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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Allerdings war sie schon wieder wach und angezogen, als das Klopfen an der Tür erklang, das sie wecken sollte. Gavilan stand davor. Er trug eine graubraune Jagdkleidung mit vielen Waffen. Sie vermißte das vertraute Grinsen an ihm. Auf einmal sah er wie jemand völlig anderes aus.

»Ich dachte, du würdest vielleicht gern mit mir zur Mauer hinuntergehen«, sagte er einfach.

Ihr Lächeln, mit dem sie ihm antwortete, brachte auch eine Spur des seinen zurück. »Das würde ich gern«, stimmte sie zu. Mit Garth im Schlepptau verließen sie den Palast und gingen durch die dunklen, verlassenen Straßen der Stadt. Wren hatte gedacht, die Menschen würden wach und aufmerksam sein und beobachten wollen, was geschehen würde, wenn die Magie des Loden beschworen würde. Aber die Häuser der Elfen waren dunkel und ruhig, und jene Elfen, die beobachteten, taten dies aus den Schatten heraus. Vielleicht hatte Ellenroh ihnen gar nicht gesagt, wann die Verwandlung stattfinden würde, überlegte sie. Sie bemerkte, daß ihnen jemand folgte und schaute zurück. Ein Dutzend Schritte hinter ihnen entdeckte sie Cort. Triss hatte ihn wohl geschickt, um sicherzugehen, daß sie den Versammlungsort rechtzeitig erreichten. Triss ging wohl mit der Königin dorthin. Oder mit Eowen Cerise oder mit Aurin Striate. Vielleicht hatte das auch Dal übernommen. Sie alle scharten sich unten am Keel an jener Tür zusammen, die in die jenseitige Trostlosigkeit hinausführte, in die rauhe und karge Leere, die sie durchqueren mußten, um zu überleben.

Sie gelangten ohne Zwischenfall dorthin. Die Dunkelheit war noch ungebrochen, das Licht der Dämmerung noch unter dem Horizont verborgen. Alle waren versammelt – die Königin, Eowen, die Eule, Triss, Dal und jetzt sie vier. Nur neun, dachte Wren. Plötzlich wurde sie sich der Tatsache bewußt, wie wenige sie waren und daß das Schicksal von vielen von ihnen abhing. Sie tauschten Umarmungen und verstohlene Worte der Ermutigung aus und waren nicht mehr als eine Handvoll Schatten, die geflüsterte Worte in die Nacht schickten. Sie alle trugen Jagdkleidung, die bequem und robust war, die Schutz bot vor dem Wetter und vielleicht auch ein wenig gegen die Gefahren, die sie draußen erwarteten. Sie alle trugen Waffen, außer Eowen und der Königin. Ellenroh trug den Ruhkstab, dessen dunkles Holz schwach schimmerte. Auch in der fast vollständigen Schwärze blinkte und schimmerte der Loden noch in unzähligen Farben. Auf dem Keel lag die Magie als beständiges Glühen, das die Festungsmauern erhellte und himmelwärts strebte. Elfenjäger patrouillierten in Sechsergruppen an den Mauern, und weitere Wachen waren auf ihren Türmen postiert. Das Grollen und Zischen von außerhalb drang nur selten aus der Ferne zu ihnen, als seien die Wesen, die es verursachten, uninteressiert und wollten eher schlafen.

»Wir werden ihnen eine Überraschung bereiten, bevor diese Nacht vorüber ist, nicht wahr?« flüsterte Gavilan Wren ins Ohr. Ein zögerndes Lächeln lag auf seinem Gesicht.

»Wenn wirklich sie diejenigen sind, die am Ende überrascht sein werden«, flüsterte sie zurück.

Sie sah Aurin Striate an der Tür, die in die Tunnel hinunterführte, und trat neben ihn. Seine zerknitterte Gestalt bewegte sich in der Dunkelheit. Er sah sie an und nickte ihr zu.

»Augen und Ohren geschärft, Wren?«

»Ich glaube schon.«

»Die Elfensteine bereit?«

Sie preßte die Lippen zusammen. Die Elfensteine lagen in einem neuen Lederbeutel, der um ihren Hals hing – sie konnte ihr Gewicht auf ihrer Brust ruhen spüren. Es war ihr bis jetzt gelungen, nicht an sie zu denken. »Denkt Ihr denn, ich werde sie brauchen?«

Er zuckte die Achseln. »Du hast sie das letzte Mal doch auch gebraucht.«

Sie war einen Augenblick ruhig und überdachte, was da auf sie zukam. Irgendwie hatte sie geglaubt, sie könne Morrowindl entkommen, ohne die Magie erneut beschwören zu müssen.

»Es scheint dort draußen ruhig zu sein«, sann sie hoffnungsvoll.

Er nickte. Seine schlanke Gestalt lehnte gegen die Mauer. »Sie werden uns nicht erwarten. Wir werden unsere Chance bekommen.«

Sie rückte neben ihn, so daß sich ihre Schultern berührten.

»Wie groß wird die Chance sein, Eule?«

Er lachte tonlos. »Welchen Unterschied macht das schon? Es ist unsere einzige Chance!«

Barsimmon Oridio tauchte aus der Dunkelheit auf. Er ging direkt zur Königin, sprach ein paar Minuten lang gedämpft mit ihr und verschwand dann wieder. Er wirkte abgezehrt und erschöpft, aber sein Schritt zeigte Entschlossenheit.

»Wie lange geht Ihr schon dort hinaus?« fragte Wren die Eule plötzlich, ohne ihn dabei anzusehen. »Zu denen da hinaus.«

Er zögerte. Er wußte, was sie meinte. Sie konnte spüren, daß er sie prüfend ansah. »Ich weiß es nicht mehr.«

»Was ich wohl am meisten wissen will, ist, was Euch dazu gebracht hat, daß Ihr es überhaupt getan habt. Ich kann mich kaum dazu überwinden, auch nur dieses eine Mal dort hinauszugehen, weil ich weiß, was dort draußen ist.« Sie schluckte, als sie dieses Geständnis machte. »Ich glaube, ich kann es tun, weil es die einzige Möglichkeit ist und weil ich es nicht wieder tun muß. Aber Ihr hattet jedes Mal die Wahl. Bis auf heute. Ihr müßt mehr als einmal gründlich darüber nachgedacht haben. Ihr wart nicht gezwungen, dort hinauszugehen.«

»Wren.« Sie wandte sich ihm zu, als er ihren Namen nannte, und sah ihn an. »Laß mich dir etwas sagen, was du noch nicht gelernt hast. Du wirst es erst lernen, wenn du länger gelebt hast. Wenn du älter wirst, merkst du, daß dich das Leben langsam ermüdet. Es spielt keine Rolle, wer du bist oder was du tust, es geschieht einfach. Erfahrung, Zeit, Ereignisse – sie alle sind gegen dich verschworen, um deine Energie zu stehlen, dein Vertrauen zu zersetzen, dich dazu zu bringen, die Fragen über Dinge zu stellen, an die du keinen zweiten Gedanken verschwendet hast, als du jung warst. Es geschieht allmählich. Es ist ein Abbröckeln, daß du zuerst nicht einmal bemerkst, und dann ist es eines Tages da. Du wachst auf, und du hast ganz einfach das Feuer nicht mehr.«

Er lächelte schwach. »Dann mußt du dich entscheiden. Du kannst entweder deinem Gefühl nachgeben und einfach sagen ›In Ordnung, genug ist genug‹, und dann bist du damit durch, oder du kannst es bekämpfen. Du kannst akzeptieren, daß du jeden Tag, den du lebst, dagegen angehen mußt. Dann mußt du zu dir selbst sagen, daß es dir egal ist, was du fühlst, daß es egal ist, was mit dir geschieht, denn früher oder später geschieht es ohnehin. Dann wirst du tun, was du tun mußt, weil du sonst besiegt werden wirst und das Leben keinen wahren Sinn mehr hat. Wenn du soweit bist, kleine Wren, wenn du die Ermüdung und die Zersetzung akzeptieren kannst, dann kannst du alles. Wie ich es geschafft habe, nachts immer wieder hinauszugehen? Ich habe mir einfach gesagt, es sei nicht so wichtig und die Menschen hier drinnen seien wichtiger. Weißt du was? Es ist in Wirklichkeit gar nicht so schwer. Du mußt nur an der Angst vorbeikommen.«

Sie dachte einen Moment darüber nach und nickte dann. »Ich finde, bei Euch klingt es viel leichter, als es ist.«

Die Eule stieß sich von der Mauer ab. »Ist das so?« fragte er. Dann lächelte er erneut und ging davon.

Wren schlenderte zurück zu Garth. Der große Fahrende deutete auf die Festungsmauern des Keels. Von seiner Höhe kamen verstohlene, leise Gestalten herab. Elfenjäger, die sich aus dem Licht lösten und in die Schatten hinabstiegen. Wren schaute ostwärts und sah die erste schwache Färbung der Dämmerung vor der Dunkelheit.

»Es ist Zeit«, sagte Ellenroh plötzlich und drängte sie zur Mauer.

Sie bewegten sich schnell. Aurin Striate führte sie. Sie zogen die Tür auf, die hinunter in die Tunnel führte, und blieben dann am Eingang stehen, um zur Königin zurückzusehen. Ellenroh war von der Mauer zu einem Brückenkopf hinübergegangen und kurz vor seinem Aufgang stehengeblieben. Dort steckte sie das untere Ende des Ruhkstabes fest in die Erde. Von irgendwoher aus Arborlon läutete eine Glocke. Sie war ein Signal, und jene wenigen Elfenjäger, die auf dem Keel geblieben waren, glitten jetzt schnell davon. Innerhalb von Sekunden lag die Mauer verlassen da.

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