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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Nach einer kurzen Pause erwiderte die Marquise: »Ich kann Ihnen meine Dankbarkeit nur dadurch beweisen, daß ich Sie zum Mitwisser eines Geheimnisses mache, das ich bislang vor jedermann gehütet habe, das mich zwar in Ihren Augen nicht rechtfertigen kann, Ihnen mein Benehmen aber in günstigerem Lichte erscheinen lassen wird.« – Sie schöpfte tief Atem, dann fuhr sie fort: »Was ich Ihnen zu sagen habe, ist tiefernster Natur und steht mit den Ereignissen von heute früh in engster Verbindung. Ihr Rat könnte mir von außerordentlichem Nutzen werden; ehe ich Sie jedoch darum bitte, lassen Sie mich Ihnen ein paar Worte über die Zeit vor meiner Verheiratung mit Herrn von Harville sagen.«

Rudolf verneigte sich, und Clemence fuhr fort: »In meinem 16. Jahre verlor ich meine Mutter, an der ich mit innigster Liebe hing, war sie doch die Herzensgüte selbst, hat sie mich doch ganz allein erzogen. Denken Sie sich nun unser beider Erstaunen, als eines Tages, kurz, nachdem ich mein 16. Lebensjahr vollendet hatte, mein Vater mit der Mitteilung vor uns trat, eine junge Witwe, deren Geist aber durch herbes Unglück gestählt worden sei, werde an Stelle meiner Mutter meine weitere Erziehung in die Hand nehmen. Meine Mutter sei ja schon lange kränklich und könne der immer schwieriger werdenden Aufgabe nicht mehr genügen. Meine Mutter widersetzte sich diesem Ansinnen, und auch ich bat den Vater, keine fremde Person zwischen sie und mich zu stellen, aber all unsre Einreden, all unsre Tränen konnten ihn von seinem Vorhaben nicht abbringen. Madame Roland, die sich für die Witwe eines in Indien verstorbenen Obersten ausgab, zog in unser Haus ein.« –

»Was? Also die Person, die Ihr Herr Vater nach dem Ableben Ihrer Mutter zur Frau nahm?« – »Ganz recht! Sie war nicht hübsch, auch nicht interessant, aber klug und verstand vortrefflich, zu heucheln. Sie mochte 25 Jahre alt sein, war aschblond, hatte fast weiße Brauen und große, hellblaue Augen. Von Charakter war sie treulos bis zur Grausamkeit, aber von kriechender Freundlichkeit. Wie mein Vater sich für diese Frau hat begeistern können, der doch sonst soviel auf Bildung und Anstand hielt, ist mir noch heute ein Rätsel. Meine Mutter aber durchschaute auf der Stelle den ganzen Zusammenhang, es ging ihr schrecklich nahe, wenn sie vielleicht auch weniger meines Vaters eheliche Untreue beklagte als die Störung des bislang in unserm Hause waltenden Friedens und das böse Beispiel.«

»In welchem Lebensjahre stand Ihr Vater damals?«

– »In seinem 60., und trotz des hohen Verstandes, den jedermann an ihm schätzte, ließ er sich von dieser Frau umgarnen und zwar dermaßen, daß er sich in den Illusionen, in die meine Stiefmutter ihn wiegt, dem Anscheine nach glücklich fühlt. Meine Mutter hatte eine heftige Auseinandersetzung mit meinem Vater und erklärte, daß sie sich so lange von seinem Tische trenne, wie diese Person in unserm Hause weile. Mein Vater blieb unbeugsam, und meine Mutter nicht minder. Hinfort spielte sich unser beider Leben im Zimmer meiner Mutter ab, während Madame Roland, ohne sich irgend welchen Zwang aufzuerlegen, an die Stelle meiner Mutter im Hause und in der Gesellschaft trat, bis meine Mutter schwer erkrankte. Leider starb der Arzt, der sie bislang behandelt hatte. Durch die Roland bekam ein Italiener Zutritt zu unserm Hause, mein Vater betraute ihn mit der weiteren Behandlung meiner Mutter, und Polidori ...« Rudolf schreckte Zusammen ... »Welchen Namen nannten Sie?« rief er, heftig erregt. – »Aber was ist Ihnen denn?« fragte Clemence, erschreckt über das Staunen, das sich in Rudolfs Gesicht malte. – »Nein, nein!« sprach Rudolf bei sich, »ich muß mich irren! Es sind doch seitdem annähernd sechs Jahre verstrichen, und Polidori lebt doch erst seit zwei Jahren unter anderm Namen in Paris. Gestern habe ich ihn noch gesehen, diesen Scharlatan Bradamanti ... Ein seltsames Zusammentreffen wäre es ja freilich, wenn es zwei Aerzte dieses Namens gäbe. Wie alt war dieser italienische Arzt, Frau Marquise?« – »Im fünfzigsten Jahre konnte er stehen.«

– »Und wie sah er aus?« – »Er hatte ein finstres Gesicht, graue Augen, Adlernase...«

»Er ist's, er ist's!« rief Rudolf unwillkürlich. »Sagen Sie mir, Frau Marquise, wohnt dieser Mensch jetzt in Paris?«

»Ich kann es nicht sagen, Hoheit,« antwortete die Marquise: »etwa ein Jahr nach meines Vaters Verheiratung verließ er Paris. Eine mir bekannte Dame, Frau Herzogin von Lucenay, hatte ihn damals auch zum Arzt.«

– »Frau von Lucenay?« fragte Rudolf erschrocken. – »Ja doch, Hoheit! Was wundert Sie dabei? Vor etwa vier Wochen erkundigte ich mich bei ihr nach dem Manne. Sie wich einer Antwort ziemlich verlegen aus und sagte, es sei ziemlich lange Zeit nichts mehr von ihm zu hören gewesen, von manchem werde er sogar für tot gehalten ...«

»Sonderbar,« sagte Rudolf, an den Besuch der Herzogin bei Bradamanti denkend. – »Also kennen Sie diesen Arzt?« fragte die Marquise. – »Sagen Sie lieber: diesen Verbrecher, denn die schwärzesten Missetaten lasten auf seiner Seele.« – »Es kann Ihr Ernst nicht sein,« rief Clemence entsetzt, »ein Mann, der mit jener Madame Roland befreundet gewesen, der meine Mutter als Arzt behandelt hat, sollte ein Verbrecher sein? Aber – Sie haben doch vielleicht recht! Denn unter seinen Händen starb meine Mutter binnen wenigen Tagen ...« – »Nun, danken Sie wenigstens Gott, daß Ihr Vater, nachdem er sich mit Madame Roland verheiratet, keines Arztes mehr bedurfte!«

– »Hoheit, Hoheit!« rief Frau von Harville, »sollten meine Ahnungen mich also doch nicht getäuscht haben?« – »Was wollen Sie damit sagen?« rief Rudolf. – »Die Krankheit meiner Mutter hatte fünf Tage gedauert, ich war nicht von ihrem Bett gewichen; eines Abends trat ich auf die Terrasse hinaus, frische Luft zu schöpfen; da sah ich den Arzt mit Madame Roland aus ihrem Zimmer treten. Ich stand im Schatten und konnte von ihnen nicht gesehen werden; sie sprachen leise zusammen; ich verstand von dem Arzte nur das Wort: Uebermorgen; und als die Frau abermals in ihn hinein sprach, wiederholte er das Wort ein paarmal hintereinander. Das war am Mittwoch gewesen, und am Freitag war meine Mutter tot. Das Wort fiel mir immer und immer wieder ein. Mir war es, als hätte es den Tod verkündet, doch meinte ich immer, er habe nur als Arzt auf die kurze Zeit aufmerksam machen wollen, die meiner Mutter noch vergönnt sei zu leben; aber wie sehr ich die beiden Personen auch jetzt noch verabscheue, an ein eigentliches Verbrechen hätte ich nie glauben mögen. Bald nachher fuhr mein Vater mit mir nach der Normandie, wo wir die erste Trauerzeit verleben sollten. Es dauerte aber nicht lange, so erklärte er, mich allein lassen zu müssen; aber Madame Roland werde sich meiner annehmen, da sie das Hauswesen hinfort führe. Es half mir nichts, daß ich mich weigerte, mit ihr unter einem Dache zu leben; mein Vater beharrte auf seinem Willen, und ich mußte mich fügen, so abscheulich mir diese Person war. Ich spreche deshalb so ausführlich über diese Zeit, weil ich über die Situation, in der ich mich damals befand, keinerlei Unklarheit bestehen lassen möchte, denn sie zwang mich, trotz einer Andeutung, die mich hätte aufklären sollen, Harville meine Hand zu geben. Noch ein anderer Schmerz blieb mir vorbehalten, denn diese Madame Roland war taktlos genug, die Räume zu beziehen, in denen meine Mutter gewohnt hatte. Mein Vater sagte aber auf meine Beschwerde, daß ich mich darüber nicht wundern, sondern mich daran gewöhnen solle, in der Frau meine zweite Mutter zu erblicken. Aber ich ließ keine Gelegenheit, die sich mir bot, unbenutzt, meinen Widerwillen gegen die Frau laut werden zu lassen. Darüber wurde er zornig und zankte mich in ihrem Beisein aus. Seine Gleichgiltigkeit gegen mich nahm so überhand, daß er sich um mich gar nicht mehr kümmerte, sondern mich tun ließ, was mir paßte, bis er mir eines Morgens erklärte, diesem unerquicklichen Zustande nach Ablauf unsrer Trauerzeit durch die Verheiratung mit Frau Roland ein Ende machen zu wollen. »Unsre finanziellen Verhältnisse erfordern es,« sagte er, »daß du dich vor mir verheiratest; dein mütterliches Erbe beziffert sich auf eine Million, die du zur Mitgift bekommen mußt. Ich werde mich von jetzt ab um eine passende Verbindung für dich umsehen. Verschiedene Anträge dazu liegen mir schon vor.« – Eines Tags kam Herr Dorval, der Notar meiner Mutter, mit geheimnisvoller Miene im Parke zu mir, wo ich in der Regel spazieren ging.

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