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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Auf dem Marktplatz traf Wren Aurin Striate. Die Eule war bereits seit der Dämmerung auf den Beinen und stellte zusammen, was die Neunergruppe auf ihrer Reise über die Hänge des Killeshan zum Strand hinab benötigen würde. Seine Aufgabe wurde vor allem durch die Entschlossenheit der Königin erschwert, nur das mitzunehmen, was sie auf ihren Rücken tragen konnten, weil List und Schnelligkeit ihnen am ehesten ermöglichen würden, den Dämonen auszuweichen.

»Soweit ich es verstehe, funktioniert die Magie folgendermaßen«, erklärte er, während sie zum Palast zurückgingen. »Sie hüllt uns ein und trägt uns davon, wenn sie angerufen wird. Wenn sie erst einmal an ihrem Platz ist, schützt sie gegen das Eindringen von außen wie eine Schale. Gleichzeitig bringt sie uns – die Stadt und alles – an einen anderen Ort und hält uns dort, bis der Zauber entlassen wird. Dabei gibt es so etwas wie ein Aussetzen der Zeit. Dadurch spüren wir auch nichts von dem, was während der Reise geschieht. Wir verspüren keine Bewegung.«

»Also geht alles einfach so weiter wie zuvor?« fragte Wren und versuchte sich vorzustellen, wie das wohl sein würde.

»Weitgehend. Es gibt weder Tag noch Nacht, nur eine Düsterkeit, als wäre der Himmel bewölkt, sagte mir die Königin. Es gibt Luft und Wasser und alles andere, was man zum Überleben braucht. Alles wird sorgfältig in diese Art Kokon eingehüllt sein.«

»Und was geschieht, wenn ihr erst dort ankommt, wo ihr hinwollt?«

»Die Königin entläßt den Zauber, und die Stadt ist wiederhergestellt.«

Wrens Augen suchten die der Eule. »Vorausgesetzt natürlich, daß das, was man Ellenroh über die Magie erzählt hat, tatsächlich wahr ist.«

Die Eule seufzte. »So jung und schon so skeptisch.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn das nicht wahr ist, Wren, welche Rolle spielt das denn schon? Sind wir nicht auf Morrowindl hoffnungslos gefangen? Einige könnten sich vielleicht retten, indem sie an den dunklen Wesen vorbeischlüpfen, aber die meisten würden umkommen. Wir müssen einfach glauben, daß die Magie uns rettet, Mädchen, denn die Magie ist alles, was wir haben.«

Sie verließ ihn, als sie sich den Palasttoren näherten, und ließ ihn allein weitergehen. Er hatte müde Augen und zog die Schultern nach vorn, und sein dünner, verzerrter Schatten auf dem Boden war ein Spiegel seiner selbst. Sie mochte Aurin Striate. Wie in alter Kleidung, die zur zweiten Haut geworden ist, fühlte sie sich in seiner Nähe angenehm entspannt. Sie traute ihm. Wenn jemand ihnen bei dieser Reise, die da vor ihnen lag, wirklich beistehen konnte, dann war das die Eule.

Sie wandte sich vom Palast ab und schlenderte gedankenverloren auf die Gärten des Lebens zu. Sie hatte nicht nach Garth geschaut, als sie aufgestanden war, sondern war aus ihrem Raum geschlüpft, um die Königin aufzusuchen. Aber Ellenroh war erneut nirgendwo zu finden gewesen, und so hatte sie beschlossen, allein in die Stadt zu gehen. Jetzt, wo ihr Spaziergang beendet war, stellte sie fest, daß sie noch immer allein sein wollte. Sie ließ ihre Gedanken schweifen, während sie die einsamen Gärten betrat, und stieg den leichten Abhang zum Ellcrys hinauf. Von dem Moment an, in dem sie aufgewacht war, wurden ihre Gedanken an diesem Morgen hartnäckig von Gavilan Elessedil angezogen. Sie blieb kurz stehen und sah ihn vor sich. Als sie die Augen schloß, konnte sie spüren, wie er sie küßte. Sie atmete tief ein und langsam wieder aus. Sie war in ihrem Leben erst ein- oder zweimal geküßt worden, denn sie hatte immer zu viel mit ihrer Ausbildung zu tun gehabt und war zu sehr allein, unnahbar und mit anderen Dingen befaßt gewesen, um sich um junge Männer zu kümmern. Es war keine Zeit gewesen für eine Beziehung zu irgend jemand. Sie hatte kein Interesse daran gehabt. Warum war das so? fragte sie sich plötzlich. Aber sie wußte, daß sie genausogut hätte fragen können, warum der Himmel blau war, wie danach, warum sie so geworden war.

Sie öffnete die Augen wieder und ging weiter.

Als sie zum Ellcrys kam, betrachtete sie ihn eine Weile, bevor sie sich in seinen Schatten setzte. Gavilan Elessedil. Sie mochte ihn. Vielleicht zu sehr. Es schien instinktiv so zu sein, und sie mißtraute der plötzlichen Stärke ihrer Gefühle. Sie kannte ihn kaum und dachte bereits mehr an ihn, als sie sollte. Er hatte sie geküßt, und es hatte ihr gefallen. Dennoch ärgerte es sie, daß er verschwieg, was er über die Magie und die Dämonen wußte. Es gab da eine Wahrheit, die er nicht mit ihr teilen wollte, ein Geheimnis, das so viele Elfen verbargen – nicht nur Ellenroh, Eowen und die Eule. Aber Gavilans Verschlossenheit beunruhigte sie mehr, weil er angeblich als Freund zu ihr gekommen war. Er hatte versprochen, ihr alle Fragen zu beantworten, die sie stellen würde, er hatte sie geküßt, und sie hatte es zugelassen, und trotzdem hatte er sein Wort nicht gehalten. Sie glühte innerlich wegen dieses Verrats und bemerkte dennoch, daß sie bemüht war, ihm zu vergeben. Sie suchte Entschuldigungen für ihn zu finden und ihm eine Chance zu geben, es ihr dann zu sagen, wenn er es für richtig hielt.

Aber war es mit Gavilan denn anders, als es mit ihrer Großmutter gewesen war, fragte sie sich plötzlich. Waren nicht bei beiden die gleichen Gedanken in ihr hochgekommen?

Vielleicht waren ihre Gefühle für beide nicht sehr unterschiedlich.

Der Gedanke beunruhigte sie stärker, als sie zugeben wollte, und sie schob ihn hastig beiseite.

Es war still innerhalb der Gärten, in denen man zwischen Bäumen und Blumenbeeten allein sein konnte und unter dem lieblichen Schutz des Ellcrys Kühle und Zurückgezogenheit genießen konnte. Sie ließ ihre Augen über die Decke aus Farben schweifen, als die die Gärten angelegt waren, und beobachtete, daß die Erde wie mit Pinselstrichen überzogen wirkte, einige kurz und breit, andere dünn und gebogen, und daß es Ränder aus Helligkeit gab, die im Licht schimmerten. Über ihr schien die Sonne aus einem wolkenlosen, blauen Himmel herab. Die Luft war warm und duftete süß. Sie sog sie langsam tief in sich hinein und war sich währenddessen bewußt, daß dies am selben Abend alles vorbei sein würde und daß sie einmal mehr in das wilde Dunkel von Morrowindl hinausgestoßen werden würde, wenn der Loden angerufen wurde. Sie hatte für eine Weile den Schrecken vergessen können, der jenseits des Keels lag, hatte ihre Erinnerung an den Schwefelgestank, an die dampfenden Risse in der Kruste aus Lavagestein, an die Hitze aus der Glut von Killeshan, wie sie der Erde entstieg, die Dunkelheit und den Vog und das Keuchen und Knurren der Dämonen auf der Jagd verdrängen können. Sie zitterte und preßte die Arme an ihren Körper. Sie wollte nicht wieder dort hinaus gehen. Sie spürte, daß es wartete wie ein geduldig zusammengekauertes Lebewesen. Entschlossen, sie zu bekommen, sicher, daß sie kommen würde. Sie schloß die Augen wieder, wartete darauf, daß die negativen Gefühle abflauten und sammelte nach und nach wieder all ihre Entschlossenheit. Sie beruhigte sich, indem sie sich sagte, daß sie nicht allein sein werde, daß andere bei ihr sein würden, daß sie sich alle gegenseitig beschützen würden, und daß die Reise von den Bergen herab schnell vorbei sein werde und daß sie dann sicher sein würden. Sie war doch unbeschadet nach Arborlon heraufgestiegen. Sicherlich würde sie auch wieder hinabsteigen können.

Und doch blieben ihre Zweifel und flüsterten bohrend Warnungen, in denen die Warnung der Addershag von Grimpen Ward widerhallte: Hüte dich, Elfenmädchen. Ich sehe Gefahren auf dich zukommen, harte Zeiten und Verrat und Böses jenseits aller Vorstellungen.

Traue niemandem.

Aber wenn sie dem Rat der Addershag folgte, wenn sie sich auf sich selbst verließ und niemand anderem Beachtung schenkte, würde sie ohnmächtig sein. Sie würde von allen anderen abgeschnitten sein. Würde sie das überleben können? Sie glaubte es nicht.

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