Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Ich habe das Geld nicht«, sagte er. »Du kannst dich auf den Kopf stellen und dem Schejtan einen schönen Gruß ausrichten, daß er es doch genau wissen müßte. Wenn nicht, soll er Allah fragen. Der ist allmächtig und allwissend. Du aber bist ein Lügner; denn du kannst nicht gesehen haben, wie meinem Diener das Geld übergeben worden ist, da Halef nämlich auf dem schnellsten Wege die Flucht vor der schrecklichen Gestalt des Fremden ergriff, der im übrigen fünf Leute mit seinen bloßen Händen erwürgt hat.«
Michel Baum wurde unsicher. Er hatte sich diese späte Stunde zu einem Überraschungsvorstoß ausgesucht, weil er mit Recht annehmen durfte, er könne den abergläubischen Hamid verblüffen. Er wollte feststellen, ob Halef die Wahrheit gesprochen hatte, als er behauptete, er habe den Überfall auf Geheiß seines Herrn ausgeführt.
Der Pfeifer machte einen weiteren Versuch der Überrumpelung. Er trat plötzlich dicht an den Diwan, zog das Tuch vom Gesicht und legte die Hände mit klammerndem Griff um den Hals des Kaufmanns. Der erkannte ihn, war aber nicht in der Lage, einen Schrei auszustoßen, da er dazu nicht genug Luft hatte. Röchelnd schloß er für einen Moment die Augen, um sie dann umso größer aufzureißen.
»Du wirst mir jetzt die Wahrheit sagen«, zischte Michel. »Du hast deinen Diener zu dem Raub angestiftet, sonst wüßtest du gar nichts von der Sache. Das Märchen, das du mir da auftischen willst, ist zu schlecht, als daß es Eindruck auf mich machen könnte. Sag die Wahrheit, sonst ist es um dich geschehen.«
Hamid dachte angstvoll an den Bericht Halefs. Wenn der Pfeifer fünf Mann im Handumdrehen erwürgt hatte, so würde er wahrscheinlich auch mit ihm nicht viel Federlesens machen. Unter dem Druck der sehnigen Hand stöhnte er:
»Du willst mich erpressen. Du willst mich zwingen, dir nochmals fünftausend Piaster zu zahlen. Aber ich habe kein Geld mehr. Ich kann dir auch nichts geben, wenn du noch so sehr drückst. Ich bin ein armer Mann.«
Wenn es um Geld ging, war Hamid ein mutiger Mann, der sich auch nicht durch Drohungen einschüchtern ließ.
»Gut«, sagte der Pfeifer, »du magst lügen, soviel du willst. Ich glaube dir kein Wort. Ich töte auch nicht gern einen Menschen! Merk auf, du weißt, daß ich ein Hekimbin; denn ich habe deinen Sohn gesund gemacht. Aber ich kann auch krank machen«, setzte er mit erhobener Stimme hinzu. »Wenn ich nicht in fünf Minuten mein Geld wiederhabe, dann wird sich dein Sohn erbrechen. Ich werde das alte Leiden in seinen Körper zurückverpflanzen. Entscheide dich schnell.« Er ließ ihn los.
Hamid starrte ihn angstvoll an. Er hing an seinem Sohn, dem einzigen Erben all seiner errafften Reichtümer, mit unbeschreiblicher Liebe.
»Das darfst du nicht! Ich schwöre dir, daß ich das Geld nicht habe. Ich schwöre es beim ...«
»Halt, du Gauner, schwöre keinen Meineid! Der Blitz wird dich treffen, wenn du die Wahrheit im Namen Allahs verleugnetst.«
»Ich schwöre es beim Leben meines Kindes, daß ich das Geld nicht habe.«
Michel sah ihn prüfend an. Er wußte, daß selbst Hamid keinen solchen Meineid leisten würde — beim Leben seines Kindes, nein, das würde er bestimmt nicht tun.
»Aber aus deinen Worten entnehme ich, daß du von dem Plan wußtest.«
Hamid gab dies zögernd zu.
»Allah wird mich dafür strafen. Aber ich bitte dich, schone Leben und Gesundheit meines Kindes!«
»So hat dein Diener den Raub aus eigenem Ansporn begangen?«
»Er wollte ihn begehen. Aber du selbst weißt am besten, daß es ihm nicht gelungen ist.« »Zum Teufel, jetzt habe ich deine Lügen satt. Halef hat mir den Beutel mit einem Trick entwendet.«
Jetzt wurde Hamid aufmerksam. »Ist das dein Ernst?«
»Natürlich, sonst wäre ich nicht gekommen, um ihn mir wiederzuholen.«
»Schejtan«, schrie er da wütend, »so hat mich der Kerl betrogen, mich, seinen Herrn!« Er sprang auf, riß die Tür auf und schrie laut durch die Stille des Hauses: »Halef, du Lumpenkerl, he, Haaaalef! Sofort kommst du her!«
Im Haus erwachte Leben. Es dauerte eine Weile, bis Halef schlaftrunken ins Zimmer taumelte. Er wurde aber sofort hellwach und stieß einen Schrei des Schreckens aus, als er den nächtlichen Besucher erkannte.
»Du Hund, du hast mich belogen!« schrie ihn Hamid an. »Du hast behauptet, daß es dir nicht gelungen sei, dem Fremden das Geld wieder abzunehmen. Aber Allah weiß, daß das eine Lüge war. Wo ist der Beutel? Her damit, du Sohn einer Wildsau! Es ist mein Geld, das du gestohlen hast!«
Michel war über soviel Unverfrorenheit sprachlos. Der Kaufmann gab mit seinen Worten in offener, schamloser Weise zu, daß er der Anstifter des Verbrechens war, und verlangte nun gar noch die Summe von seinem Diener in Gegenwart des Bestohlenen. Es war unfaßlich. Halef sank in sich zusammen. Kleinlaut gab er seine Tat zu. Hamid trat nach ihm. Seine Wut steigerte sich zur Raserei, bis Michel, den die beiden vollkommen vergessen zu haben schienen, der Prügelei ein Ende setzte. Er packte Hamid beim Genick und fuhr ihn an:
»Es ist mir gleichgültig, was du mit deinem Diener tust. Verprügeln kannst du ihn später. Auf alle Fälle bist du der Anstifter gewesen. Du hast einem Untergebenen den Befehl erteilt, einen Gastfreund hinterlistig zu überfallen. So kommt die Schuld auf dein Haupt. Ich wiederhole nochmals: wenn ich nicht in zehn Minutenmein Geld wieder habe, dann wird dein Sohn schwer erkranken.«
»Ich habe nicht soviel Geld«, versuchte der andere auszuweichen.
»Laß dir den gestohlenen Beutel von deinem Diener wiedergeben. Aber beeil dich, ich habe nicht mehr viel Zeit.«
»Hol den Beutel«, befahl Hamid.
»Das — das — kann ich nicht, Sayd.«
Hamid schlug auf ihn ein. Er fand keine Ausdrücke mehr, um ihn zu beschimpfen. Deshalb spielte sich die Prügelei wortlos ab.
»Hast du noch nicht genug? Soll ich dir die Bastonnade geben lassen, bis dir die Haut in Fetzen von den Fußsohlen fällt?«