Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Errette mich, sagten die Augen des Mädchens, als sie zu Leonard aufblickte, doch mehr als ein kurzes, tröstendes Lächeln brachte er nicht zustande.
Beim zweiten Klang der Sirene erschien Igor Lobow, der Kommandeur des Lagers, um seine besonderen Gefangenen am Eingang der Baracke persönlich in Empfang zu nehmen. Im Gleichschritt führte der Offizier die drei Studenten und den Professor über den schneebedeckten, hart gefrorenen Boden zu einer riesigen Halle, die Leonard schon Tags zuvor aufgefallen war.
Das Innere des beeindruckenden Gebäudes, dessen Höhe mindestens dreißig Meter betrug, wurde von gigantischen hölzernen Gerüsten und Rampen beherrscht, deren Funktion Leonard nicht genau einordnen konnte.
Pjotr kam ihm unvermittelt zur Hilfe. »Wenn mich nicht alles täuscht, könnte man mit diesen Vorrichtungen spielend ein Luftschiff bauen«, sinnierte er flüsternd. »Aluminium, in bester Qualität«, fügte er staunend hinzu, während die Blicke aller auf die längs gestapelten, matt glänzenden Platten fielen, die zahlreich und nach Größe sortiert in einem Ständergerüst lagerten.
Lobow ließ die Spekulationen seiner Neuzugänge unkommentiert, ebenso wie Weinberg, der nur eine seiner weißen buschigen Brauen hob.
Überall liefen Arbeiter zwischen den abenteuerlich wirkenden Aufbauten herum, und obwohl die Umgebung chaotisch wirkte, wusste anscheinend ein jeder von ihnen, was zu tun war.
Leonard war der Erste, der von der Halle durch eine Tür in eine angrenzende Baracke geführt wurde. Darin befand sich ein improvisiertes Büro, in dem Lobow hinter einem grob gezimmerten Schreibtisch Platz nahm. Bis auf Weinberg mussten die anderen draußen warten, nachdem der Kommandant Leonard aufgefordert hatte, die Tür zu schließen.
»Wie gut kennen Sie sich mit elektrischen Fernsteuerungen aus?«, fragte Lobow.
Leonard war vollkommen überrascht. Wusste man, dass ihm die Möglichkeiten und die Weiterentwicklung der Fernsteuerung seit seinem Aufenthalt in Amerika keine Ruhe mehr gelassen hatte? In Teslas Laboratorium hatte er Zeuge werden dürfen, wie der geniale Meister der Elektrotechnik seinen großen Coup wiederholte, bei dem er 1898 auf der Weltausstellung in New York ein per Funkfeuer ferngesteuertes Schiffsmodell vorgeführt hatte. Leonard konnte sich noch gut daran erinnern, wie der schnauzbärtige Kroate mit diebischer Freude das kleine Boot wie von Zauberhand in eine Gruppe von Enten gelenkt hatte, die er damit von einem Teich aufscheuchte.
»Teslas System ist in den USA patentiert«, stellte Leonard klar, ob-schon er ahnen konnte, dass dieser Umstand hier keine Rolle spielte.
»Können Sie es nachbauen?« Lobow musterte ihn eindringlich.
»Ich denke schon«, erwiderte Leonard zögernd. »Die Frage ist nur, für was Sie es gebrauchen wollen?«
»Wenn Ihnen gelingen sollte, dass wir damit ein Luftschiff ohne Besatzung steuern können, werden wir Ihre kleine Freundin von Tomsk hierher holen.«
Leonard traf es wie ein Schock. Wie sollte er das bewerkstelligen? Ein Modellboot war eine Sache, ein Luftschiff von mindestens einhundert Meter Länge aber eine ganz andere. Die Aussicht, Katja wieder in seinen Armen zu halten, ließ ihn euphorisch werden. Er musste es schaffen, selbst wenn es einige Zeit dauern sollte.
»Ich weiß nicht«, sagte er ehrlich. »Es gibt vielleicht bessere Lösun-gen, als ein Luftschiff per Funk fernzusteuern. Sobald es sich außer Reichweite der Funkanlage befindet, wird es womöglich an einem Berg zerschellen. Bei einer Fernsteuerung ist man nicht nur auf solide Frequenzen angewiesen, sondern auch darauf, ob Tag oder Nacht herrscht, weil die Wellen je nachdem stärker oder schwächer von der Erdatmosphäre gespiegelt werden. Wenn Sie es ohne Personal navigieren wollen, sollten Sie eher eine automatische Steuerung ins Auge fassen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, das Schiff mit einem Automaten zu steuern, der sich nach einem eingebauten Kompass richtet?«
Leonards Bedenken interessierten Lobow offenbar nicht. »Um eine brauchbare Lösung zu entwickeln, hat man Ihnen das Leben geschenkt und Sie und Ihre Kameraden hierher gebracht. Denken Sie sich etwas aus, das uns zu einer unbemannten Mission verhelfen kann. Es liegt allein an Ihren Fähigkeiten, ob Sie sich das Leben in diesem Lager angenehmer gestalten wollen, als es ohnehin schon ist.« In seiner Stimme lag eine gehörige Portion Sarkasmus. »Gerade im Winter werden Sie glücklich sein, im Bett vom drallen Fleisch eines Mädchens gewärmt zu werden. Noch besser, wenn es die Auserwählte ist.«
Leonard spürte Wut in sich aufsteigen. »Denken Sie tatsächlich, das allein reicht, um ein vorzeigbares Ergebnis zu garantieren? Ein Wissenschaftler benötigt weit mehr als einen Frauenhintern, um seine Arbeit anständig ausführen zu können.«
»Es ist mir ganz gleich, wie Sie zu einem Ergebnis kommen. Sollten Sie es jedoch nicht schaffen, in ein paar Monaten Pläne für einen entsprechenden Mechanismus vorzulegen, wird das Urteil an Ihnen und Ihrer Freundin vollstreckt.«
Also nur ein paar Monate. Mehr Zeit blieb ihm nicht. Die Russen hatten es offenbar so eilig, dass sie notfalls über Leichen gingen.
Weinberg hüstelte verhalten, als er Leonard zurück in die Konstruktionshalle begleitete.
»Katja denkt, ich sei tot«, erklärte Leonard trotzig. »Was würde sie wohl sagen, wenn man sie hierher verlegt und sie mich sieht?«
»Und du denkst, die Russen holen sie tatsächlich hierher?« Die Stimme des Juden hatte einen spöttischen Unterton. Bevor Leonid etwas erwidern konnte, hatte Weinberg schon Pjotr am Arm gefasst und ihn in das Büro des Obersten gezerrt.
Aslan saß wartend auf einer Bank, als Leonard sich zu ihm gesellte. Hastig genehmigte der Turkmene sich eine Zigarette, die er von einem der Wachhabenden geschnorrt hatte. Er schien nervös, obwohl es augenscheinlich keinen Grund dafür gab. Leonard setzte sich neben ihn und inhalierte unfreiwillig den Rauch. Katja erhob sich mit einem Mal so wirklich in seiner Erinnerung, als ob sie neben ihm stünde. Und du denkst, die Russen holen sie tatsächlich hierher? Diese Frage kreiste in seinem Kopf. Ja, was denn sonst? dachte er bitter. Lobow hatte es schließlich versprochen, wenn er tat, was man von ihm verlangte.
Mit einem Seufzer schaute er zu Aslan hin. »Was glaubst du: Was haben sie vor?«
Der Turkmene antwortete nicht sofort, sondern blies kleine Kringel in die Luft, einen nach dem anderen.
»Was weiß ich!«, stieß er nach einer Weile missmutig hervor und bedachte Leonard mit einem ungnädigen Blick. »Nichts Gutes - das kannst du dir doch denken.«
»Warum bist du hier? Was ist es, das du ihnen bieten kannst?« Leonard erhob sich von der Bank und baute sich anklagend vor Aslan auf. »Warum verrätst du es nicht? Denkst du, du bist etwas Besseres als Pjotr und ich?«
»Vielleicht«, antwortete Aslan und sah an ihm hoch. Möglicherweise wollte er abschätzen, welche Chance er hatte, wenn der Deutsche ihn zu einem Faustkampf herausforderte. Seine schmalen Augen verwandelten sich in kleine Schlitze. »Ich bin gefährlicher als du und dein ängstlicher Kamerad, Genosse Schenkendorff.« Er sog tief die Luft ein und spuckte Leonard neben die Füße. »Gefährlicher als ihr beide und all die anderen hier. Lass dir das gesagt sein! Und der Preis, den ich dafür zu zahlen habe, ist höher, als du es dir vorstellen kannst.«