Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Ich sagte nichts, aber ich stand auf und ging aus dem Schuppen ins Haus. Im Musikzimmer trat ich nicht zur Fensterbank, wo ich fast immer beim Schreiben zu sitzen pflege, sondern zum Geigenkasten. Im Glanz ihrer Decke und ihrer Ornamente lag die Guarneri vor mir, ein Klangkörper, der in all seinen Teilen - Schalllöchern, Zargen, Wirbel - den Geist mehr als zweihundertjährigen Musizierens atmete.
Ich kann es. Fünfundzwanzig Jahre lassen sich nicht mit einem Schlag auslöschen. Was ich gelernt habe, was ich kann, meine natürliche Begabung, das alles mag unter einem Erdrutsch verschüttet sein, aber es ist noch da.
Mein Vater trat neben mich. Er legte leicht seine Hand an meinen Ellbogen, als ich nach der Guarneri griff. »Ich bin bei dir, mein Junge«, sagte er. »Es ist alles gut. Ich bin bei dir.«
Und genau in diesem Moment klingelte das Telefon.
Wie in einem Reflex verkrampften sich die Finger meines Vaters an meinem Ellbogen. »Geh nicht hin«, sagte er, und da ich schon seit Wochen das Telefon ignorierte, fiel es mir nicht schwer, ihm zu gehorchen.
Aber es war Jill, die auf den Anrufbeantworter sprach. »Gideon?«, sagte sie, »ist Richard noch bei dir? Ich muss ihn dringend sprechen. Ist er schon wieder weg? Bitte, heb ab!«
»Das Kind«, sagten Vater und ich wie aus einem Mund, und er lief zum Telefon.
»Ich bin noch hier«, sagte er. »Ist bei dir alles in Ordnung, Schatz?«
Ihre Antwort war kein kurzes Ja oder Nein. Während sie sprach, wandte sich mein Vater von mir ab. Dann sagte er: »Was für ein Anruf?«, und lauschte einer weiteren umständlichen Erklärung, bis er zum Schluss rief. »Jill - Jill, das reicht. Warum bist du überhaupt hingegangen?«
Wieder folgte ein Redeschwall, und als Jill zum Ende gekommen war, sagte mein Vater: »Warte! Jetzt reg dich doch nicht so auf. Das ist doch albern. Du steigerst dich da in etwas hinein… Du kannst mich doch nicht für einen Anruf verantwortlich machen, der -« Sein Gesicht verfinsterte sich plötzlich, und dann rief er: »Verdammt noch mal, Jill. Was redest du da! Das ist ja völlig irrational.« Ich kannte diesen Ton, den schlug er immer an, wenn er ein Thema vom Tisch fegte, das er nicht weiterverfolgen wollte. Ein eisiger Ton, wegwerfend und arrogant.
Aber Jill war hartnäckig. Sie begann von neuem. Er hörte wieder zu. Er stand mit dem Rücken zu mir, aber ich sah, wie er stocksteif wurde. Es verging beinahe eine Minute, bevor er wieder sprach.
»Ich komme jetzt nach Hause«, sagte er brüsk. »Am Telefon führe ich diese Diskussion nicht weiter.«
Damit legte er auf, und ich hatte den Eindruck, Jill war mitten in einem Satz, als er es tat. Dann drehte er sich um und sagte mit einem Blick zu meiner Geige: »Du hast noch mal eine Gnadenfrist bekommen.«
»Ist zu Hause alles in Ordnung?«, fragte ich.
»Nichts ist in Ordnung«, antwortete er unwirsch.
26. September, 23.30 Uhr
Zweifellos erzählte mein Vater Raphael, als er ihn unten auf dem Platz traf, dass ich nicht für ihn gespielt hatte; ich sah es Raphaels Gesicht an, als er keine drei Minuten später ins Musikzimmer kam. Sein Blick flog zu der Geige.
»Ich kann nicht«, sagte ich.
»Er behauptet, du willst nicht.« Raphael berührte behutsam das Instrument, das wieder in seinem Kasten lag. Es war eine Berührung wie eine Liebkosung, die er vielleicht einer Frau zugedacht hätte, wenn je eine Frau sich zu ihm hingezogen gefühlt hätte. Soweit mir bekannt war, hatte es das nie gegeben. Ja, mir schien, während ich ihn beobachtete, dass einzig ich - und meine Geige - Raphael vor einem Leben in völliger Einsamkeit bewahrt hatten.
Es klang wie eine Bestätigung meiner Überlegung, als er sagte:
»Das kann nicht ewig so weitergehen, Gideon.« »Und wenn doch?«, fragte ich.
»Das wird nicht geschehen. Das darf nicht geschehen.«
»Stellst du dich also auf seine Seite? Hat er dich da draußen aufgefordert« - ich wies mit einer Kopfbewegung zum Fenster - »mich zum Spielen zu zwingen?«
Raphael blickte zum Platz hinaus, wo das Laub an den Bäumen sich herbstlich zu färben begann. »Nein«, sagte er, »das hat er nicht getan. Heute nicht. Ich hatte den Eindruck, er war mit anderen Dingen beschäftigt.«
Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte, nachdem ich beobachtet hatte, mit welcher Erregung mein Vater auf ihn eingeredet hatte. Aber ich nutzte die Erwähnung »anderer Dinge«, um selbst auf andere Dinge zu sprechen zu kommen.
»Warum hat meine Mutter uns eigentlich verlassen, Raphael?«, fragte ich. »War es wegen Katja Wolff?«
»Das ist kein Thema, über das wir beide uns unterhalten sollten«, sagte Raphael.
»Ich kann mich an Sonia erinnern«, sagte ich.
Er griff zum Riegel des Fensters. Ich dachte, er wollte es öffnen, um entweder frische Luft hereinzulassen oder auf den schmalen Balkon hinauszuklettern. Aber er tat weder das eine noch das andere. Er machte sich nur ziellos an dem Riegel zu schaffen, und während ich ihm zusah, wurde mir bewusst, wie viel dieses sinnlose Gefummel über unsere Beziehung aussagte, in der keinerlei Interaktion stattfand, wenn es nicht um die Geige ging.
»Ich erinnere mich wieder an sie, Raphael«, sagte ich. »Ich erinnere mich an Sonia. Und an Katja Wolff. Warum hat nie jemand von ihnen gesprochen?«
Er schien unangenehm berührt, und ich glaubte, er wollte einer Antwort ausweichen. Aber gerade als ich sein
Schweigen in Frage stellen wollte, sagte er: »Wegen dem, was Sonia zugestoßen ist.«
»Wieso? Was ist Sonia denn zugestoßen?«
Sein Ton klang verwundert, als er antwortete: »Du erinnerst dich wirklich nicht. Ich glaubte immer, du rührst nicht daran, weil wir anderen nie darüber gesprochen haben. Aber du weißt es nicht mehr.«
Ich schüttelte den Kopf, voller Scham bei diesem Geständnis. Sie war meine Schwester gewesen, und ich wusste nichts von ihr, Dr. Rose. Bis zu dem Moment, als Sie und ich zusammen zu arbeiten anfingen, hatte ich vergessen, dass sie überhaupt existiert hatte. Können Sie sich vorstellen, wie man sich da fühlt?
Raphael bemühte sich mit großer Güte um eine Entschuldigung für so viel grenzenlose Egozentrik, die mich meine Schwester hatte vergessen lassen. Er sagte: »Aber du warst ja damals noch nicht einmal acht Jahre alt. Und nach dem Prozess hat keiner von uns je wieder ein Wort darüber verloren. Wir haben schon während der Verhandlung kaum darüber gesprochen und vereinbarten, danach überhaupt nicht mehr daran zu rühren. Sogar deine Mutter war damit einverstanden, obwohl sie völlig gebrochen war. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass du das alles aus deinem Gedächtnis streichen wolltest.«
Ich sagte mit trockenem Mund: »Dad hat mir erzählt, dass sie ertrunken ist. Sonia, meine ich. Dass sie ertrunken ist. Wieso gab es einen Prozess? Gegen wen? Und warum?«
»Mehr hat dein Vater dir nicht gesagt?«
»Nein. Er hat nur gesagt, Sonia sei ertrunken. Er wirkte so… Er sah aus, als kostete es ihn schon ungeheuer viel, mir nur zu sagen, wie sie gestorben ist. Ich wollte nicht noch mehr Fragen stellen. Aber jetzt - ein Prozess? Vor Gericht?«
Raphael nickte, und noch bevor er fortfuhr, stürmte all das Erinnerte in seiner ganzen Tragweite auf mich ein: Virginia ist jung gestorben; Großvater hat »Episoden«; Mutter weint in ihrem Zimmer; jemand hat im Garten ein Foto gemacht; Schwester Cecilia ist im Vestibül; Dad brüllt, und ich bin im Wohnzimmer, trete mit den Füßen gegen die Sofabeine, stoße meinen Notenständer um, erkläre hitzig und voll Trotz, dass ich diese kindischen Tonleitern nicht spielen werde.