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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Die Umstände des Zusammentreffens der Informationsquelle mit ihrem Adressaten sind absolut zufällig; man war einfach zur selben Zeit in einem Café und saß eine Weile an einem Tisch. Ich weiß noch, dass ich mir einen Ricard bestellt hatte, mein Lieblingsgetränk zu dieser Zeit; was mein Gesprächspartner trank, weiß ich nicht mehr.

Ja, ich war gern bereit zu glauben, dass Putin schon länger etwas mit dieser Sportlerin hat und sie sogar zwei Kinder von ihm zur Welt gebracht hatte. Warum eigentlich nicht? Dennoch gab es da einige Versprecher und Anlass zu zweifeln. Jeder, der sich halbwegs mit der Ethik des Kreml-Hofes auskennt, wird verstehen: Eine untergeordnete Hofschranze würde eine derartig heikle Angelegenheit nicht in aller Welt ausplaudern (zumal ich ein zufälliger Gesprächspartner war und dem Präsidentenhof nicht nahestand). Ich hatte den Verdacht – nein, ich war mir ziemlich sicher, dass der Patron persönlich daran interessiert war, diese Information durchsickern zu lassen.

Nun gibt es schon seit zehn Jahren Gerüchte über eine inoffizielle Putin-Kabajewa-Familie, und niemand schert sich darum, dass der russische Präsident, der normalerweise sehr verschlossen ist, wenn es um Privatangelegenheiten geht, sich erzürnen und böse rächen könnte. Von den beiden gemeinsamen Kindern des Monarchen und der Sportlerin kann man in den Redaktionen oppositionell-liberaler Verlagshäuser alles Mögliche hören, ohne dass jemand einen Hehl daraus macht. Nach der geheim-offiziellen Version leben beide Kinder in Putins Residenz Nowo-Ogarjowo, also genau dort, wo auch der völlig reale Labrador Conny und der Welpe der bulgarischen Schäferhündin Baffy zu Hause sind, die schon viele Menschen hundertfach im Fernsehen gesehen haben.

Sogar die Verkäuferinnen im Pelzgeschäft auf der Bolschaja Dmitrowka (eine Straße im Moskauer Stadtzentrum, zehn Minuten vom Kreml entfernt) können Ihnen erzählen, dass sich Alina Kabajewa bei ihnen regelmäßig mit Pelzmänteln ausstatten lässt und dabei nicht verheimlicht, dass man sie nach wie vor regelmäßig »zu Putin fährt«. Hier gibt es allerdings einen fatalen Widerspruch: Warum wird die Mutter zweier Kinder zu ihrem Mann gefahren, wenn die glücklichen Eltern und ihre Nachkommen angeblich zusammenleben?

Glaubwürdige Informationen über die Töchter des russischen Staatsmannes ‒ Maria (geboren 1985) und Jekaterina (geboren 1986) ‒ waren ebenfalls stets rar. Jahrelang hat Wladimir Putin sie vom großen Publikum ferngehalten. Und das nicht nur wegen seiner allgemeinen Verschlossenheit und seines Argwohns, sondern auch deshalb, weil er seine Töchter nicht zu Geiseln der Politik und einem potenziellen Hebel machen wollte, mit dem man ihn unter Druck setzen könnte. Zumal es stets ausreichend Personen gab, die ihre Kontakte zu den geliebten Zöglingen des Staatsoberhaupts zur Erzielung von durchaus konkreten materiellen Dividenden nutzen wollten.

Erst in der letzten Zeit ist einiges über Maria und Jekaterina Putina an die Oberfläche gedrungen, was vornehmlich mit dem in Putin erwachten »Mahatma-Gandhi-Syndrom« zu erklären ist ‒ dass zwischen ihm und Gott (fast) niemand mehr steht ‒ sowie mit der Tatsache, dass die Töchter erwachsen sind und eigene Familien haben.

Die ältere Tochter Maria ist mit dem niederländischen Staatsbürger Jorrit Joost Faassen liiert. Der studierte Architekt arbeitete Ende der 2000er-Jahre als einer der Top-Manager bei Stroytransgaz, einer Tochtergesellschaft von Gazprom. Vom Architekten Faassen und seiner Verbindung mit der Familie von Wladimir Putin erfuhr man im Herbst 2010 in Zusammenhang mit einem gewalttätigen Vorfall, der sich auf der Rubljowskoe-Chaussee in Moskau ereignete, an der sich die Residenzen der größten russischen Beamten und die Häuser Hunderter Vertreter der russischen Elite befinden.

Jorrit Joost Faassen saß ganz bescheiden am Lenkrad seines BMW, als ihn unter Verletzung aller möglichen Regeln einschließlich der Geschwindigkeitsbeschränkung eine luxuriöse Wagenkolonne gepanzerter Fahrzeuge überholte. Die Wagenkolonne drängte Putins Schwiegersohn in den Straßengraben, woraufhin einige schwarz gekleidete Männer mit furchterregendem Äußeren auf den Architekten zutraten. Es waren typische Bodyguards eines großen postsowjetischen Geschäftsmanns. Sie bedrohten den verschreckten Holländer und schlugen dabei einige Male mit Baseballschlägern auf seinen BWM ein. Nachdem sie damit dem Auto deutlichen materiellen und dem Besitzer moralischen Schaden zugefügt hatten, rasten sie weiter.

Der wichtigste Passagier der Wagenkolonne war der seinerzeit verhältnismäßig bekannte Banker Matwei Urin, der nicht wusste, mit wem er sich da eingelassen hatte und wie die Geschichte für ihn enden würde. Bereits fünfzehn Minuten später hielt die Polizei die Wagenkolonne im Moskauer Stadtzentrum auf der Straße Nowy Arbat an. Urin und seine Bodyguards wurden verhaftet. Bald stellte sich heraus, dass der Finanzier, der nicht die Gewohnheit hatte, an den angesagtesten Orten von Russland auf die Verkehrsregeln zu achten, sich größerer Geldwaschaktionen und der vorsätzlichen Ruinierung einiger Banken schuldig gemacht hatte, die Mitarbeiter seiner Security-Firma hingegen der Ausübung des Faustrechts. Matwei Urin wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt und hat jetzt ausreichend Gelegenheit, sich an den stillen niederländischen Architekten zu erinnern.

Um die rasche Verhaftung von Urin & Co. kümmerte sich der Polizeigeneral Wladimir Kolokolzew, der damalige Chef der Hauptverwaltung Innere Angelegenheiten von Moskau. Putin ernannte Kolokolzew im Mai 2012 zum russischen Innenminister. Dabei traf der vorsichtige Präsident diese Entscheidung gegen die Meinung eines erheblichen Teils der polizeilichen Generalität, die sich um den ehemaligen Minister Raschid Nurgalijew scharte und 2010/2011 die sogenannte »Medwedew-Reform« der Polizei durchführte.

Man geht davon aus, dass die Geschichte mit Faassen und Urin bei der unerwarteten Beförderung von Kolokolzew keine geringe Rolle gespielt hat. Der General hatte schnell, ehrlich und gekonnt reagiert. Putin zeigte wieder einmal, dass er etwas von Dankbarkeit versteht, auch wenn eine solche Dankbarkeit selbstverständlich recht wenig mit der europäischen politischen Logik zu tun hat.

Der Lebensgefährte von Jekaterina, der jüngeren Tochter des Herrschers, ist der 30-jährige Kirill Schamalow, Sohn von Nikolai Schamalow, dem langjährigen Freund von Wladimir Putin und Teilhaber der legendären Datscha-Kooperative Ozero (See). Der Name von Nikolai Schamalow erlangte im Jahr 2010 wahrhaft internationale Berühmtheit, als sich der Skandal um die sogenannte Residenz am Cape Idokopas entzündete – einen luxuriösen Palast in der Ortschaft Praskowejewka am Ufer des Schwarzen Meeres, nicht weit von Sotschi entfernt.

Dabei handelt es sich um einen im Bau befindlichen »Erholungskomplex« am Meeresufer mit einer Fläche von 87 Hektar, der nach Plänen des bekannten italienischen Architekten Lanfranco Cirillo entsteht (und wohlbemerkt keineswegs nach denen von Jorrit Joost Faassen). Seit einiger Zeit heißt es, die Residenz sei für Putin persönlich bestimmt, und er sei nachgerade der Besitzer (über ein System von Offshore-Firmen).

Als Erster machte dies der Sankt Petersburger Unternehmer Sergei Kolessnikow im Dezember 2010 öffentlich – und zwar in einem auf Englisch und Russisch verfassten Brief über die Korruption, der an Medwedew adressiert und im Internet frei zugänglich war. In dem Brief hieß es, für Ministerpräsident Wladimir Putins private Nutzung entstehe am Ufer des Schwarzen Meeres in der Umgebung der Siedlung Praskowejewka seit 2005 ein »Erholungskomplex« sowie seit 2007 ein Weinberg zur Herstellung von Spitzenweinen. Das alles nannte Kolessnikow »Projekt Süden«, die Kosten des Projekts hatten nach Aussagen des Autors dieses offenen Briefes 1 Milliarde Dollar erreicht. Kolessnikow sagte, er habe diesen Brief geschrieben, damit die »russischen Bürger und der Präsident die Wahrheit erfahren«, und er erwartete von Dmitri Medwedew eine Antwort, die nie kam.

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