Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Sie blickte auf und sah, dass er ein Bündel Zeitungsausschnitte in der Hand hielt, den obersten bereits auseinander gefaltet, um ihn zu lesen. Neben sich auf dem Boden hatte er aufgehäuft, was er sonst noch in der Kiste gefunden hatte, unter anderem eine Sammlung von Zeitschriften und Zeitungen sowie fünf in Leder gebundene Alben.
»Was denn?«, fragte sie.
»Sie hat hier das reinste Archiv über ihren Sohn Gideon.«
»Zeitungsausschnitte? Und weshalb?«
»Er ist Geiger.« Lynley ließ das Blatt sinken, das er in der Hand hielt, und sagte: »Gideon Davies, Havers.«
»Nie gehört.« Barbara, die einen Waschlappen in Form einer Katze in der Hand hielt, schüttelte den Kopf.
»Sie wissen nicht -? Okay, schon gut«, sagte Lynley. »Das hatte ich vergessen. Klassische Musik ist ja nicht unbedingt Ihre Stärke. Wäre er der Gitarrist der Faulenden Zähne -«
»Nehme ich da eine gewisse Verachtung für meinen Musikgeschmack wahr?«
»- oder irgendeiner anderen Gruppe, hätte es bei Ihnen wahrscheinlich sofort gefunkt.«
»Genau«, sagte Barbara. »Also, wer ist der Typ?«
Lynley erklärte: ein ehemaliges musikalisches Wunderkind, ein Geigenvirtuose von Weltruf, der sein erstes öffentliches Konzert gegeben hatte, noch bevor er zehn Jahr alt gewesen war. »Seine Mutter hat offenbar alles, was die Zeitungen über ihn geschrieben haben, aufgehoben.«
»Obwohl sie keinen Kontakt mehr zu ihm hatte?«, fragte Havers. »Das legt nahe, dass er die Verbindung abgebrochen hat. Oder vielleicht der Vater.« »Hm«, brummte Lynley zustimmend, während er die Papiere durchsah. »Das ist ja eine wahre Fundgrube. Alles über seine Auftritte, besonders über den letzten, sogar die Berichte der Boulevardpresse hat sie aufbewahrt.«
»Na ja, wenn er so berühmt ist…« Barbara fand unter den Badesachen einen kleinen Karton und öffnete ihn. Er enthielt ein Arsenal an verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die Etiketten auf den Behältern lauteten alle auf denselben Namen: Sonia Davies.
»Nein, nein. Der Auftritt war eher ein Fiasko«, erklärte Lynley.
»In der Wigmore Hall. Ein Beethoven-Trio. Davies spielte keinen einzigen Ton. Er marschierte noch vor seinem Einsatz einfach vom Podium und hat seither nicht wieder in der Öffentlichkeit gespielt.«
»Starallüren?«
»Möglich.«
»Oder vielleicht Lampenfieber?«
»Kann auch sein.« Lynley hielt die Zeitungen hoch, Sensationsblätter und seriöse Tageszeitungen. »Sie scheint alles gesammelt zu haben, was über diesen Vorfall geschrieben wurde, und sei es auch nur die kleinste Meldung.«
»Sie war seine Mutter. Was ist in den Alben?«
Lynley schlug das erste Album auf. Barbara kroch näher, um ihm über die Schulter zu blicken. Die Alben enthielten weitere Zeitungsausschnitte, dazu Konzertprogramme, Fotos und Broschüren einer Institution mit Namen East London Conservatory.
»Es würde mich interessieren, was genau an dem Zerwürfnis der beiden schuld war«, bemerkte Barbara, als sie das alles sah.
»Das ist eine gute Frage«, meinte Lynley.
Sie sahen die restlichen Dinge in den Kartons und der Kiste durch. Es war nichts dabei, was nicht entweder mit Gideon oder Sonia Davies zu tun hatte. Als hätte sie, dachte Barbara, vor der Geburt ihrer Kinder nicht existiert und aufgehört zu existieren, als sie sie verloren hatte. Aber sie hatte natürlich nur eines von ihnen verloren.
»Wir werden wohl dem guten Gideon mal auf den Zahn fühlen müssen«, sagte Barbara.
»Er steht schon auf der Liste«, bestätigte Lynley.
Nachdem sie alles aufgeräumt hatten, ließen sie sich durch die Luke wieder in den Flur im ersten Stockwerk hinunter, und Lynley zog die Klappe zu. »Holen Sie die Briefe aus dem Schlafzimmer, Havers«, sagte er. »Und dann fahren wir in den Sixty Plus Club hinüber. Vielleicht bekommen wir da ein paar Auskünfte, die uns weiterhelfen.«
Auf dem Weg zurück durch die Friday Street kamen sie an der Buchhandlung gegenüber vorbei, wo, wie Barbara bemerkte, der Major hinter eine Auslage von Bilderbüchern am Schaufenster stand und sie ganz offen beobachtete. Er hob ein Taschentuch zum Gesicht, als sie vorübergingen. Weinte er? Oder tat er nur so? Oder schnauzte er sich vielleicht ganz einfach. Barbara konnte nicht umhin, sich Gedanken zu machen. Drei Jahre auf eine Entscheidung zu warten, die dann negativ ausfiel, das war hart.
Die Friday Street mündete in die Duke Street. Dort waren im Fenster eines großen Musikgeschäfts neben Gitarren, Mandolinen und Banjos auch Geigen und Bratschen ausgestellt.
»Einen Moment, Barbara«, sagte Lynley und trat näher, um sich die Instrumente anzusehen. Barbara zündete sich eine Zigarette an, während sie aus reiner Kollegialität ebenfalls ins Fenster blickte und sich fragte, was es da zu sehen gab.
»Was ist denn?«, fragte sie schließlich, als Lynley wie gebannt ins Fenster starrte und sich dabei nachdenklich über das Kinn strich.
»Er ist wie Menuhin«, erklärte er. »Es gibt da zu Beginn der beiden Karrieren eine Reihe von Ähnlichkeiten. Ob das allerdings auch auf die Familienbeziehungen zutrifft, ist die Frage. Menuhins Eltern standen von Beginn an voll hinter ihm. Wenn das bei Gideon Davies nicht -«
»Menu-wer?«
Lynley warf ihr einen Blick zu. »Auch ein Geiger, Havers. Auch ein ehemaliges Wunderkind.« Er verschränkte die Arme und stellte sich so hin, als hätte er vor, eine längere Diskussion über dieses Thema zu führen. »Das ist eine Frage, über die man vielleicht einmal nachdenken sollte: Wie gestaltet sich das Leben eine Paars, das entdeckt, dass es ein Genie in die Welt gesetzt hat? Solche Eltern sehen sich doch einer ganz anderen Art von Verantwortung gegenüber als die Eltern von Durchschnittskindern. Und wenn dann noch die Verantwortung für ein Kind hinzukommt, das auf andere Weise aus dem Durchschnitt herausfällt .«
»Ein Kind wie Sonia«, warf Barbara ein.
»Richtig. Da werden zusätzliche Forderungen an die Eltern gestellt, die ebenso anspruchsvoll sind, wenn auch auf eine andere Art.«
»Fragt sich nur, ob den Eltern der Einsatz in einem solchen Fall ebenso lohnend erscheint. Wenn nicht, wie gehen sie dann mit dem Problem um? Und wie wirkt sich das auf ihre Ehe aus?«
Lynley nickte und wandte sich wieder dem Schaufenster zu. Barbara fragte sich auf Grund seiner Bemerkungen, wie weit in die eigene Zukunft er zu sehen versuchte, während sein Blick auf die Instrumente gerichtet war. Sie hatte ihm noch nicht von dem Gespräch erzählt, das sie am vergangenen Abend mit seiner Frau geführt hatte. Und jetzt schien auch nicht der geeignete Moment, es zu erwähnen. Andererseits hatte er ihr einen Einstieg geliefert, den man eigentlich nicht ignorieren konnte. Und vielleicht täte es ihm ja ganz gut zu wissen, dass es in seiner Nähe jemanden gab, mit dem er in den Monaten von Helens Schwangerschaft über eventuelle Sorgen oder Ängste sprechen konnte. Denn mit seiner Frau würde er das wohl kaum tun wollen.
»So ganz wohl ist Ihnen nicht, hm, Sir?«, sagte sie und zog hastig an ihrer Zigarette, weil ihr selbst nicht ganz wohl war bei dieser Frage. Zwar arbeitete sie seit nunmehr drei Jahren mit Lynley zusammen, aber über persönliche Dinge sprachen sie nur sehr selten.
»Wieso soll mir nicht ganz wohl sein, Havers?«
Sie ließ den Rauch aus dem Mundwinkel entweichen, um nicht sein Gesicht einzunebeln, als er sich ihr wieder zuwandte. »Helen hat mir gestern Abend gesagt… Ach, Sie wissen schon. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich da doch gewisse Sorgen macht. Hin und wieder überfallen die bestimmt jeden. Ich meine… Sie wissen schon.« Sie fuhr sich durch die Haare und machte den obersten Knopf ihrer Jacke zu, öffnete ihn aber gleich wieder, da es ihr die Kehle zudrückte.
»Ach so, das Kind«, sagte Lynley. »Ja.«
»Da gibt's doch sicher sorgenvolle Momente.«
»Momente, ja«, erwiderte er ruhig und sagte dann: »Kommen Sie, gehen wir weiter.« Damit setzte er sich wieder in Bewegung, ohne noch einmal auf das Thema