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El Silbador

Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:

In Spanien nennt man ihn El Silbador — der Pfeifer, denn Michel Baum beherrscht die Kunst des Pfeifens vollendet. Nicht selten verdankt er dieser Kunst Rettung aus Not und Gefahr. Unbändiger Freiheitsdrang ist es, der ihm das Leben in der geknechteten Heimat unerträglich macht; unbändiger Freiheitsdrang treibt ihn von Abenteuer zu Abenteuer. Eine Schar ungleicher Gefährten, darunter die zwielichtige Gräfin Marina und der treue Riese Ojo, sammeln sich um ihn.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Marina schob ihm einen Stuhl hin.

»Wollt Ihr mir nicht die Fesseln abnehmen?«

Sie lächelte mit einer Mischung von Skepsis, Liebe und Zynismus.

»Es tut mir unendlich leid, daß ich Euerm Wunsch nicht willfahren kann. Aber so weit ist es noch nicht. Ich bin jetzt nicht mehr die kleine Arztgehilfin, die um Eure Liebe fleht, sondern die Gräfin, die ihre Liebe dann verschenkt, wenn sie es für richtig hält.« Michel zuckte die Achseln.

»Mir ist es gleich«, sagte er in tiefem Ernst, »auf welche Weise ich Euch Gesellschaft leiste.

Gestattet Ihr mir eine Frage?«

»Bitte.«

»Was geschieht nun mit meinen Landsleuten, die unten im Kielraum liegen? Werdet Ihr sie hängen lassen?«

»Ich weiß nicht, wie ich mein Versprechen den Korsaren gegenüber anders erfüllen soll.« Michel nickte ganz in Gedanken.

»Ihr habt recht«, flüsterte er verhalten und traurig, »wer ein Versprechen bricht, ist ehrlos.« Marina horchte gespannt auf diese Stimme. Was hatte er da gesagt? Wer sein Versprechen bricht, ist ehrlos. Sie glaubte ihn gut genug zu kennen. Sie war davon überzeugt, daß er nie ein Versprechen brechen würde.

Michel wartete geduldig. Seine Augen blickten sie groß und wehmütig an. Aber um sein Kinn zuckte es wie verhaltenes Lachen oder wie eine kaum zu bändigende Spannung. Da nahm sie das Wort. Da sprach sie die Frage aus, die ihr Michel in den Mund gelegt hatte. »Sagt, würdet Ihr auch mir gegenüber ein Wort halten?«

Michel schnappte nicht sofort zu. Das hätte verdächtig sein können. Er betrachtete sie einen Moment verwundert und meinte dann im Brustton innerster Überzeugung:

»Ich habe noch nie in meinem Leben ein Wort gebrochen. Noch nie, hört Ihr, Madonna?«

Sie blieb für Sekunden still. Triumphierend blitzten plötzlich ihre Augen.

»Nun gut, versprecht mir, daß Ihr mir nicht entfliehen werdet, wenn ich Eure Fesseln löse.«

»Ich verspreche es.« »Gebt Eure Hände her.«

Es war schwer für Michel, seine Spannung zu verbergen. Aber sie griff zum Messer und schnitt die Stricke durch.

»Ich danke Euch für das Vertrauen, Madonna«, sagte er. Sie schloß die Augen und drängte ihm ihren Mund entgegen. »Küßt mich!« flüsterte sie verzückt.

Fürwahr, dachte Michel, diese Frau verliert durch ihre Leidenschaft zeitweise gar den Verstand. Er benutzte den Augenblick, in dem sie nichts sehen konnte, und befreite sich auch von den Stricken, die seine Füße zusammenhielten. Dann reckte und streckte er sich, bis das Blut normal zirkulierte.

Marina öffnete die Augen und blickte ihn böse an.

»Weshalb küßt Ihr mich nicht?«

Michel verschränkte die Arme über der Brust.

»Ich habe Euch nicht versprochen, daß ich Euch küsse, Marina.«

Marina stand auf. Ihre Augen blitzten zornig.

»Ich werde die Wachen rufen, damit sie Euch wieder binden! Ihr habt mit dem blutenden Herzen einer Frau gespielt, Silbador! Ihr seid ein Schuft!« Michel lachte auf.

»Ihr meintet: mit der blutbefleckten Seele einer Verbrecherin, nicht wahr, Marina?« Die Gräfin verfärbte sich und trat ein paar Schritte zurück. »Ah, ich habe Euer Wort, daß Ihr mir nicht entflieht!«

»Natürlich. Ich bin ja noch hier, — oder sollte mein Zauber gar so stark sein, daß Ihr mich nicht mehr zu erkennen vermögt?«

»Bueno, und was gedenkt Ihr nun zu tun?«

»Euch zu zwingen, mich gehen zu lassen, mich und alle, die Ihr gefangen habt.« »Ihr müßt verrückt sein. Ihr werdet mich nicht zwingen können.« Michel ging gemütlich hinüber zu einer in der Ecke stehenden Truhe, nahm dort einen Gegenstand an sich und hielt ihn in die Luft.

»So, das wäre Nummer eins. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann liegen dort drüben in der grauen Lederdecke meine Waffen noch genauso gut verpackt, wie ich sie in meiner Koje zurückgelassen habe.«

Marina erbleichte. Dann aber lachte sie schallend auf. »Wollt Ihr vielleicht allein gegen das ganze Schiff kämpfen?«

Michel hatte inzwischen die Waffen an sich gebracht. Der Degen seines Vaters hing an seiner Hüfte, und das Gewehr über seiner Schulter.

»Hört zu, Marina«, sagte er ernst, »ich werde froh sein, wenn ich mit meinen Freunden glücklich auf der britischen Fregatte bin, die Ihr noch immer im Schlepp habt. Wenn Ihr mich heimlich gehen laßt, nachdem ichebenso heimlich die Gefangenen befreit habe, so sind wir für diesmal quitt.«

»Ich denke nicht daran. Trotz Eurer Waffen seid Ihr nach wie vor in meiner Hand.« »Ihr irrt Euch, Gräfin. Seht her! Hier habe ich Eure Schmuckdose, von der Ihr allen Leuten gegenüber behauptet habt, daß sie ein Zauberpulver enthalte. Über der Schulter hängt mein »Zaubergewehr«, und meinen nie fehlenden Degen habe ich auch an der Seite. Begreift Ihr, was das heißt? Die Mannschaft ist in den letzten paar Stunden nicht weniger abergläubisch geworden.«

Marina erkannte plötzlich die furchtbare Gefahr, in der sie schwebte.

»Ihr vergaßt, daß die Fregatte vollkommen abgetakelt ist. Ihr würdet also in Euern eigenen Untergang segeln, wenn ich Euch den Gefallen täte, Euch laufen zu lassen.«

»Bueno, Marina, lieber mit einem halbzerbrochenen Schiff in den Untergang, als Eure Liebe

ertragen müssen. — Ihr entlaßt mich jetzt?«

Michels letzte Worte brachten die Frau um ihre Besinnung.

»Wachen!« schrie sie mit verzweifelter Wut. Sie mußte wieder Herrin der Lage werden. Die Tür sprang auf, und die Wächter standen auf der Schwelle. Sie wollten sich auf Michel stürzen. Da aber sahen sie, wie dieser schluckte, etwas hinunterschluckte, was er soeben in den Mund genommen haben mußte. Ihr Blick fiel auf die Dose mit dem Zauberpulver. Und zudem riß Michel jetzt das Gewehr mit der eigenartigen Laufkonstruktion von der Schulter und begann laut und gräßlich zu pfeifen.

Langsam legte er das Gewehr an und zielte auf den einen der beiden, denen er vor noch nicht einer Viertelstunde versprochen hatte, ihn eine Kugel aus seinem Zaubergewehr kosten zu lassen. Ein Schuß krachte. Der eine Korsar stürzte stöhnend nieder. Michel hatte ihn ins Bein getroffen. Jetzt schoß er abermals und dann nochmals, um auch die letzten Zweifel an der Wunderkraft seines Gewehrs zu zerstreuen.

Die Wirkung war frappierend. Der getroffene Posten kroch trotz seiner Schmerzen um die Ecke in den Gang. Der Unversehrte aber ließ seine Pistole fallen und rannte schreiend davon. »Madre de Dios, Santa Maria, hilf uns, der Teufel geht um! Der Pfeifer ist frei und wird uns alle vernichten! Er schießt ununterbrochen, ohne zu laden!«

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