Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Fräulein,« sagte er zu mir, »ich möchte nicht von dem Herrn Grafen ertappt werden, aber lesen Sie den Brief da und verbrennen Sie ihn dann gleich; es handelt sich für Sie um etwas Wichtiges.« – Gleich darauf ging er. – In dem Briefe stand, daß ich mit dem Marquis von Harville verheiratet werden solle; es sähe ja so aus, wie wenn die Partie vortrefflich für mich stände; aber ich solle doch nicht vergessen, daß die Familien von zwei Mädchen, mit denen er schon verlobt gewesen sei, mit ihm kurz nach dem Verlöbnis gebrochen hätten. Weshalb, konnte mir der Notar nicht sagen; aber seine Pflicht sei es, mich hiervon zu unterrichten.«
Rudolf sagte nach kurzem Besinnen: »Ja, mir fällt ein, daß mir Ihr Mann in knapp einem Jahre von zweierlei Heiratsplänen erzählt hat, die sich, und zwar wegen Geldangelegenheiten, schrieb er, plötzlich zerschlagen hätten.« – Frau von Harville lächelte bitter und antwortete: »Sie sollen sogleich die Wahrheit erfahren. Natürlich wurde ich durch den Brief des Notars nicht bloß neugierig, sondern auch ängstlich. Wer war Herr von Harville? Mein Vater hatte nie mit einem Worte seiner erwähnt. Da fuhr auf einmal ganz unverhofft Madame Roland nach Paris. Sie sollte höchstens acht Tage abwesend sein, und doch wollte mein Vater sich gar nicht in die kurze Abwesenheit schicken. Den Tag nach ihrer Rückkehr beschied mich mein Vater zu sich. Er war allein mit meiner Stiefmutter ... Morgen kommt Marquis von Harville, sagte er zu mir, ein junger, sehr reicher und sehr talentvoller Herr. Er hat dich in Gesellschaft gesehen, ist entzückt von dir und bewirbt sich um deine Hand. Alles ist bereits geordnet, und du kannst in sechs Wochen eine glückliche Frau sein. Schlägst du aber – was ich nicht wünschen möchte – aus irgendwelcher Marotte die Partie aus, so wirst du dich doch verheiraten, und zwar nach meinem Willen, verstehst du? sobald meine Trauerzeit vorbei ist. Bis dahin wirst du dich in allen Hinsichten nach den Wünschen meiner Frau richten, sofern du länger in meinem Hause verweilen willst.«
»Ich hörte, lieber Vater, Herr von Harville sei bereits zweimal verlobt gewesen?« – Das weiß ich; aber,« antwortete mein Vater, »es hat gar nichts auf sich; man ist in beiden Fällen nicht in der Geldfrage einig geworden. Hast du mir keinen andern Einwand zu nennen, so können wir dich schon als verheiratet ansehen, und zwar für glücklich verheiratet, denn ich wünsche weiter nichts als dein Glück!« »Und Madame Roland?« fragte Rudolf. – »O, die Heirat war ihr eigenstes Werk. Sie wußte recht gut, warum sich die beiden Partien zerschlagen hatten, und eben darum lag ihr soviel daran, mich mit dem Marquis zu verheiraten. Sie wollte sich für den Haß, den ich ihr immer gezeigt, rächen dadurch, daß sie mir ein mehr als schreckliches Schicksal bereitete.« – »Das wäre ja geradezu bestialisch,« rief Rudolf, »doch wie verhielt es sich um den Marquis?« – »Er kam. Ich fand keinen häßlichen Mann in ihm, auf seinem Gesicht lag sogar ein gewisser Zug von Gutmütigkeit, nur seine Stimmung war etwas trübsinnig. Es berührte mich angenehm, daß er sich gegen einen greisen Diener sehr gütig zeigte, der ihn erzogen hatte. Kurz nach seiner Ankunft blieb Herr von Harbille zwei volle Tage in seinem Zimmer. Mein Vater wollte ihn aufsuchen, um sich zu erkundigen, wie es ihm ginge. Aber der alte Diener erklärte, sein Herr leide an heftigem Kopfweh, so daß er niemand sehen könne. Als ich ihn am dritten Tage wiedersah, war er sehr blaß, sehr verändert. Aber je länger ich mit ihm zusammen war, desto liebenswürdigere Eigenschaften erkannte ich an ihm. Er erriet die Verhältnisse, die zwischen Madame Roland und mir bestanden. Mit vielem Takt gab er mir zu verstehen, daß er mich um deswillen nur um so mehr liebe und schätze. Ich sagte ihm, daß sich durch meines Vaters Wiederverheiratung die Vermögensverhältnisse zu meinen Ungunsten verschieben würden. Er ließ mich nicht ausreden, sondern bewies mir die vornehmste Uneigennützigkeit, so daß ich meinte, die Familien, mit denen er vor der meinigen in Beziehungen gestanden, müßten sehr eigen – wenn nicht gar habsüchtiger Natur gewesen sein. Je naher der Tag unserer Vermählung rückte, desto glücklicher pries sich Harville. Und doch sah ich ihn wiederholt recht traurig. Es schien ihm etwas schwer das Herz zu bedrücken, als wolle er mir ein tiefes Geheimnis anvertrauen, fände aber den Mut nicht dazu. Mir fielen seine beiden ersten Verlöbnisse ein, und wieder beschlich Angst und Bangen mein Herz. Mich überkam es wie eine Ahnung, daß ich in mein Unglück renne; das Leben im Vaterhause war mir aber so zur Qual, daß ich meine Besorgnis verscheuchte.«
Nach kurzer Pause begann sie wieder: »Ein paar Tage vor der Hochzeit kamen Harvilles Trauzeugen: Herzog von Lucenay und Herr von Saint-Remy. Eingeladen von meiner Seite waren nur die allernächsten Verwandten. Nach der Trauung umarmte mich mein Vater, auch Frau Roland. Mit heuchlerischer Freundlichkeit sagte sie zu mir, indem sie mir einen Kuß auf die Wange drückte: »Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie sich in Ihrer Ehe recht glücklich fühlen, denn ich habe Sie verheiratet.« – Um elf Uhr war die Trauung vorüber, und eine Stunde später waren wir in Paris, wo wir in der zehnten Abendstunde eintreffen mußten. – Hätte ich von Herrn von Harville nicht gewußt, daß er im Glücke immer traurig sei, so hätte ich mich gewiß über sein Schweigen gewundert. Mich selbst hatte eine sehr große Trübnis befallen, als ich den Fuß in den Wagen gesetzt hatte, und sie verließ mich auch nicht, als ich vor Harvilles Hause ausstieg. Aber – zu Ende! Zu Ende!« rief sie heftig. »Wenn Sie nicht alles erführen, müßten Sie mich ja verachten! Wir gingen in die für uns bestimmten Gemächer. Die Dienerschaft ging. Wir waren allein. Mich beschlich eine schreckliche Angst. Vor Schluchzen konnte ich nicht sprechen. Aber – mein Gemahl hatte ein Recht an mir, und ich mußte mich fügen. Er trat auf mich zu, und da sah ich plötzlich, wie seine Augen sich mit Blut füllten ... jäh packte er mich am Arme, wie wenn er ihn mir zerbrechen wollte... Vergebens suchte ich mich seiner eisernen Umklammerung zu entziehen. Er hörte mein Betteln nicht. Er hielt mich wie in einem Schraubstock. Sein Gesicht wurde durch gräßliche Zuckungen verzerrt. Die Augen rollten in ihren Höhlen. Vor dem Munde stand ihm blutiger Schaum. Und noch immer hielt er mich fest ... bis endlich seine Finger sich lösten und er in einem Anfalle schrecklicher Epilepsie zu meinen Füßen niederschlug und wie eine tote Masse dalag ... Das war meine Brautnacht! Das war die Rache, die meine böse Stiefmutter an mir nahm für den Trotz und den Haß, den ich ihr entgegengebracht!«
»Unglückliches Weib!« sagte Rudolf, tief ergriffen: »es ist entsetzlich!« –»O, was aber noch schrecklicher ist.« sagte Clemence, »o! daß diese Nacht ewig verflucht sei! – Mein Kind, mein Töchterchen, hat die schreckliche Krankheit von ihrem Vater geerbt!«
Die Marquise bedeckte das Gesicht mit den Händen und vermochte kein Wort mehr zu sprechen ... Auch Rudolf schwieg.
Viertes Kapitel.
Mildtätigkeit
Clemence stützte die Stirn in die Hand. Tränen standen ihr in den Augen. Ihre Wange brannte vor Scham, und sie vermied, so schwer war ihr die Offenbarung ihres tiefen Leides geworden – Rudolfs Blicke ... Nach langer Pause begann dieser: »O, jetzt errate ich den Grund von Harvilles Traurigkeit, den ich mir bisher nicht erklären konnte.« – »O, beklagen Sie ihn nicht!« erwiderte die Marquise, »denn nie ist ein Verbrechen mit kälterer Grausamkeit verübt worden!« – »Sie haben recht! Ihre Stiefmutter konnte sich auf so entsetzliche Weise rächen, wenn er über seine Krankheit schwieg: und auch das war von ihm ein Verbrechen!« sagte Rudolf, setzte aber nach einer Weile hinzu: »Doch Geduld! Vielleicht werden auch Sie Ihren Rächer finden!« –