Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Katja Wolff hat deine Schwester getötet, Gideon«, sagte Raphael. »Sie hat sie in der Badewanne ertränkt.«
28. September
Mehr sagte er nicht. Er machte einfach dicht, schaltete ab oder was immer Menschen tun, wenn sie die Grenze des Unaussprechlichen erreichen.
Als ich rief: »Ertränkt? Absichtlich? Wann? Warum?«, und spürte, wie das Entsetzen mit eisigen Fingern über meinen Rücken strich, sagte er: »Mehr kann ich dir nicht sagen. Frag deinen Vater.«
Mein Vater. Er sitzt auf der Bettkante und beobachtet mich, und ich habe Angst.
Wovor?, fragen Sie mich. Wie alt sind Sie, Gideon?
Ich muss noch klein sein, er wirkt so groß wie ein Riese, obwohl er doch in Wirklichkeit etwa die gleiche Statur hat wie ich heute. Er legt seine Hand auf meine Stirn - Und - fühlen Sie sich durch die Berührung getröstet?
Nein. Nein, ich schrecke vor ihr zurück.
Sagt er etwas?
Nein, zuerst nicht. Er sitzt nur bei mir. Aber dann legt er mir die Hände auf die Schultern, als glaubte er, ich würde aufzustehen versuchen, und wollte mich ruhig halten, damit ich ihm zuhöre. Und ich bleibe gehorsam liegen. Wir sehen einander an, und dann beginnt er endlich zu sprechen.
Er sagt: »Du brauchst keine Angst zu haben, Gideon. Dir kann nichts passieren.«
Wovon spricht er?, fragen Sie. Haben Sie einen bösen Traum gehabt? Ist er darum bei Ihnen? Oder geht es um etwas Schlimmeres? Katja Wolff vielleicht? Brauchen Sie vor ihr keine Angst zu haben? Oder liegt dieser Abend weiter zurück, Gideon, in einer Zeit, als Katja Wolff noch gar nicht bei Ihnen im Haus war?
Es waren Menschen im Haus, daran erinnere ich mich. Man hat mich unter Sarah-Jane Becketts Obhut in mein Zimmer geschickt. Sie redet und redet, sie hält endlose Selbstgespräche, ihre Worte sind nicht für mich bestimmt. Und während sie redet, läuft sie unaufhörlich hin und her und zerrt an ihren Fingerspitzen, als wollte sie sich die Nägel ausreißen. »Ich hab's gewusst«, sagt sie.
»Ich habe es kommen sehen. Diese verdammte kleine Hure!« Ich weiß, dass das schlimme Wörter sind, und das erschreckt und ängstigt mich, weil Sarah-Jane sonst nie schlimme Wörter gebraucht. »Hat gedacht, wir würden es nicht erfahren«, sagt sie.
»Hat sich eingebildet, wir würden es nicht merken.«
Was merken?
Ich weiß es nicht.
Vor meinem Zimmer höre ich Schritte. Jemand weint. »Hier! Hier drinnen!« Die laute Stimme meines Vaters. Sie ist kaum zu erkennen, so sehr ist sie von Panik verzerrt. Neben seinen lauten Rufen höre ich meine Mutter. »Richard!«, sagt sie. »O mein Gott, Richard! Richard!« Mein Großvater tobt, meine Großmutter jammert laut, und irgendjemand befiehlt, den Raum freizumachen.
»Alle hinaus, bitte! Den Raum freimachen.« Diese letzte Stimme ist mir unbekannt. Als Sarah-Jane Beckett sie hört, bleibt sie stehen, schweigt und wartet mit gesenktem Kopf hinter der Tür.
Dann höre ich weitere Stimmen - auch diese fremd. Jemand stellt eine Folge schneller Fragen, die alle mit dem Wort »Wie« beginnen.
Und Schritte, ein ständiges Hin und Her, irgendwelche Metallkästen schlagen auf den Boden, ein Mann blafft Anweisungen, andere Männer antworten kurz und angespannt, und irgendjemand ruft in diesem ganzen Durcheinander weinend: »Nein! Ich lasse sie nicht allein!«
Das muss Katja sein, sie sagt lasse statt ließ, wie das jemandem in einem Moment der Panik passieren kann, der mit der Sprache nicht vertraut ist. Und als sie das laut weinend ausruft, umfasst Sarah-Jane Beckett den Türknauf und sagt: »Du Luder!«
Mir scheint, dass sie in den Korridor hinausgehen will, wo der Lärm ist, aber das tut sie nicht. Vielmehr sieht sie sich nach dem Bett um, von dem aus ich sie beobachte, und sagt: »Nun werde ich wohl doch bleiben.«
Bleiben, Gideon? Wollte sie denn weg? Wohin? Hatte sie vielleicht vor, in Urlaub zu fahren?
Nein, ich glaube nicht, dass sie davon sprach. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie eigentlich vorhatte, ihre Stellung bei uns aufzugeben.
Ist sie vielleicht entlassen worden?
Das erscheint mir nicht logisch. Wenn sie wegen Inkompetenz, Unehrlichkeit oder irgendeiner anderen Verfehlung entlassen worden wäre, wieso hätte dann Sonias Tod etwas an der Situation ändern sollen? Aber so war es, Dr. Rose. Sarah-Jane Beckett bleibt bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr meine Lehrerin. Zu diesem Zeitpunkt heiratet sie und zieht nach Cheltenham. Sie wollte also damals aus einem anderen Grund weg, der jedoch mit Sonias Tod hinfällig wurde.
Heißt das, Sonia war der Grund für Sarah-Janes Absicht, zu gehen?
Es scheint so. Aber ich habe keine Ahnung, was dahinter steckt.
6
ImDoli Cottage, dem Häuschen, das Eugenie Davies bewohnt hatte, gab es einen Speicher, den Lynley und Barbara Havers ganz zuletzt aufsuchten. Durch eine Falltür im Flur neben dem Badezimmer zwängten sie sich in einen kleinen Raum unter dem Dach, in dem man sich nur kriechend fortbewegen konnte. Nirgends war ein Stäubchen zu entdecken; offenbar war jemand regelmäßig heraufgekommen, um sauber zu machen oder um die hier aufbewahrten Gegenstände durchzusehen.
»Was meinen Sie?«, fragte Barbara, als Lynley an einer Schnur zog, die von einer Glühbirne an der Decke herabhing. Ein gelber Lichtkegel hüllte ihn ein, und der Schatten seiner Stirn verdunkelte seine Augen. »Wiley behauptet, sie hätte mit ihm sprechen wollen. Aber er brauchte doch nur die Zeiten, die er uns angegeben hat, ein bisschen zu manipulieren, und schon ist die Sache geritzt.«
»Mit anderen Worten, Sie meinen, Wiley hat ein Motiv?«, fragte Lynley. »Hier ist nirgends auch nur eine Spinnwebe, Havers.«
»Ich weiß. Staub ist auch keiner da.«
Lynley strich mit der Hand über eine hölzerne Seekiste, die neben mehreren großen Kartons stand. Sie hatte eine Haspe zum Verschließen, aber kein Schloss. Er hob ihren Deckel an und warf einen Blick ins Innere, während Barbara zum ersten Karton robbte. »Drei Jahre lang bemüht er sich geduldig«, sagte er, »eine Beziehung aufzubauen, von der er sich mehr erhofft, als sie zu geben bereit ist. Sie bringt ihm widerstrebend bei, dass eine engere Bindung ausgeschlossen ist -«
»- weil ihr Herz einem anderen gehört, der einen dunkelblauen oder schwarzen Audi fährt und mit dem sie sich auf dem Parkplatz gestritten hat?«
»Möglich. Enttäuscht und wütend folgt er ihr nach London - Wiley, meine ich - und überfährt sie. Ja, so könnte es gewesen sein.«
»Aber Sie glauben es nicht?«
»Wir stehen noch ganz am Anfang, Havers. Was ist in dem Karton?«
Barbara prüfte den Inhalt. »Klamotten.«
»Von Eugenie Davies?«
Sie nahm das erste Kleidungsstück heraus und hielt es hoch: eine Kinderlatzhose aus pinkfarbenem Cord, mit gelben Blumen bestickt. »Das wird der Tochter gehört haben.« Sie grub tiefer und hob einen ganzen Stapel Kleidungsstücke aus dem Karton: Kleidchen, Pullis, Schlafanzüge, Shorts, T-Shirts, Strümpfchen und Schuhe. Den Farben und Mustern nach alles Kleinmädchensachen. Sie packte sie wieder ein und wandte sich dem nächsten Karton zu, während Lynley sich über die Seekiste beugte.
Im zweiten Karton fand sie Kinderbettwäsche und Spielsachen. Laken und Bezüge lagen ordentlich gestapelt zwischen einem Mobile, einer reichlich abgegriffenen Plüschente, sechs weiteren Stofftieren, deren Zustand verriet, dass sie entschieden weniger geliebt worden waren als die Ente, und der Seitenpolsterung eines Kindergitterbetts. Der dritte Karton enthielt Badeutensilien, von der Gummiente bis zum Kinderbademantel. Barbara wollte gerade eine Bemerkung darüber machen, wie makaber sie diese Andenken in Anbetracht des Schicksals des Kindes fand, als Lynley sagte: »Hier haben wir etwas Interessantes, Havers.«