Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Wir haben damit nichts zu tun«, erwiderte sie leise. »Das Land hinter dem Cheko gehört nicht zu unserem Jagdrevier, und die Stämme müssen sich untereinander keine Rechenschaft ablegen, wo und wie sie ihre Fallen aufstellen. «
»Und was ist, wenn es einen von euch trifft?«
»Unsere Männer sind wachsam genug. Sie kennen die Jagdgewohnheiten ihrer Brüder. Hier ist noch nie etwas geschehen.« Lebenov wechselte unerwartet das Thema, indem er Viktoria aufforderte, den jungen Mann zu beschreiben, den sie gesehen zu haben glaubte.
Sie schluckte nervös. Die schönen, asiatisch anmutenden Augen des Mannes würde sie niemals vergessen. Den Rest konnte sie nur vage beschreiben. Schweigsam hörte die alte Frau ihren stockenden Ausführungen zu. Plötzlich fiel Viktorias Blick auf ein Foto, das in einem silbernen Rahmen auf einer Kommode stand und einen etwa fünfzehnjährigen Jungen mit pechschwarzen, halblangen Haaren zeigte, der sich mit einem strahlenden Lächeln über einen riesigen, frisch gefangenen Fisch zu freuen schien.
Neben dem Foto standen eine dicke Kerze auf einem silbernen Fuß und ein massives Standkreuz christlich-orthodoxer Prägung. Ein künstlicher Strauß aus ehemals bunten Nelken, über die Jahre pastellig geworden, in einer braunen Vase komplettierte das Stillleben.
Die alte Frau war mit den Augen Viktorias Blick gefolgt. Nun musste sie offenbar nachdenken, um zu einer Antwort zu finden.
Lebenovs Brauen zogen sich missmutig zusammen, und ein muffiges Brummen entwich seiner Kehle.
Viktoria befürchtete, sich nicht klar genug ausgedrückt zu haben, schließlich war ihr Russisch zwar gut, aber längst nicht perfekt. Mit zwei Schritten war sie bei dem Foto angelangt.
»Er sah ein bisschen so aus wie der Junge hier.« Sie bemühte sich um ein unbekümmertes Lächeln, während sie auf das leicht vergilbte Schwarz-Weiß-Foto zeigte. Insgeheim hoffte sie, dass es sich um den Gesuchten handelte. Sein Lachen auf dem Bild war so befreiend und glücklich, dass ihr ganz warm ums Herz wurde.
Lebenov richtete seine Aufmerksamkeit ebenfalls auf das Bild und nahm den Rahmen in die Hand. Interessiert betrachtete er das Gesicht des Jungen, ganz so, als ob es sich um einen alten Bekannten handeln würde.
»Ist das euer Sohn?«, fragte er und blickte zu der Alten hin.
Die Frau schüttelte energisch den Kopf. »Es zeigt unseren einzigen Enkel«, flüsterte sie.
»Wo ist er jetzt?« Lebenovs Frage kam so schneidend wie in einem Verhör.
»Er ist tot«, antwortete die Frau mit zitternder Stimme. Stolz hob sie den Kopf. »Im Herbst 2001 ist er in Tschetschenien gefallen - für unseren Präsidenten und zur Rettung der Russischen Föderation.«
Lebenov verengte seine Augen zu Schlitzen. »Wie war noch sein Name?«, fragte er bedeutungsvoll.
»Leonid Borisowitsch Aldanov«, antwortete die Frau kaum hörbar. »Im Frühjahr 2002 hat er posthum die Heldenmedaille unseres Präsidenten erhalten.«
So langsam, wie sie sich gesetzt hatte, richtete sie sich nun auf und strich sich die Schürze glatt. Kaum einen Meter fünfzig groß, das graue Haar im Nacken zu einem dicken, hüftlangen Zopf geflochten, strahlte sie eine beachtliche Würde aus, als sie vor Lebenov trat und ihn von unten herauf anblickte, wie ein Kind, das seinem strengen Vater trotzt.
»Es tut mir leid«, sagte sie tonlos. »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich kenne niemanden, auf den diese Beschreibung zutreffen könnte. Aber es steht Ihnen natürlich frei, zurückzukehren und meinen Mann zu befragen.«
Lebenov zog eine Visitenkarte mit dem Emblem von GazCom aus seiner Brusttasche. Mit einem verstörten Blick nahm die alte Frau die Karte entgegen und steckte sie achtlos in ihre Kitteltasche.
»Sag deinem Mann, er soll sich umgehend bei mir melden, sobald er zurück ist«, erklärte Lebenov.
Theisen stand am Eingangsportal des Hospitals, als Lebenovs Fahrer den UAZ mit laufendem Motor parkte.
»Ich fahre nicht mit Ihnen zum Camp«, erklärte Viktoria, nachdem Lebenov ihr das Angebot gemacht hatte, sie mitzunehmen.
»Doktor Theisen und Kolja sind extra gekommen, um mich abzuholen«, fügte sie hinzu.
Es hatte erneut zu regnen begonnen. Sven Theisen machte ein verwundertes Gesicht, als Viktoria zusammen mit Kolja den Wagen verließ. Er hatte sich über die Nachricht von Kolja gewundert und sich gefragt, wo die beiden solange geblieben waren. Lebenov nickte ihm mit einem militärischen Gruß zu, und dann setzte sein kirgisischer Chauffeur zurück und raste so schnell davon, dass der Schlamm von der Straße aufspritzte.
Theisen bedachte Kolja mit einem ebenso erstaunten Blick wie Viktoria, die sich angesichts des stärker werdenden Regens unter das Vordach zurückgezogen hatte.
»War das nicht unser neuer Sicherheitschef? Der Typ hat's aber eilig«, bemerkte Theisen erstaunt. Auf seinem Arm trug er eine durchweichte Papiertüte, die allem Anschein nach seine Einkäufe enthielt. »Was wollte er hier?« Sein Blick glitt von Viktoria zu Kolja, der seine Aufmerksamkeit immer noch auf die unasphaltierte Straße richtete und auf den Wagen, der in der Ferne am Horizont verschwand.
»Was ist Lebenov für ein Kerl?« Viktoria wollte genau wissen, was für einen seltsamen Vogel ihr Bashtiri an die Seite gestellt hatte. »Gehört er zu Bashtiris Mafia?« Sie sah Kolja mit einem herausfordernden spöttischen Blick an. »Du kannst ruhig sprechen, er ist weg! Oder hast du Angst vor ihm?«
Kolja fingerte nervös an seiner Hosentasche herum, bis er gefunden hatte, was er suchte, und zündete sich kurz darauf eine Zigarette an. Bevor er antwortete, nahm er einen tiefen Zug. »Er gehört zu jener Sorte von Kerlen, vor denen man durchaus Angst haben sollte«, erwiderte er mit einem nervösen Grinsen. »Lebenov war Angehöriger des Russischen Inlandsgeheimdienstes. FSB, falls euch das etwas sagt. Er war als Soldat zusammen mit Bashtiri in Tschetschenien. Wobei Bash-tiri dort nur seine geschäftlichen Interessen vertreten hat.«
Sven Theisens Augen weiteten sich. »Was hat denn der russische Inlandsgeheimdienst mit unseren Forschungen zu tun?«
»Lebenov ist nicht mehr beim FSB. Es hat da irgendeinen Zwischenfall gegeben, über den niemand zu sprechen wagt. Man hat ihn quasi strafversetzt. Allerdings verdient er als verantwortlicher Sektionschef für die Sicherheit bei GazCom erheblich mehr als zu Militärzeiten, und seine Kompetenzen sind kaum geringer geworden.«
»Und was hat er mit Viktoria zu schaffen?«, wollte Theisen wissen.
»Ich weiß es nicht«, sagte Kolja ausweichend, »Ich nehme an, Bashtiri hat ihn gebeten, wegen Viktorias geheimnisvollem Verschwinden die Ermittlungen aufzunehmen. Der GazCom-Konzern will und kann es sich nicht leisten, über ein solches Ereignis hinwegzusehen. Und dann ist da noch die Sache mit dem tungusischen Selbstschusskatapult. Man wittert hinter sämtlichen Ungereimtheiten einen terroristi-schen Anschlag. Leute wie Lebenov beziehen unter anderem ihre Daseinsberechtigung daraus, sich für alles und jeden zu interessieren. Solche Typen sind wie Blutsauger. Wenn sie sich einmal festgebissen haben, fallen sie nicht eher ab, bis sie satt sind.«