Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Das ist mein Mann«, sagte die alte Frau leise. »Makar Charitono-witsch Schirov. Er ist unser Stammesführer. Und ich bin Vera Leonar-dowa Schirova.«
Der Alte kam näher und sah Viktoria prüfend ins Gesicht, ganz so, als ob er bis zu ihrer Seele vordringen wollte. Auch er hatte Ähnlichkeit mit ihrem Retter. Er hatte die gleichen schräg stehenden Augen und eine ganz leicht nach unten gebogene Nase.
»Viktoria Vanderberg.« Ihre Stimme zitterte ein wenig. »Ich bin hier, um herauszufinden, wem ich mein Leben verdanke.« Sie wollte aufstehen, um ihm die Hand zu reichen, doch er bedeutete ihr mit einer Geste, sitzen zu bleiben.
»Wenn Sie uns etwas Gutes tun wollen, vergessen Sie diesen Mann!« Die Miene des Alten blieb völlig neutral. »Er weilt nicht mehr unter uns, sondern ist vielmehr ein guter Geist, der manchmal an den Ort seiner Herkunft zurückkehrt, um Menschen wie Ihnen aus Not und Elend zu helfen.«
»Ein Geist?«, wiederholte Viktoria ungläubig. »Ich glaube nicht an Geister.« Sie stellte die Untertasse auf einem Beistelltischchen ab. »An Ihrer Stelle würde ich lieber an Geister glauben«, erwiderte der Mann und ließ sich neben ihr auf dem Sofa nieder. Wie selbstverständlich nahm er Viktorias Hand in seine, die sich kühl und trocken anfühlten.
»Ich habe gehört, dass Sie draußen am Chekosee arbeiten, Kindchen«, sagte er. »Es ist verfluchtes Land. Das sollten Sie wissen. Man kann dort seine Seele verlieren. Das Unglück, von dem mir meine Frau erzählt hat, sollte Ihnen eine Warnung sein. Kehren Sie in ihre Heimat zurück und vergessen Sie, was Sie hier zu suchen gedachten.« Ganz sacht legte er seine wettergegerbte Hand auf Viktorias Schulter und sah ihr beschwörend in die Augen. »Glauben Sie mir, niemand, der dort geforscht hat, hat je sein Glück gefunden, geschweige denn, das wahre Geheimnis von Tunguska entdeckt.«
»Es gibt dort kein Geheimnis«, erwiderte Viktoria. Beinahe belei-digt, schob sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und rückte ein Stück von dem Mann ab. Wie um sich eine Komplizin zu sichern, wandte sie sich seiner Frau zu, die den Ausführungen des Alten gleichfalls gebannt gefolgt war. »Wir hoffen den Beweis erbringen zu können, dass es ein Meteor war, der vor genau einhundert Jahren an der Stelle eingeschlagen ist, wo sich heute der Chekosee befindet. Damit werden wir allen Spekulationen ein Ende setzen.«
»Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf?« Die Alte sah sie durchdringend an. »Glauben Sie nicht nur an das, was Sie sehen, und halten Sie sich von solchen Leuten wie Bashtiri und Lebenov fern.« Ihre Miene verdüsterte sich, als sie aufstand und Viktorias fragendes Gesicht betrachtete. »Erzählen Sie Ihnen nicht, dass ich das gesagt habe. Es könnte zu unserer aller Nachteil sein.« Dann ging sie zur Kommode und nahm das Bild ihres Enkels in die Hand. Ihr Blick war warm und wehmütig, doch als sie aufschaute, spiegelte sich noch etwas anderes darin: ein seltsames Glühen, das auf Viktoria unheimlich und angsteinflößend wirkte. Vielleicht war es Hass. Sie konnte es nur ahnen, als die alte Frau abermals ihre Stimme erhob. Leise und mit einem harten Zug um den Mund starrte sie ins Nichts.
»Menschen wie Sergej Bashtiri haben unseren Leonid auf dem Gewissen. Es sind keine ehrbaren Männer.« Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. Dann hob sie ihre Brauen und schaute Viktoria funkelnd an. »Es sind reißende Wölfe ...«
Ihr Blick fiel auf den Alten, der immer noch neben Viktoria auf dem Sofa saß und die ganze Zeit über ihre Hand hielt. »Mein Mann könnte es ihnen bestätigen.«
Viktoria beschloss, dass es Zeit wurde zu gehen. Sie wollte die Alten nicht weiter belästigen. Vielleicht hatten die beiden über den Tod ihres einzigen Enkels den Verstand verloren. Und nun kam eine dahergelaufene Deutsche und wühlte in ihrer schmerzlichen Vergangenheit. Außerdem war Viktoria sicher, dass sie mit ihrem Forscherdrang die Identität dieses Mannes selbst herausfinden würde. Dafür würde sie weder dessen vermeintliche Großeltern noch Lebenov und Bashtiri brauchen. Mit einem schwachen Händedruck und einem kaum hörbaren »Doswidan'ja« verabschiedete sie sich.
Für einen Moment glaubte sie, der alte Mann wolle ihr noch etwas mit auf den Weg geben. Doch dann schüttelte er leise den Kopf und schwieg, während er Viktoria beobachtete, wie sie ihre Stiefel zuschnürte und hinausging.
»Habt ihr den Typen gesehen, der mich beinahe umgerannt hat, als ich in die Jurte gehen wollte?« Fragend schaute sie von Sven zu Kolja, als sie zum Wagen zurückgekehrt war.
»Nein«, sagte Sven und schüttelte den Kopf.
»Welchen Typ?« Kolja schaute sie fragend an. »Meinst du den Alten, der nach dir in die Hütte gegangen ist?«
»Vergiss es!« Sie seufzte resigniert.
Mit fatalistischer Miene kletterte sie in den Rover und zog den Gurt fest. Theisen, der nun auf dem Beifahrersitz saß, wandte sich zu ihr um und legte ihr seine Hand auf die Schulter.
»Was hat die Frau gesagt?«, fragte er. »Hast du etwas herausgefunden?«
»Nein.« Es war müßig, das Gespräch vor den beiden zu wiederholen. »Wahrscheinlich war es nur eine fixe Idee, oder ich befinde mich immer noch auf einem Trip und merke es nicht.«
»Was soll das bedeuten?« Theisen sah sie überrascht an.
»Vergiss es.«
13.
Februar 1905, Sibirien - Pakt mit dem Teufel
Eine Druckluftsirene holte Leonard aus einem kurzen traumlosen Schlaf. Für einen Moment hatte er tatsächlich geglaubt, im Haus des alten Eisenstein zu erwachen, als er die raue Stimme Isaak Weinbergs vernahm, der jeden Einzelnen von ihnen mit einem verschlafenen Sha-lom an der Schulter rüttelte.
Bevor man sie zu einem kargen Frühstück in einen lang gezogenen Flachbau schickte, mussten etliche Formalitäten erledigt werden. Anstaltskleidung war Vorschrift: eine Hose, ein Kittel, ein Satz Unterwäsche. Genug, um nicht entblößt herumzulaufen, aber zu wenig, um nicht zu erfrieren, falls man so verrückt war, das Weite zu suchen.
Schweigend reihten sich die Häftlinge in eine lange Schlange von Wartenden ein und nahmen sich einen Blechnapf und eine Tasse, bevor sie sich dem Ausschank zuwandten. Dort gab es einen schwarzen Tee und eine gut gefüllte Kelle mit Kascha - Buchweizengrütze, süß oder salzig. Der reinste Luxus, wie ein Mitgefangener hinter Leonard meinte. Er drehte sich fragend um. Der Mann setzte ein fatalistisches Grinsen auf.
»Frag mich! Ich weiß, wovon ich spreche. Bei der Armee gibt's die Pampe nur pur.«
Allein beim Anblick der Grütze drehte sich Leonard der Magen um. Aber was blieb ihm übrig? Hier gab es schnellere Arten zu sterben, als auf das Essen zu verzichten.
Er zuckte überrascht zurück, als er das Gesicht des Mädchens erkannte, das ihm den dampfenden Tee in den Becher einschenkte. Es war Kissanka. Sie trug einen dunkelblauen Kittel, ein graues Kopftuch und sah völlig erschöpft aus. Hinter ihr keifte eine rundliche Vorarbeiterin, die ihr Anweisungen erteilte.