Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Irgendwann mitten in der Nacht kommt Goldy ins Zimmer getapert. Er geht schwerfällig, trampelt, der Schritt eines Babymonsters. Goldy steigt nicht einfach ins Bett, er quirlt sich unter die Decke, so wie ein Schneebesen einen Teig quirlt. Es ist, als würde er vor etwas fliehen, erfüllt von Panik, aber als Landsman ihn anspricht, ihn fragt, was los sei, antwortet der Junge nicht. Er hat die Augen geschlossen, sein Herz klopft langsam und gleichmäßig. Wovor auch immer er weggelaufen ist, er hat Zuflucht im Bett seiner Eltern gefunden. Das Kind schläft tief und fest. Es riecht wie eine langsam vor sich hin faulende Apfelspalte. Beharrlich und gnadenlos gräbt Goldy seine Zehen in Landsmans Kreuz. Er knirscht mit den Zähnen. Es klingt wie eine stumpfe Schere, die ein Blech schneiden soll.
Nach einer Stunde derartiger Behandlung beginnt gegen halb fünf das Baby zu schreien, draußen auf seinem kleinen Balkon. Landsman hört, wie Ester-Malke es zu trösten versucht. Normalerweise würde sie es mit ins Bett nehmen, aber das geht heute nicht, und sie braucht lange, um das Großväterchen zur Ruhe zu bringen. Als Ester-Malke mit dem Baby im Arm ins Schlafzimmer kommt, schnieft es nur noch leise und ist fast eingeschlafen. Ester-Malke legt Pinky zwischen seinem Bruder und Landsman ab und verschwindet wieder.
Vereint im Bett ihrer Eltern, veranstalten die Shemets-Jungen mit den körpereigenen Ventilen ein Gepfeife, Gegrummel und Geblöke, das die große Orgel im Tempel Emanu-El beschämen würde. Die Jungen vollführen eine Manöverübung, ein schlummerndes Kung-Fu, das Landsman an den äußersten Rand des Bettes treibt. Sie hauen auf ihn ein, stechen ihn mit ihren Zehen, grunzen und knurren. Sie kauen an den Fasern ihrer Träume. In der Dämmerung passiert etwas Schreckliches in der Windel des Babys. Es ist die furchtbarste Nacht, die Landsman je auf einer Matratze verbracht hat, und das will schon etwas heißen.
Gegen sieben beginnt die Kaffeemaschine mit dem Abhusten. Mehrere tausend Moleküle Kaffeedampf stürzen ins Schlafzimmer und alarmieren die Härchen in Landsmans Nase. Er hört Schlappen über den Teppich im Flur schlurfen. Lange kämpft er vehement gegen den Impuls, zur Kenntnis zu nehmen, dass Ester-Malke in der Schlafzimmertür steht und ihn und jede Anwandlung von Mitleid ihm gegenüber verwünscht, die sie je empfunden hat. Es ist ihm egal. Warum sollte es ihn kümmern? Zuletzt erkennt Landsman, dass in seinem Bemühen, sich um nichts zu kümmern, der paradoxe Same der Niederlage liegt: okay, na gut, es kümmert ihn. Er öffnet ein Auge. Ester-Malke lehnt im Türrahmen, die Arme um sich geschlungen, und besichtigt den Ort der Zerstörung, ehemals ihr Bett. Wie auch immer das Gefühl heißt, das der Anblick der niedlichen Kinder in einer Mutter auslöst, es konkurriert mit dem erschreckten Entsetzen beim Anblick von Landsman in seiner Unterhose.
»Du musst raus aus meinem Bett«, flüstert sie. »Und zwar schnell und langfristig.«
»Gut«, sagt Landsman. Er taxiert seine Verletzungen, seine Schmerzen und die vorherrschende Richtung seiner Laune und setzt sich auf. Trotz der Qualen der vergangenen Nacht fühlt er sich sonderbar besänftigt. Irgendwie wacher in seinen Gliedern, seiner Haut und seinen Sinnen. Vielleicht irgendwie ein klein wenig realer. Seit über zwei Jahren hat er nicht mehr mit einem anderen Menschen im Bett geschlafen. Er fragt sich, ob das eine Erfahrung ist, auf die er besser nicht hätte verzichten sollen. Er nimmt seine Klamotten vom Haken hinter der Tür und zieht sie an. Mit den Socken und dem Gürtel in der Hand folgt er Ester-Malke den Flur hinunter.
»Obwohl, die Couch hat so ihre Vorteile«, fährt Ester-Malke fort. »Zum Beispiel liegen da keine Babys oder Vierjährige.«
»Eure Kinder haben ein ernsthaftes Problem mit den Fußnägeln«, sagt Landsman. »Außerdem ist irgendwas in der Windel vom Kleinen gestorben und rottet da vor sich hin, ich glaube, es ist ein Seeotter.«
In der Küche schenkt Ester-Malke ihnen eine Tasse Kaffee ein. Dann geht sie zur Tür und holt die Tog von der Matte, auf der »HAU AB« steht. Landsman sitzt auf dem Barhocker an der Theke und starrt in die Düsternis des Wohnzimmers, wo sich die Masse seines Kollegen wie eine Insel vom Boden erhebt. Die Couch ist ein Wrack voller Decken.
Gerade will Landsman zu Ester-Malke sagen, Solche Freunde wie euch habe ich nicht verdient, als sie mit der Zeitung in die Küche kommt und sagt: »Kein Wunder, dass du so lange geschlafen hast.« Sie läuft gegen den Türrahmen. Auf dem Titelblatt steht etwas Gutes oder Schreckliches oder Unglaubliches.
Landsman greift zu seiner Lesebrille in der Jackentasche. Der Steg ist gebrochen, die Gläser sind voneinander getrennt. Jetzt sind es zwei Monokel mit Stiel. Aus der Schublade unter dem Telefon holt Ester-Malke Isolierband, gelb wie ein Warnschild. Sie klebt Landsmans Brillengläser zusammen und gibt ihm seine Lesehilfe zurück. Der Klebebandknubbel ist so dick wie eine Haselnuss. Er zieht den Blick des Trägers auf sich, sodass man schielt.
»Das sieht bestimmt richtig gut aus«, sagt Landsman und greift zur Zeitung.
Zwei große Meldungen führen die Nachrichten in der morgendlichen Tog an. Die eine berichtet über eine Schießerei auf dem verlassenen Parkplatz des Outlet-Centers Big Macher, bei dem zwei Personen ums Leben kamen. Hauptdarsteller waren ein einsamer Beamter der Mordkommission, Meyer Landsman, 42, und zwei Verdächtige, die schon lange von den Gesetzesvertretern Sitkas im Zusammenhang mit zwei augenscheinlich unabhängigen Morden gesucht wurden. Die andere Überschrift lautet:
»JUNGER TZADDIK« TOT IN HOTEL GEFUNDEN
Der Begleittext webt ein Netz von Wundern, Ausflüchten und kompletten Lügen um das Leben und Sterben von Menachem-Mendel Shpilman am späten Donnerstagabend im Hotel Zamenhof auf der Max Nordau Street. Nach Angaben der Rechtsmedizin — der Rechtsmediziner selbst sei nach Kanada verzogen — ist die vorläufige Feststellung der Todesursache in Märchenkreisen unter der Bezeichnung »Unfall unter Drogeneinfluss« bekannt. »Auch wenn der Außenwelt kaum bekannt«, schreibt der Mann von der Tog, »wurde Mr. Shpilman in der abgeschirmten Welt der Gläubigen einen Großteil seines Lebens als Wunderkind und heiliger Lehrer verehrt, ja möglicherweise sogar als der lange versprochene Erlöser. In Mr. Shpilmans Kindheit war das alte Haus der Shpilmans in der S. Ansky Street in Harkavy oft von Besuchern und Bittstellern umlagert. Die Gläubigen und Neugierigen kamen sogar aus Buenos Aires und Beirut angereist, um den begabten Jungen zu sehen, der am schicksalhaften neunten Tag des Monats Aw geboren wurde. Wenn man wieder einmal munkelte, in Bälde würde er ›sein Königreich ausrufen‹, hofften viele, bei diesem Ereignis dabei zu sein, und richteten es entsprechend ein. Aber Mr. Shpilman gab nie derartige Erklärungen ab. Vor dreiundzwanzig Jahren tauchte er am Tag vor der mit der Tochter des Shtrakenzer Rebbe geplanten Hochzeit unter, und in seinen schmachvollen letzten Lebensjahren war die frühere Hoffnung so gut wie vergessen.«
Die Spreu aus dem Büro des Gerichtsarztes sei die einzige Mitteilung, die einer Erklärung der Todesursache nahekomme. Hotelmanagement und Polizeibehörde sollen jeden Kommentar abgelehnt haben. Am Ende des Berichts erfährt Landsman, dass es keinen Gottesdienst in der Synagoge geben werde, sondern nur die Beisetzung als solche auf dem alten Friedhof Montefiore, die der Vater des Toten leiten werde.