Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Hinter jedem Baumstamm stand ein bewaffneter Mann. Im Hintergrund hielten zehn andere die Pferde bereit. Der Uberfall war bis in alle Einzelheiten vorbereitet worden. Drei Späher hatten Angiolino ständig über Ziel und Reisegeschwindigkeit unterrichtet, fünf andere hatten den günstigsten Platz für den Angriff ausgemacht und einen Pfad durch das Dickicht bis zu einer kleinen Lichtung mitten im Wald geschlagen, wo die Pferde untergebracht werden konnten. Ein zweiter Pfad, der als Fluchtweg dienen sollte, führte von dort wieder zur Straße zurück.
Angiolino hob die Hand. Das Zeichen wurde von Baum zu Baum weitergegeben. Die Bewaffneten stürmten mit eingelegten Lanzen ohne Geschrei auf die Straße zu. Angiolino hatte es so angeordnet, damit die Begleiter des Bischofs erst im letzten Augenblick gewarnt würden. Er wollte, daß die Uberfälle möglichst ohne Blutvergießen abgingen.
Milchgesicht aber, angefeuert durch den Wein und aus Widerspruchsgeist gegen Angiolinos Oberbefehl, stieß einen durchdringenden Schrei aus.
Der König der Felder erreichte an der Spitze eines zehnköpfigen Trupps als erster die Straße. Bevor die Kriegsknechte des Bischofs zur Besinnung kamen, starrten ihnen von drei Seiten die Lanzen der Straßenräuber entgegen. Die vierte Seite war offengehalten worden zur Ermutigung für diejenigen, die ihr Leben mehr liebten als den Geldsack des Bischofs.
Es hatte sich in der Gegend von Rom bis Neapel in Windesschnelle das Gerücht verbreitet, daß der König der Felder mit seinen Leuten den Kriegsknechten, die als Begleiter reicher Herren angeworben worden waren, kein Haar krümmte, wenn sie keinen Widerstand leisteten. Auf der anderen Seite war es so, daß sie ja ihren Sold nicht erhielten, um davonzulaufen, wenn Gefahr drohte. Sie konnten dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Der Anführer der Kriegsknechte befand sich im Angesicht der verwegenen Gesichter der Straßenräuber und der starrenden Lanzenspitzen für einen Augenblick in heftigem Zwiespalt, aber da er der Anführer war und ziemlich weit hinten stand, gab er den Befehl zum Angriff.
«Drauf und dran!» schrie er mit gellender Stimme und wendete sein Pferd, so daß es den Straßenräubern sein kräftiges Hinterteil zeigte.
Bevor jedoch die Kriegsknechte ohne Begeisterung ihrer Pflicht nachkommen konnten, gab es eine überraschende Wendung. Da war ja noch Paolo, der hungrige Mann mit dem Hut in der Hand, der wieder einmal ohne sein Zutun in eine Sache hineingeraten war, die böse auszugehen drohte. Er überlegte nicht so lange wie die Kriegsknechte, riß einem die Hellebarde aus der Hand und stürmte dem Trupp entgegen, der von Angiolino geführt wurde.
Im gleichen Augenblick gab es eine zweite Überraschung. Die Tür der Kutsche öffnete sich, zwei kleine Schuhe an kleinen Füßen sprangen behende vom weichen Teppich auf den Staub der Straße und präsentierten den Blicken der Straßenräuber einen dickleibigen, in Brokat und Samt gekleideten Körper mit unerschrockenem Gesicht. Seine Bischöfliche Gnaden verfügte über gewaltige Worte, die schon manchem armem Sünder in der Kirche und im stillen Kämmerlein heiße und kalte Schauer über den Rücken gejagt hatten.
«Hebt euch hinweg, ihr Teufelssöhne!» rief er und hob in heiligem Zorn die Arme. «Vergreift euch nicht an einem Diener des Herrn.» Er trat, das überraschte Schweigen ausnützend, auf Milchgesicht zu in der edlen Absicht, den Jüngling auf den rechten Weg zurückzuführen. «Und du, mein Sohn, mit dem sanften, kindlichen Gesicht, was hat dich in diese böse Gesellschaft geführt? Kehre um, ehe es zu spät ist…»
«Aufhängen!» krähte die wütende Stimme Milchgesichts dazwischen. Seine Bischöfliche Gnaden erbleichte, die gewaltigen Worte erstarrten auf seinen Lippen. Die kleinen Schuhe an den kleinen Füßen trippelten aufgeregt zur Kutsche und stiegen aus dem Staub der Straße auf den weichen Teppich.
Paolo war, nachdem er zwei Straßenräuber niedergeschlagen hatte, von den anderen überwältigt worden. Als er sah, wie die Kriegsknechte auf Befehl Angiolinos die Hellebarden wegwarfen und ihrem Anführer schleunigst auf der fürsorglich offengehaltenen Seite in den Wald hinein folgten, sagte er sich, daß er ein Narr gewesen sei. Aber was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern, er mußte die Folgen tragen.
Der Kutscher saß auf seinem Bock und wickelte seinen Bart um den Zeigefinger. Mit der freien Hand hielt er die Zügel straff.
Die Straßenräuber standen in guter Ordnung auf ihren Plätzen. Auf einen Wink Angiolinos trat der gewählte Schatzmeister der Truppe vor und bestieg die Kutsche. Dem Bischof, der ihm entsetzt in das sachliche, zum Geldzählen bereite Gesicht starrte, bedeutete er, auf der anderen Seite auszusteigen. Er hielt es nicht der Mühe wert, Seine Bischöfliche Gnaden nach dem Aufbewahrungsort des Geldes zu fragen, warf nur einen flüchtigen Blick auf Samt und Goldbrokatdeckchen, hob mit kundiger Hand den Sitz an und trat gleich darauf mit einem wohlgefüllten Säckchen auf die Straße. Seine Miene strahlte vor Zufriedenheit über seine sichere und erfolgreiche Arbeit. Als er die Tür der Kutsche zuschlug, fiel die Scheibe heraus und zerbrach auf dem festen Boden der Straße.
Der Schatzmeister sah Angiolino fragend an. «Wie üblich», sagte dieser.
«Nimm doch alles!» rief Milchgesicht entrüstet. «Hängt den Dicken auf. Kann Bischöfe nicht leiden.» «Schweig!» herrschte Angiolino ihn an.
Der Schatzmeister zählte gewissenhaft. Er sortierte die Münzen zu zwei gleichmäßigen Haufen. «Dreitausend Unzen», sagte er, zog einen oft benutzten Beutel aus der Tasche und schüttete tausendfünfhundert Unzen hinein. Die anderen wanderten in den Beutel seiner Bischöflichen Gnaden zurück. Er war nur halb gefüllt, aber immer noch recht stattlich anzusehen. Angiolino nahm ihn und ging zum Bischof, der ängstlich neben der Kutsche stand.
«Hier habt Ihr fünfzehnhundert Unzen», sagte er, «und nun geleite Euch Gott.»
Dann gab er den Befehl zum Aufbruch. Schneller als seine Bischöfliche Gnaden erwartet hatte, waren die Straßenräuber im Wald verschwunden.
Auf der Straße lag eine zerbrochene Hellebarde, stand eine Kutsche mit einer fehlenden Scheibe und ein Bischof mit fünfzehnhundert Unzen und einem verblüfften Gesicht.
Der Himmel war blau, die Sonne schimmerte durch das Filigran der Zweige, es roch nach Wald und Frühling.
Ein Bäuerlein kam wohlgemut seines Weges daher. Er zog einen Handwagen, auf dem ein liebevoll mit einem Stück Leinentuch bedeckter Ziegenbock stand. Als er an die Stelle kam, wo soeben der Überfall geschehen war, und die Kutsche, die zerbrochene Hellebarde und den um seine Pferde und den Bischof besorgten Kutscher gewahrte, verbeugte er sich in Ehrfurcht vor dem hohen Herrn und wollte mit Handwagen und Ziegenbock eiligst vorbei.
«Du Teufelsbraten, siehst du denn nicht, daß man hier einen Diener Gottes überfallen hat», schrie Seine Bischöfliche Gnaden, «sofort eilst du und alarmierst die Schergen. Straßenräuber haben mich überfallen. Eine ganze Kompanie soll kommen. Lauf, so schnell dich deine Beine tragen!» «Jawohl, Euer Gnaden.»
Das Bäuerlein setzte sich gehorsam in Trab. Die Räder des Handwagens hüpften über die Straße, der Ziegenbock, ängstlich bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, meckerte über die unwürdige Behandlung.
Nach einer Wegbiegung sah sich das Bäuerlein vorsichtig um. Seine Bischöfliche Gnaden und die Kutsche waren nicht mehr zu sehen. Er lief langsamer und bog in einen Waldpfad ein.
Nachdem er sich genügend weit von der Landstraße entfernt glaubte, hielt er an, öffnete den Schub und halb dem Böckchen, vom Wagen zu kommen.
«So, nun weide hier», murmelte er. «Wirst schon was finden. In die Geschäfte hoher Herren soll man sich nicht hineinmischen.» Er band das Böckchen an einen Baum und legte sich an einer sonnigen Stelle zu einem Schläfchen nieder.
Angiolino befahl, Paolo zum nahe gelegenen Schlupfwinkel der Räuber mitzuschleppen. Milchgesicht knurrte wütend, wagte aber keine Widerrede. Die Wirkung des Weins ließ nach. Die Worte des Bischofs hatten ihn zutiefst getroffen. Er haßte jeden, der auf seine zarte Gesichtshaut und die kindlichen Züge anspielte, die allerdings, wenn man genauer hinsah, Kälte und Grausamkeit nicht verbergen konnten. Er kochte innerlich vor Wut, daß er sich an dem Dicken nicht hatte rächen dürfen.