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Der Borowski-Betrug

Электронная книга - «Der Borowski-Betrug». Краткое содержание книги:

Er wurde aus der See gezogen — mehr Leichnam als Mann. An seinen Namen kann er sich nicht erinnern. Er ist ein Mensch ohne Vergangenheit und ohne Zukunft — gejagt von mächtigen Feinden; geliebt von einer schönen Frau, die nicht glauben kann, daß er wirklich das ist, was sich langsam herauskristallisiert: Ein Berufsmörder!
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Borowski hob das drei Jahre alte Heft von Potomac Quarterly vom Boden auf und deutete auf das Porträt eines bärtigen Mannes. Es war in groben Strichen gehalten, irgendwie unfertig, so als wäre es nach einer vagen Beschreibung entstanden. Er hielt ihr die aufgeschlagene Seite hin.

«Da, lies«, sagte er.»Der Artikel beginnt oben links und hat die Überschrift >Mythos oder Monstrum<. Anschließend möchte ich ein Spiel mit dir spielen.«

«Ein Spiel?«

«Ja. Ich habe nur die ersten zwei Absätze gelesen.«

«Also gut. «Marie musterte ihn verwirrt. Sie griff nach der Zeitschrift und las.

MYTHOS ODER MONSTRUM

Ein Jahrzehnt lang ist der Name» Carlos «in den finsteren Vierteln so unterschiedlicher Städte wie Paris, Teheran, Beirut, London, Kairo und Amsterdam nur im Flüsterton ausgesprochen worden. Es gibt konkrete Beweise, daß er Exekutionen für extrem radikale Gruppen wie die PLO und die Baader-Meinhof-Bande durchgeführt hat.

Hört man von seinen Taten, so denkt man an eine Welt, die von Gewalt und Verschwörung beherrscht wird, in der schnelle Wagen und ebenso schöne wie kühne Frauen eine wichtige Rolle spielen.»Carlos «wird in diesen Darstellungen als blutrünstiges Monstrum beschrieben, das die Ware Tod mit der Nüchternheit eines Marktanalytikers verkauft und dabei ein klares Bild von Löhnen, Kosten und einer straffen

Organisation besitzt.

Der Mann, der dieses komplizierte Geschäft meisterhaft beherrscht, heißt Iljitsch Ramirez Sanchez. Man vermutet, daß er Venezolaner ist, der Sohn eines fanatischen, aber nicht sehr prominenten marxistischen Anwalts (der Vorname Iljitsch ist der Tribut des Vaters an Wladimir Iljitsch Lenin). Sein Vater soll ihn in jungen Jahren nach Rußland geschickt haben, um ihn dort für eine Agententätigkeit ausbilden zu lassen. Angeblich hat» Carlos «das sowjetische Ausbildungslager in Nowgorod besucht. Was dann weiter mit ihm geschah, ist relativ unklar. Gerüchten zufolge erkannte einer der Ausschüsse des Kreml, die regelmäßig ausländische Studenten daraufhin überprüfen, welche man für künftige Spionageaufgaben einsetzen könnte, welchen Charakter dieser Iljitsch Sanchez hatte. Für sie war er ein Paranoiker, der die wohlplazierte Kugel oder Bombe als einzige Lösung aller Probleme ansah. Die Empfehlung wurde ausgesprochen, den Jungen nach Caracas zurückzuschicken und sämtliche Verbindungen mit seiner Familie abzubrechen. Von Moskau abgelehnt und der westlichen Gesellschaft zutiefst abgeneigt, begann Sanchez, sich seine eigene Welt aufzubauen, eine Welt, in der er der absolute Herrscher war. So wurde er schließlich zum professionellen Killer, der seine Dienste allen möglichen politischen und weltanschaulichen Randgruppen zur Verfügung stellt.

Jetzt wird das Bild wieder klarer. Sanchez, der zahlreiche Sprachen fließend beherrscht, darunter seine Muttersprache Spanisch, dazu Russisch, Französisch und Englisch, benutzt nun seine in Rußland genossene Ausbildung als Sprungbrett dafür, seine Techniken zu verfeinern. In Kuba lernte er, mit allen Arten von Waffen und Explosivstoffen umzugehen. Es gibt keine Schußwaffe, die er nicht mit verbundenen Augen zerlegen und wieder zusammenmontieren kann; keinen Sprengstoff, den er nicht durch Geruch und Berühren identifizieren und auf die verschiedensten Arten zur Detonation bringen kann. Nun ist er bereit; er wählt sich Paris als Operationsbasis und sorgt dafür, daß man auf ihn aufmerksam wurde. Er stellte sein Killertalent zur Verfügung, wo andere das Risiko scheuten.

Viele Fragen bleiben offen: Wie alt ist»»Carlos«? Wie viele Morde kann man ihm zuschreiben und wie viele sind nur Mythos? Korrespondenten in Venezuela waren außerstande, irgendwo im Lande eine Geburtsurkunde für einen Iljitsch Ramirez Sanchez ausfindig zu machen. Andererseits gibt es dort Tausende und Abertausende von Leuten mit dem Namen Sanchez und Hunderte, die zusätzlich Ramirez heißen, aber niemand trägt den Vornamen Iljitsch. Hat man ihn später hinzugefügt, oder ist das Ganze nur ein Beweis für die Gründlichkeit von» Carlos«? Man kann nur vermuten, daß er zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahre alt ist. Niemand weiß es mit Bestimmtheit.

Sicher ist jedoch, daß Sanchez mit dem» Honorar «für seine ersten Morde eine Organisation aufgebaut hat, um deren Schlagkräftigkeit ihn mancher General beneiden würde. Loyalität und Mitarbeit werden gleichermaßen durch Angst und Belohnung erzwungen. Abtrünnige werden kurzerhand liquidiert; folgsame Mitglieder seiner Terrorgruppe hingegen werden für treue Dienste großzügig belohnt. Das führt zu einer naheliegenden Frage. Woher kamen die Profite ursprünglich? Wer waren die ersten Opfer?

Der Mord, über den die häufigsten Spekulationen angestellt werden, ereignete sich vor dreizehn Jahren in Dallas. Sooft man auch den Mord an John F. Kennedy versucht hat zu rekonstruieren — bis jetzt ist es noch niemandem gelungen, zufriedenstellend ein Rauchwölkchen zu erklären, das von einem grasbedeckten, dreihundert Meter von der Wagenkolonne entfernten Hügel aufgestiegen war. Kameras erfaßten die Rauchwolke. Und doch wurden an der Stelle weder Patronenhülsen noch Fußabdrücke gefunden. Tatsächlich wurde der einzige Hinweis auf die Rauchwolke in jenem Augenblick für so unwichtig gehalten, daß er bei den polizeilichen Ermittlungen des FBI unterging und im Bericht der Warren-Kommission nicht berücksichtigt wurde. Die Information stammt von einem zufälligen Beobachter des Geschehens, K.M. Wright aus Dallas, der bei seinem Verhör die folgende Aussage machte:»Verdammt, der einzige, der weit und breit zu sehen war, war der alte Lumpen-Billy, und der war ein paar hundert Meter entfernt.«

Mit» Billy «meinte er einen alten Penner in Dallas, den man häufig vor touristischen Sehenswürdigkeiten beim Betteln ertappt hatte; das Wort Lumpen bezog sich auf seine Angewohnheit, seine Schuhe mit Stoffetzen zu umwickeln, um damit das Mitleid der Passanten zu erwecken. Nach Aussage unserer Korrespondenten wurde Wrights Erklärung nie

veröffentlicht.

Vor sechs Wochen brach ein inhaftierter libanesischer Terrorist in Tel Aviv beim Verhör zusammen. Um sich vor der drohenden Hinrichtung zu schützten, behauptete er, neue Informationen über den Meuchelmörder»»Carlos «zu besitzen. Die israelische Abwehr gab das Protokoll seiner Aussage nach Washington weiter; unsere Korrespondenten in der amerikanischen Hauptstadt konnten sich eine Abschrift beschaffen.

Aussage:»»Carlos war im November 1963 in Dallas. Er gab sich als Kubaner aus und lenkte Oswalds Mordeinsatz. Er war der Hintermann. Es war seine Operation.«

Frage:»»Welche Beweise haben Sie?«

Aussage:»»Ich habe selbst gehört, wie er es sagte. Er befand sich auf einem kleinen Grashügel. Sein Karabiner war mit einem Drahtgebilde versehen, das die Hülsen auffing.«

Frage:»»Davon gibt es keinerlei Augenzeugenberichte;

warum hat ihn niemand beobachtet?«

Aussage:»»Man hat ihn vielleicht bemerkt; doch niemand hätte ihn erkennen können. Er war als alter Mann verkleidet, trug einen schäbigen Mantel und hatte sich Stoffetzen um die Schuhe gewickelt, um keine Schuhabdrücke zu hinterlassen.«

Zw eifellos kann die Aussage eines Terroristen nicht als verbindlicher Beweis betrachtet werden, aber man sollte sie auch nicht einfach abtun — zumal sie einen Meister der Täuschung und Tarnung betrifft. Darüber hinaus wird diese Aussage in so erstaunlicher Weise von einem nicht veröffentlichten Zeugen bestätigt, dem die Ermittlungsbehörde nie nachgegangen ist. Wie so viele andere, die — und sei es noch so entfernt — mit den tragischen Ereignissen von Dallas irgendwie in Verbindung standen, fand man»»Rupfen-Billy «einige Tage später tot auf, gestorben an einer Überdosis Heroin. Man wußte, daß der alte Mann sich häufig mit billigem Fuselwein betrank, aber daß er Rauschgift benutzt hätte, war bisher unbekannt. Das Geld dazu hatte er gar nicht gehabt.

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