michel grob an. »Ich habe keine Zeit zu verlieren. Wenn dir dein Leben lieber ist als die fünftausend Piaster, dann mach es kurz. Führe mich an deinen Geldschrank oder wo du sonst die Gewinne aus deinen schmutzigen Geschäften aufzubewahren pflegst.« Er verstärkte den Druck der Schlinge. Da ließ mit einemmal der Widerstand des Kaufmanns nach. Er ging zu der Truhe, bückte sich und öffnete sie. Aber plötzlich drehte er sich um und versetzte dem Pfeifer einen Schlag gegen die Schienbeine, der diesen zu Fall brachte. Damit hätte sich Hamid beinahe sein eigenes Grab gegraben; denn der Pfeifer zog im Fallen so heftig an der Schnur, daß er Hamid fast erdrosselt hätte. Hamid stürzte, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. Michel beschäftigte sich gleich mit dem Inhalt der Truhe. Auf ihrem Boden fand er viele Säckchen. Er nahm sich aber nicht die Zeit, die Goldstücke erst abzuzählen, ergriff einen Beutel, der ihm die richtige Größe zu haben schien, und befestigte ihn aufatmend an seiner Schärpe. Hamid war noch immer nicht zu sich gekommen.

Ohne weitere Zeit zu verlieren, rannte Michel zu seinem Pferd. Er saß auf und stieß dem Tier die Hacken in die Weichen. Erst als er zum Tor hinausritt, erreichte sein Ohr die kreischende Stimme Hamids, der ihm alle Flüche Arabiens hinterherschickte.

38

Im 7. Jahrhundert nach Christi Geburt, während der Ausbreitung der Lehre Mohammeds über die orientalische Welt, wurde die alte römische Festung, die später von den Vandalen zerstört worden war, zum zweiten heiligen Zentrum der islamischen Welt: Fes, die glänzende Stadt mit über siebenhundert Moscheen, herrlichen Bauten orientalischer Kunst, vielen Hochschulen und anderen Sehenswürdigkeiten, galt nächst Mekka für die heiligste Stadt der Muslimun. Sie wurde um 750 zur Hauptstadt der Reiche Fes und Marokko und zählte fast eine halbe Million Einwohner.

Indessen sanken ihre Größe und ihr Ruhm im 16. Jahrhundert wieder; dennoch blieb sie eine der beiden Haupt- und Residenzstädte der Sultane von Marokko.

In einer von Bergen umschlossenen, etwa 25 Kilometer langen Talebene, zwischen anmutigen Blumen- und Fruchtgärten, liegt das einstige Juwel der Mohammedaner am Fuß des Dschebel Salah. Weder heute noch zur Zeit, da unsere Geschichte spielt, mangelte es ihr an malerischen Effekten. Die Stadt, die um 1776 herum nurmehr etwa neunzigtausend Einwohner in ihren Mauern beherbergte, wird von einem wasserreichen Nebenfluß des etwa sechs Kilometer entfernten Sebu in zwei Teile geteilt. Dieser Nebenfluß heißt wie die Stadt; oder auch, die Stadt hat ihren Namen von dem Fluß bekommen. Im Westen liegt das alte Fes-Bali, im Osten, terrassenförmig ansteigend, das sogenannte neue Fes-el-Dschedid, dessen Gründung bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückgeht. Beide Städte vereinigen sich im Norden an einem Berg, der die Kasbah, das Eingeborenenviertel, trägt.Damals, 1776, waren beide Städte noch von fast fünfzehn Meter hohen Mauern umgeben, hinter denen sich die vielen Bewohner aller Rassen vor den Angriffen der wilden Bergstämme durchaus sicher fühlen konnten. Die Gäßchen und Straßen waren eng und zum Teil schon wieder verfallen. Gepflasterte Wege gab es kaum. In einem besonderen Viertel wohnten die etwa zehntausend Köpfe zählenden Juden. Das Ghetto trug den Namen Milha. Von den 700 Moscheen der Glanzzeit standen nur noch etwa 150, von denen die des Muley-Edris mit dem Grabmal ihres Gründers und die Karubin die berühmtesten und schönsten sind. In der Karubin befindet sich eine mohammedanische Priesteruniversität mit einer umfangreichen Universität, in der viele Theologen aus der ganzen arabischen Welt herangebildet werden. Dadurch wurde Fes, obwohl es seine äußerliche Pracht verloren hatte, zum geistigen Mittelpunkt des Orients. Im übrigen war und ist Fes eine typische arabische Stadt mit Hunderten von Basaren, Kaufläden, türkischen Schwitzbädern und dazwischen wimmelnden Menschen. Der Handel blühte und gedeiht heute noch. Damals hatten die größten Karawansereien dort ihre Niederlassungen. Ihre Karawanen zogen bis nach Timbuktu und brachten die in Fes hergestellten Waren in alle Welt. Einer der begehrtesten Ausfuhrartikel war der rote Fes, die überall bekannte orientalische Kopfbedeckung. In Fes residierte damals der Sultan von Marokko, Muley Sidi Mohammed, ein milder und gerechter Herrscher, mit dem die Gesandten der europäischen Nationen gern in Fühlung kommen wollten.

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