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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Das, wovon du weißt, dass es geschehen wird, kann verändert werden.« Er hob den Kopf vom Fenster und lächelte mich müde an. Sein Gesicht war nach wie vor weiß, doch es war nicht mehr verzerrt. »Jack Randall ist vor seiner Zeit gestorben, und Mary Hawkins wird einen anderen heiraten. Selbst wenn das bedeutet, dass dein Frank nie geboren wird – oder vielleicht auf andere Weise geboren wird«, fügte er hinzu, um mich zu trösten, »so bedeutet es doch auch, dass die Chance besteht, dass wir mit unserem Vorhaben erfolgreich sind. Vielleicht ist Jack Randall nicht auf dem Feld von Culloden gestorben, weil die Schlacht dort niemals stattfinden wird.«

Ich konnte sehen, welche Mühe es ihn kostete, sich in Bewegung zu setzen, zu mir zu kommen und die Arme um mich zu legen. Ich hielt ihn sacht an der Taille, ohne mich zu bewegen. Er senkte den Kopf und legte die Stirn auf mein Haar.

»Ich weiß, dass es dich schmerzen muss, a nighean donn. Aber erleichtert es dich nicht zu wissen, dass es womöglich zu etwas Gutem führt?«

»Doch«, flüsterte ich schließlich in die Falten seines Hemdes. Ich löste mich sanft aus seinen Armen und legte ihm die Hand an die Wange. Die Falte zwischen seinen Augen war jetzt tiefer, und sein Blick ging ins Leere, doch dann lächelte er mich an.

»Jamie«, sagte ich, »geh und leg dich hin. Ich lasse den d’Arbanvilles ausrichten, dass wir heute Abend nicht kommen können.«

»Och, nein«, protestierte er. »Es geht gleich wieder. Diese Kopfschmerzen sind nichts Neues für mich, Sassenach; sie kommen nur vom Schreiben, und eine Stunde Schlaf wird sie kurieren. Ich gehe jetzt nach oben.« Er wandte sich zur Tür, dann zögerte er und drehte sich mit dem Hauch eines Lächelns um.

»Und wenn ich im Schlaf aufschreie, Sassenach, leg nur die Hand auf mich und sag: ›Jack Randall ist tot.‹ Dann wird alles wieder gut.«

Sowohl das Essen als auch die Gesellschaft bei den d’Arbanvilles waren gut. Wir kamen spät nach Hause, und in der Sekunde, als mein Kopf auf das Kissen traf, fiel ich in tiefen Schlaf. Ich schlief traumlos, doch mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.

Die Nacht war kalt, und das Federbett war zu Boden geglitten, wie es seine hinterlistige Angewohnheit war, so dass ich nur noch unter der dünnen Wolldecke lag. Ich drehte mich im Halbschlaf nach Jamies Wärme um. Er war fort.

Ich setzte mich und schaute mich nach ihm um. Ich fand ihn schnell. Er saß auf der Fensterbank, den Kopf in den Händen.

»Jamie! Was ist? Hast du wieder Kopfschmerzen?« Ich tastete nach der Kerze, um meine Medizintruhe zu holen, doch etwas an seiner Haltung bewog mich, die Suche aufzugeben und augenblicklich zu ihm zu gehen.

Er atmete schwer, als wäre er gerannt, und trotz der Kälte war er in Schweiß gebadet. Ich berührte seine Schulter; sie war hart und kalt wie eine Metallstatue.

Er fuhr zurück, als ich ihn berührte, und sprang auf, die Augen weit aufgerissen und schwarz im nachterfüllten Zimmer.

»Ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte ich. »Geht es dir gut?«

Ich fragte mich flüchtig, ob er wohl schlafwandelte, denn seine Miene änderte sich nicht; er blickte geradewegs durch mich hindurch, und was auch immer er sah, verstörte ihn.

»Jamie!«, sagte ich scharf. »Jamie, wach auf!«

Da blinzelte er und sah mich, obwohl sein Gesicht in der verzweifelten Miene eines gejagten Tiers verharrte.

»Es geht mir gut«, sagte er. »Ich bin wach.« Es klang, als wollte er sich selbst davon überzeugen.

»Was ist denn? Hattest du einen Alptraum?«

»Ein Traum. Aye. Es war ein Traum.«

Ich trat vor und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Erzähl’s mir. Es wird verschwinden, wenn du es mir erzählst.«

Er packte mich fest bei den Unterarmen, genauso sehr, um zu verhindern, dass ich ihn berührte, wie um sich zu stützen. Es war Vollmond, und ich konnte sehen, dass jeder Muskel seines Körpers angespannt war, hart und reglos wie Stein, unter dem jedoch tobende Energie pulsierte, die nur darauf wartete zu explodieren.

»Nein«, sagte er und klang immer noch benommen.

»Doch«, sagte ich. »Jamie, sprich mit mir. Erzähl’s mir. Sag mir, was du siehst.«

»Ich kann nicht … kann nichts sehen. Nichts. Ich kann nicht sehen.«

Ich drehte mich und zog ihn aus dem Schatten im Zimmer wieder in das helle Mondlicht am Fenster. Das Licht schien zu helfen, denn seine Atmung verlangsamte sich. Dann kamen die Worte in stockenden, schmerzenden Silben heraus.

Es waren die Steine von Wentworth, von denen er geträumt hatte. Und während er sprach, wandelte Jonathan Randalls Schatten durch unser Zimmer und legte sich sacht auf mein Bett.

Er hatte keuchenden Atem dicht hinter sich gehört und gespürt, wie sich schweißnasse Haut an ihm rieb. Gequält und frustriert hatte er mit den Zähnen geknirscht. Der Mann hinter ihm spürte die kleine Bewegung und lachte.

»Oh, wir haben noch Zeit, ehe sie dich hängen, mein Junge«, flüsterte er. »Reichlich Zeit, es auszukosten.« Randall bewegte sich plötzlich, hart und abrupt, und er stieß ein leises, unwillkürliches Geräusch aus.

Randalls Hand strich ihm das Haar aus der Stirn und legte es ihm hinter das Ohr. Der heiße Atem fuhr ihm dicht über das Ohr, und er verdrehte den Kopf, um ihm zu entkommen, doch die hauchenden Worte folgten ihm.

»Hast du schon einmal gesehen, wie ein Mensch gehängt wird, Fraser?«, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten, und eine lange, schlanke Hand kam um Jamies Taille gewandert, strich ihm sanft über den Bauch und verlagerte ihr Necken mit jedem Wort weiter abwärts.

»Ja, natürlich hast du das; du warst ja in Frankreich, du wirst hin und wieder gesehen haben, wie sie Deserteure hängen. Ein Gehängter verliert die Kontrolle über seinen Darm, nicht wahr? Wenn sich das Seil um seinen Hals schließt.« Die Hand umfasste ihn, leicht, fest, reibend, streichelnd. Er krallte seine unverletzte Hand fest um die Bettkante und drehte das Gesicht in die kratzige Decke, doch die Worte ließen nicht von ihm ab.

»So wird es dir auch ergehen, Fraser. Ein paar Stunden noch, dann wirst du die Schlinge spüren.« Die Stimme lachte selbstzufrieden. »Dein Hintern wird von meiner Lust brennen, wenn du in den Tod gehst, und wenn sich dein Darm löst, wird es mein Saft sein, der dir über die Beine läuft und unter dem Galgen auf den Boden tropft.«

Er gab kein Geräusch von sich. Er konnte sich riechen, den Dreck des Kerkers, der ihn bedeckte, den beißenden Schweiß seiner Angst und seiner Wut. Und den Mann hinter ihm, dessen übler Tiergestank durch den zarten Duft des Lavendeltoilettenwassers brach.

»Die Decke«, sagte er. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht im Mondschein angespannt. »Sie war rauh unter meinem Gesicht, und alles, was ich sehen konnte, waren die Steine der Wand vor mir. Es gab nichts, worauf ich mich hätte konzentrieren können … nichts, was ich sehen konnte. Also habe ich die Augen geschlossen gehalten und an die Decke unter meiner Wange gedacht. Sie war das Einzige, was ich spüren konnte außer dem Schmerz … und ihm. Ich … habe mich daran festgehalten.«

»Jamie. Lass mich dich halten«, sagte ich leise und versuchte, die Panik zu beruhigen, die ich durch seinen Körper strömen spürte. Er hielt meine Arme so fest umklammert, dass sie taub wurden. Doch er ließ mich nicht näher kommen; er hielt mich genauso von sich fern, wie er sich an mich klammerte.

Plötzlich ließ er mich los, fuhr mit einem Ruck zurück und wandte sich dem monderfüllten Fenster zu. Abgespannt und bebend stand er da wie eine abgeschossene Bogensehne, doch seine Stimme war ruhig.

»Nein. So werde ich dich nicht benutzen, Claire. Ich ziehe dich da nicht hinein.«

Ich trat einen Schritt auf ihn zu, doch er gebot mir mit einer schnellen Bewegung Einhalt. Er drehte das Gesicht zum Fenster, ruhig jetzt und so leer wie das Glas, durch das er blickte.

»Geh ins Bett, mein Herz. Lass mich noch eine Weile; es geht mir gleich besser. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

Er streckte die Arme aus und griff an den Fensterrahmen, so dass sein Körper das Licht verdeckte. Seine Schultern waren vor Anstrengung geschwollen, und ich konnte sehen, dass er mit aller Kraft gegen das Holz drückte.

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