Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Einen aufgehenden Stern am Musikhimmel«, nannten sie mich.
Aber ich wollte kein aufgehender Stern sein. Ich wollte die Sonne im Zenit sein.
23. September
Aber aus dem Studium an der Juilliard School wird nichts, obwohl es eine Ehre gewesen wäre und meiner musikalischen Entwicklung sicher nicht geschadet hätte. Die Schule hat eine so beeindruckende Geschichte, dass viele, auch wesentlich ältere Musiker, für die Chance einer so außergewöhnlichen und wertvollen Erfahrung sicher alles gegeben hätten. Aber es ist kein Geld da, und selbst wenn es da gewesen wäre - ich bin viel zu jung, um allein eine so lange Reise zu unternehmen, geschweige denn so weit von der Familie entfernt zu leben. Und da nicht die ganze Familie mit mir übersiedeln kann, muss ich auf diese Chance verzichten.
Die ganze Familie! Irgendwie weiß ich, dass ich, ob Geld oder nicht, nur nach New York komme, wenn die ganze Familie mitgeht. Ich beschwöre meinen Vater. Bitte, bitte, lass mich an die Schule gehen, Dad. Ich muss, ich will dorthin! Ich weiß nämlich damals schon, was dieser Aufenthalt für mich bedeutet, jetzt und auch in Zukunft.
Es geht nicht, Gideon, sagt mein Vater, das weißt du. Dich allein in New York zu lassen wäre unverantwortlich, und wir können nicht alle zusammen dorthin übersiedeln. Ich möchte natürlich wissen, warum nicht. Warum kann ich gerade jetzt nicht haben, was ich will, wo ich doch bisher immer alles bekommen habe. Er sagt - ja, ich erinnere mich gut an dieses Gespräch - Gideon, sagt er, die Welt wird eines Tages zu dir kommen. Das verspreche ich dir, mein Junge.
Aber es ist klar, dass wir nicht nach New York gehen werden.
Ich weiß das und höre trotzdem nicht auf, zu bitten und zu betteln. Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger, schlimmer als je zuvor, trete meinen Notenständer mit Füßen, demoliere den geliebten Halbmondtisch meiner Großmutter und weiß doch längst, dass es die Juilliard School für mich nicht geben wird, auch wenn ich noch so wütend tobe. Ob allein oder mit der ganzen Familie, ob nur mit einem meiner Eltern oder in Begleitung von Raphael oder Sarah-Jane - ich werde nicht in dieses Mekka der Musik reisen.
Sie wissen es, sagen Sie zu mir. Sie wissen es, schon bevor sie darum bitten, reisen zu dürfen, noch während sie bitten und alles tun, um eine Änderung herbeizuführen. Aber was wollen Sie denn ändern, Gideon?
Die Realität, offensichtlich. Ja, ja, ich weiß, dass diese Antwort uns nicht weiterbringt, Dr. Rose. Was ist das für eine Realität, die ich bereits als Sieben- oder Achtjähriger verstehe?
Nun, sie sieht folgendermaßen aus: Wir sind nicht reich. Wir leben zwar in einem Viertel, das nicht nur nach Geld riecht, sondern auch Geld kostet, aber das Haus ist seit Generationen im Besitz der Familie, und dass es ihr noch gehört, ist den Untermietern zu verdanken, meinem Vater und meiner Mutter, die beide arbeiten gehen, und der ziemlich erbärmlichen Rente, die mein Großvater vom Staat bekommt. Doch über Geld wird bei uns nicht gesprochen. Geldgespräche sind absolut verpönt. Aber ich weiß trotzdem, dass ich auf das Studium der Juilliard School verzichten muss, und eine ungeheure Spannung ergreift von mir Besitz. Sie entwickelt sich zuerst in den Armen, greift auf den Magen über und schießt durch meine Kehle aufwärts, um sich in wütendem Geschrei Luft zu machen. Ich weiß, was ich geschrien habe, Dr. Rose. »Es ist doch nur, weil sie hier ist«, schreie ich rasend vor Wut.
Weil sie hier ist?
Sie. Ja. Das muss Katja sein.
26. September, 17 Uhr
Mein Vater war wieder hier. Er ist zwei Stunden geblieben und wurde dann von Raphael abgelöst. Sie wollten nicht den Anschein erwecken, als wechselten sie sich bei einer Totenwache ab, darum hatte ich nach dem Abgang meines Vaters und vor dem Erscheinen Raphaels wenigstens fünf Minuten für mich. Sie wissen nicht, dass ich sie vom Fenster aus beobachtet habe. Raphael kam zu Fuß aus der Chalcot Road und traf in der Mitte der Grünanlage mit meinem Vater zusammen. Eine der Bänke zwischen sich, blieben sie stehen und sprachen miteinander. Das heißt, mein Vater sprach. Raphael hörte zu. Er nickte ab und zu und strich sich, wie das seine Gewohnheit ist, mit den Fingern von links nach rechts über den Kopf, um seine dürftige Haarpracht zu glätten. Mein Vater war sehr aufgeregt. Das erkannte ich an seiner Gestik, die eine Hand in Brusthöhe zur Faust geballt, wie zum Schlag bereit. Mehr brauchte ich nicht zu interpretieren, ich wusste, warum er so erregt war.
Er war in Frieden gekommen. Kein Wort über die Musik. »Ich musste mal ein Weilchen von ihr weg«, sagte er seufzend. »Weißt du, ich glaube allmählich, Frauen in den letzten Monaten der Schwangerschaft sind auf der ganzen Welt gleich.«
»Ist Jill zu dir gezogen?«, fragte ich.
»Warum das Schicksal herausfordern?«
Womit er sagen wollte, dass sie an ihrem ursprünglichen Plan festhalten: Erst wenn das Kind da ist, wollen sie zusammenziehen, und nicht eher heiraten, bis nach den vorangegangenen beiden Ereignissen wieder Ruhe eingekehrt ist. Das ist die moderne Art der Beziehung, und Jill ist eine moderne Person. Aber manchmal würde es mich doch interessieren, wie mein Vater dieses Arrangement findet, das ihm, nach seinen beiden Ehen zu urteilen, sicherlich fremd ist. Meiner Ansicht nach ist er im Herzen ein traditionsbewusster Mensch, dem nichts wichtiger ist als die Familie und der von Familie eine ganz bestimmte Vorstellung hat. Ich bin sicher, als Jill ihm eröffnete, dass sie schwanger ist, hat er einen Kniefall vor ihr gemacht und sie gebeten, seine Frau zu werden. So hat er es jedenfalls bei seiner ersten Frau gemacht. Mein Vater weiß nicht, dass mein Großvater mir das erzählt hat. Er hatte sie im Urlaub kennen gelernt - er war damals noch beim Militär, eigentlich wollte er dort Karriere machen -, sie wurde von ihm schwanger, und er heiratete sie auf der Stelle. Dass er es bei Jill nicht genauso gehalten hat, heißt für mich, dass er sich nach Jills Wünschen richtet.
»Sie schläft jetzt, wann immer sie kann«, berichtete er. »So ist das in den letzten sechs Wochen eigentlich immer. Es wird ihnen alles so beschwerlich, und wenn das Kind von Mitternacht bis fünf Uhr morgens in Bewegung ist…« Er machte eine resignierte Handbewegung. »Dann hast du endlich das, worauf du jahrelang gewartet hast: eine Chance, die ganze Nacht Krieg und Frieden zu lesen.«
»Lebst du jetzt bei ihr?«
»Ich büße auf ihrem Sofa.«
»Für deinen Rücken ist das aber nicht gut.«
»Daran brauchst du mich nicht zu erinnern.«
»Habt ihr euch auf einen Namen geeinigt?«
»Ich bin immer noch für Cara.«
»Und sie -« Es fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, und ich musste mich zwingen, fortzufahren. »Sie hält weiter an Catherine fest?«
Unsere Blicke prallten aufeinander. Es war, als stünde sie in greifbarer Körperlichkeit zwischen uns, auf ewig das bezaubernde junge Mädchen aus dem Foto. Meine Hände waren feucht, und in meinem Magen regte sich der erste Anflug schneidender Schmerzen, als ich sagte: »Aber das würde dich an Katja erinnern, nicht wahr? Wenn ihr eurem Kind den Namen Catherine gäbt.«