Die Chronolithen [The Chronoliths - de]
- Автор: Уилсон Роберт Чарльз
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-52105-6
- Переводчик: Hendrick P. Lickens
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Chronolithen [The Chronoliths - de]». Краткое содержание книги:
Ich versuchte, Janice vom Auto aus anzurufen. Nach ein paar Fehlstarts bekam ich eine Verbindung, sie war aber so mickrig, dass Janice sich anhörte, als schreie sie durch eine Rolle Toilettenpapier. Ich sagte ihr, wir wollten Kait und David zum Dinner einladen, ins Restaurant.
»Es ist Davids letzte Nacht«, sagte Janice.
»Ich weiß. Deshalb wollen wir die beiden ja treffen. Ich hätte früher angerufen, aber ich wusste nicht, ob ich rechtzeitig fertig werden würde.« Oder ob ich mir, wenn überhaupt, eine Einladung zu uns nach Hause leisten konnte, was ich aber für mich behielt. Diesen kleinen Luxus hatten die Marquis-Boards ermöglicht.
»In Ordnung«, sagte sie, »aber bring sie nicht zu spät zurück. David muss morgen in aller Herrgottsfrühe raus.«
Im Juni hatte David seinen Einberufungsbescheid bekommen und musste zur Grundausbildung nach Arkansas, in ein Lager der Vereinigten Streitkräfte. Er und Kaitlin waren gerade mal sechs Monate verheiratet gewesen, aber das scherte die Musterungskommission nicht. Die Chinesische Intervention verschlang Bodentruppen, die in Schiffsladungen gezählt wurden.
»Richte Kait aus, ich bin um fünf da«, sagte ich, als die Verbindung prasselte, um sich gleich darauf in Wohlgefallen aufzulösen. Ich rief Ashlee an und sagte ihr, wir hätten Gäste zum Dinner. Ich bot mich an, die Einkäufe zu machen.
»Ich wünschte, wir könnten uns Fleisch leisten«, sagte sie sehnsüchtig.
»Können wir.«
»Du machst Witze. Doch nicht die Strat-Boards?«
»Erraten.«
Sie hielt inne. »Scott, es gibt so viel, wofür wir das Geld brauchen könnten.«
Ja, gab es, aber ich war nun einmal entschlossen, zum Metzger zu gehen und vier kleine Lendensteaks zu kaufen. Und beim Lebensmittelhändler kaufte ich Basmati-Reis und frischen Stangenspargel und richtige Butter. Damit das Leben sich lohnt, muss man gelegentlich leben, oder?
Kait und David hatten sich in einem ehemaligen Lagerraum über Whits Garage eingerichtet. So schlimm es sich anhört, sie hatten aus einer kalten Spitzdachmansarde ein verhältnismäßig warmes und gemütliches Nest gemacht, möbliert mit Whits ausrangiertem Sofa und einem großen schmiedeeisernen Bett, das David von seinen Eltern geerbt hatte.
Die Mansarde erlaubte ihnen außerdem ein bisschen Distanz zu Whit, auf dessen Großzügigkeit sie natürlich angewiesen waren. Whit war ein ehrbarer Copperhead und lehnte Straßenkämpfe ab; nahm aber seine Politik ernst und ergriff, wann immer die Unterhaltung erlahmte, das Wort zu einer kleinen versöhnlichen Predigt.
Ich holte Kait und David ab. Auf der Fahrt zu dem kleinen Apartment, das ich mir mit Ashlee teilte, war Kait still, machte eine tapfere Miene, hatte aber unverkennbar Angst um ihren Mann. David versuchte, die Schatten zu verscheuchen, indem er über die Nachrichten plapperte (die Schlappe der Föderalisten, die Kämpfe in San Salvador), doch nach seiner Stimme und seiner Gestik zu urteilen, war er nicht minder nervös. Mit Recht. Keinem von uns kam das Wort China über die Lippen.
Im letzten Jahr hatte Kait mir den Jungen vorgestellt und David Courtney hatte keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Was sich dann ins Gegenteil verkehrte. Er war erst zwanzig und zeigte jenen Gleichmut (oder »Gefühlsmangel«, wie die Psychologen sagen), der typisch ist für diese Generation, die im Schatten Kuins aufgewachsen ist. Unter der Oberfläche allerdings erwies David sich als der warmherzige und rücksichtsvolle junge Mann, dessen Zuneigung zu Kait außer Frage stand.
Er war nicht besonders hübsch — in den Lower-town-Bränden von 2028 hatte er sich eine Narbe im Gesicht zugezogen — und Geld oder gute Beziehungen hatte er auch nicht. Aber Arbeit hatte er gehabt, bis zur Einberufung: Er fuhr eine Laderampe im Flughafen und er war aufgeweckt und vielseitig, wichtige Eigenschaften in diesen dunklen Zeiten eines dunklen Jahrhunderts.
Die Hochzeit war winzig gewesen, bezuschusst von Whit und vollzogen in einer Kirche in Whits Pfarrbezirk, wo die Hälfte der Diakone vermutlich Copperheads waren. Kait hatte das alte Hochzeitskleid von Janice getragen, was ein paar peinliche Erinnerungen weckte. Doch nach heutigen Begriffen war es ein schönes Fest, dessen Feierlichkeit Janice und Ashlee zu Tränen rührte. Kaitlin ging schon nach oben in die Wohnung, während David und ich uns um die Alarmanlage und das Sicherheitssystem des Wagens kümmerten. Ich fragte ihn, wie Kait denn mit seiner bevorstehenden Abreise fertig würde.
»Sie weint manchmal. Gut findet sie es nicht, aber sie wird es schon packen.«
»Und du?«
Er streifte sich die Haare aus den Augen und entblößte ganz kurz das Narbengewebe, das seine Stirn entstellte. Er zuckte die Achseln.
»So weit ganz gut.«
Ich wollte die Steaks braten, aber Ashlee war dagegen. Wir hatten fast das ganze Jahr über keine Steaks mehr in der Pfanne gehabt, und sie wollte sie auf keinen Fall meinen Kochkünsten aussetzen. Ich sollte Zwiebeln schneiden, schlug sie vor, oder besser noch bei Kait und David bleiben und um Himmels willen aus der Küche.
Vielleicht waren die Steaks keine so gute Idee gewesen. Steaks waren ein Festschmaus, doch an diesem Abend gab es nichts zu feiern. Kait und David wechselten bekümmerte Blicke und strengten sich ehrlich an, ihre Ängste zu überspielen, was ihnen nicht einmal im Ansatz gelang. Bis Ash das Essen auftischte, spielten wir alle das Spiel wechselseitiger Selbstverleugnung.
Ashlee und ich hatten das im fünften Stock gelegene Apartment kurz nach unserer Heirat gemietet. Das war im Juli vor sechs Jahren gewesen. Die Stoppard-Verfügung regelte zwar die Mietpreisbindung, aber die Instandhaltung war zögerlich bis schlampig. Die Wasserleitung des Nachbarn über uns war undicht gewesen und drohte unsere Küchenschränke zu ruinieren, bis Ash und ich mit Klempnerwerkzeug und PVC nach oben gingen und die Sache selbst in Ordnung brachten. Doch unsere Wohnzimmerfenster blickten nach Südwesten über die niedrigen Vororte hinweg — Dächer, Solarzellen, Baumwipfel — und heute Abend saß ein großer Mond auf dem Horizont, fast so hell wie eine Leselampe.
»Ich kann das kaum glauben«, sagte Kait hingerissen. »Da oben haben wirklich mal Menschen gelebt.«
Vieles aus der Vergangenheit konnte man kaum mehr glauben. Im vorigen Jahr hatte ich durch eben dieses Fenster mitangesehen, wie sich die aufgegebene Corning-Gentell-Orbitalfabrik ihren Weg durch die Atmosphäre gebrannt und flüssiges Metall versprüht hatte wie eine Wunderkerze. Vor zehn Jahren noch hatte es fünfundsiebzig Menschen im erdnahen Weltraum gegeben. Heute gab es dort niemanden mehr.
Ich stand auf, um die Vorhänge ein bisschen weiter zu öffnen und bemerkte das alte GM-Hybrid-Modell, das vor der vergitterten Tür des Mukerjee-Dollar-Bargain-Store parkte, und das bärtige Profil hinter dem Seitenfenster, beleuchtet vom grellgelben Schein der Straßenlaterne, bevor der Mann in eine andere Richtung blickte.
Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es der Spasti war, der schon meinen Stand in der Nicollet Mall heimgesucht hatte, aber ich hätte einen Eid geschworen, dass er es war.
Ich behelligte nicht die Familie damit, setzte mich wieder hin und setzte ein Lächeln auf — heute Abend war jedes Lächeln aufgesetzt. Der Kaffee machte David ein bisschen gesprächiger: Was ihn wohl nach der Grundausbildung bei den Vereinigten Streitkräften erwarte? Wenn es ihm nicht gelinge, aufs Büro oder zur technischen Wartung zu kommen, dann lande er höchstwahrscheinlich bei der Infanterie in China, sagte er. Was aber weiter nicht schlimm sei, beruhigte er Kait, denn viel länger könnten die Kämpfe nicht mehr dauern. Und wir alle taten so, als würden wir diesen Unsinn glauben.
Wäre Kait schwanger gewesen, wäre David natürlich zurückgestellt worden, aber die Infektion, die sie sich in Portillo zugezogen hatte, hatte ihren Uterus geschädigt und sie unfruchtbar gemacht. Sie und David hätten zwar Kinder haben können, aber eben nur in vitro, und das konnte sich keiner von uns leisten. Soviel ich weiß, hat David das Thema auch nie angesprochen — ich meine, eine Zurückstellung wegen zu erwartendem Nachwuchs. Ich glaube, er hat sie sehr geliebt. Ehen, die geschlossen wurden, um eine Zurückstellung zu erwirken, waren derzeit an der Tagesordnung — ein Grund, der für David und Kaitlin ausschied.