Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Es war ein rares Stück«, nahm ihm der Kasparek das Wort weg, »und Seine Majestät, der Kaiser, hätte seine Freude an ihm gehabt, wenn nur der Diokletianus nicht zu meinem höchsten Unglück dereinst die Krone niedergelegt und seinem Thron entsagt hätte. So aber hat sich mein kaiserlicher Herr ein phantastisch Ding in den Kopf gesetzt: Daß ich mit dieser Münze nichts anderes bezweckt hätte, als ihn zu ermahnen, es dem Diokletiano gleich zu tun, und daß ich also in seines Bruders, des Matthias, Sold stehen müßte.«
»An jedem Fürstenhof lebt ein Kobold, der heißt Argwohn«, bemerkte der kaiserliche Hofschlosser, als der Kasparek, von seinen Erinnerungen überwältigt, stille schwieg.
»Das ist wohl wahr, doch hab' ich mir eine bessere Wiedervergeltung meiner getreuen Dienste erhofft«, sagte in bitterm Ton der Kasparek. »Damals also«, fuhr er dann fort, »als die Rebellion in der Neustadt ausbrach, war ich bei Seiner Majestät nicht mehr in Gnaden. Ihr erinnert Euch, wie die protestantischen Stände rebellisch zusammentraten und das Neustädter Rathaus besetzten, und der Graf Schlick und der Budowetz stellten sich an ihre Spitze und machten den Doktor Jessenius zu einem obersten Defensor, und der Wenzel Kinsky ging umher und sagte jedem, der es hören wollte: >Dieser König taugt nichts, wir müssen einen anderen haben<, und in dem Dörfchen Liben wurde mit dem Matthias verhandelt. Aber die Sache war für seine Majestät noch nicht verloren, denn damals war Prag voll abgedankter Soldaten, die schwärmten durch die Gassen, suchten Händel, rauften und warteten darauf, daß der Kaiser sie in seinen Dienst nähme. Wenn nun mein allerhöchster Herr damals nicht am Gelde gespart hätte, wenn er in seine Taschen gegriffen, wenn er eine Heeresmacht aufgestellt hätte ...!«
»Wenn! Wenn! Wenn!« unterbrach ihn der Kammerdiener Cervenka. »Es war aber kein Geld da. Nicht einmal für das Allernotwendigste des täglichen Bedarfs war Geld vorhanden. >Mein Goldmacher«, hat Seine Majestät geklagt, >ist gestorben, hat das Geheimnis seiner Kunst mit sich ins Grab genommen und mir von seinem Gold nicht eine halbe Unze zurückgelassen«.«
»Wer war der Goldmacher Seiner Majestät, der so zur Unzeit gestorben ist?« fragte der Schlossermeister.
»Das hättet Ihr«, gab ihm der Cervenka zur Antwort, »den Philipp Lang fragen müssen, bevor er sich mit einer Schnur um den Hals aus dieser Welt geschlichen hat. Er war in dieser Sache Seiner Majestät Vertrauter, ich wußte nichts.«
»Seine Majestät hat oben in der Burg allerlei Goldmacher und Adepten beschäftigt, aber etwas Rühmenswertes hat keiner von ihnen zuwege gebracht«, erklärte der Lautenspieler des Kaisers.»Was aber diesen letzten Goldmacher, über den so viel geredet wurde, betrifft, so meine ich, daß er in Wahrheit nie gelebt hat. Wer hat ihn je zu Gesicht bekommen? Er war nichts als ein Gespinst unseres allerhöchsten Herrn, ein Gebilde aus seinen Träumen.«
»Nein!« sagte der Brouza. »Dieser Goldmacher war kein Gespinst und kein Gebilde. Ich weiß, wer des Kaisers Goldmacher gewesen ist, ja, schaut mich nur an, ich, der Brouza, weiß es. Und wenn ich Euch seinen Namen nennen wollte, so würde es großes Verwundern und Kopfschütteln bei Euch geben.«
»Du weißt, wer er war?« fragte der Kammerdiener in einem Ton, dem anzumerken war, daß er selbst das Geheimnis kannte.
»Ich weiß es, darüber ist nichts zu reden«, sagte der Brouza. »Ich bin dem Philipp Lang auf seinen Wegen oftmals nachgegangen, ich weiß, wohin er ging und in wessen Haus er allemal verschwand. Und ich habe es meinem Herrn, dem Kaiser, auf den Kopf zugesagt, was er da zum Schaden vieler armer Menschen für einen Goldmacher habe, und es sei nicht christlich. Mein Herr, der Kaiser, hat anfangs getan, als ob er mit einem Male die böhmische Sprache nicht mehr verstünde, aber ich ließ nicht nach, ich setzte ihm hart zu, und da begann er beweglich zu klagen, wie elend sein Leben sei und wie schwer die Last, die auf seinen Schultern läge, und wie viele Menschen er zu ernähren habe, und daß er die Kosten der großen Haushaltung ohne dieses Goldmachers Beistand nicht bestreiten könnte.Und dann ließ er mich schwören, daß ich, solange mir Gott das Leben läßt, den Namen nicht verraten und von der Sache zu keinem Menschen sprechen werde, und so hab' ich es bis heute gehalten.«
»Aber das gilt heut nicht mehr, nach so vielen Jahren«, meinte der Barbier. »Uns, deinen alten Freunden, wirst du's doch sagen?«
Der Brouza schüttelte den Kopf.
»Laßt mich das machen!« sagte der kaiserliche Hofschlosser. »Ich weiß, um was es ihm zu tun ist.«
Und er wandte sich an den Brouza:
»Wie wäre es, Gevatter, mit einem Eierkuchen und einem Salat von Kräutern dazu?«
Der Brouza schwieg und schüttelte den Kopf.
»So wollt Ihr also«, sprach der Schlossermeister weiter, »daß ich Euch Gesottenes oder Gebratenes auf den Tisch bringen lasse? Es ist zwar sündteuer in den heutigen Zeiten, der Wirt ist ein Dieb, aber sei's drum!«
Der Brouza gab keine Anwort.
»Na, na! Etwas wird es doch geben, wonach Euch der Sinn steht«, meinte der Schlossermeister. »Einen schönen Schweinebraten mit allem, was dazu gehört?«
Jetzt blickte der Brouza auf.
»Einen Schweinebraten, so wie ich ihn gerne mag?« fragte er. »Nicht zu fett und nicht zu mager? Und mit ein wenig Schwarte daran?«
»Ja, mit Schwarte daran und mit Kraut und Knödeln dazu«, bestätigte ihm der kaiserliche Hofschlosser.
»Alle Wetter! Euch geht's heut gut, Herr Brouza«, sagte einer am Nachbartisch.
Der Brouza seufzte. Er hatte einen kurzen heftigen Kampf mit sich selbst auszufechten gehabt und jetzt widerstand er der Verlockung.
»Nein«, sagte er. »Ich habe es meinem Herrn, dem Kaiser, geschworen und zugelobt bei dem allmächtigen Gott und bei Maria, seiner werten Mutter, und bei dem Heil meiner Seele, das ich erhoffe, und so ist mir in diesem Leben der Mund verschlossen. Aber vielleicht, Herr Jarosch...«
Er zögerte ein wenig, als müsse er sich die Sache, die er im Sinn hatte, erst noch überlegen.
»Vielleicht«, fuhr er fort, »fügt es Gott, daß wir einander in seinem Himmel wiedersehen. Dann werde ich stracks auf Euch zugehen und Euch dort oben sagen, was ich auf Erden Euch nicht sagen durfte. Möge Gott uns diese Gnade gewähren! Amen.«
»Amen«, sagte der alte Kammerdiener, und er schlug ein Kreuz, und »Amen« wiederholten die anderen. Über den Brouza aber war jetzt seine alte Narrheit wiedergekommen, er meinte, er habe dem Schlossermeister schon zuviel versprochen und könnt' Schaden davon haben, und so beeilte er sich, diesen Fehler gutzumachen.
»Glaubt aber nicht«, klärte er den kaiserlichen Hofschlosser auf, »daß ihr es dann umsonst erfahren werdet. Nein, das schlagt Euch aus dem Kopf, ein Geheimnis wie dieses behält immer seinen Wert. Einen Schweinebraten mit Knödeln und Kraut wird es Euch auch dort oben kosten.«
Er wies gen Himmel und schloß die Augen, und der Gedanke an den himmlischen Schweinebraten lag wie ein Abglanz und Widerschein der ewigen Freuden auf seinem stoppelbärtigen, plattnäsigen und verrunzelten Gesicht.
Das verzehrte Lichtlein
Es war immer schon spät am Abend, wenn der Philipp Lang in dem Haus auf dem Dreibrunnenplatz erschien, wo ihn der Mendel, des Mordechai Meisl vertrauter Diener, erwartete, um ihn die Treppe hinauf zu seinem Herrn zu führen.
Tagsüber war dieses Haus voll von Menschen und ihrem geräuschvollen Treiben. Kaufleute aus aller Herren Länder kamen, um dem Mordechai Meisl ihre Aufwartung zu machen und ihm ihre Waren anzubieten: Sammet, Marderfelle, Hutschnüre, goldene Borten, Gewürze aus Asien, Zucker, Indigo und Aloe von den Inseln der neuen Welt. Ergraute Schreiber saßen an den mit Papieren bedeckten Tischen, entwarfen Briefe und Verträge oder fertigten Rechnungen aus. Junge Männer, die aus Wien, aus Amsterdam, aus Hamburg oder aus Danzig gekommen waren, um im Hause des Mordechai Meisl die Kaufmannschaft zu erlernen, liefen mit der Feder hinter dem Ohr geschäftig hin und her oder saßen über die Papiere gebeugt, von denen sie Abschriften zu machen hatten. Böhmische Edelleute, die gegen einen Schuldschein Geld aufzunehmen begehrten, wurden ungehalten, wenn man sie warten ließ, und klagten einander, wie schlecht die Ernte gewesen sei, und mit der Rinder- und Schafszucht sei heutigen Tags auch nichts zu gewinnen, wenn man nur könnte wie die Juden Geld herleihen und Zinsen nehmen, das sei für den Juden die Egge und der Pflug. Eilige Boten brachten Briefe aus dem Posthaus. Einer von den Schreibern rief nach Siegellack, der andere nach einer frisch gespitzten Feder. Und im Hof unter den Arkaden saßen schwatzend, Bier trinkend und die Beine von sich streckend Fuhrleute, die viele Tage unterwegs gewesen waren, die ließen es sich jetzt gutgehen und sahen zu, wie die schweren Ballen und Kisten und Fässer von ihrem Wagen abgeladen wurden und in den Magazinen verschwanden. Und zwischen den Fuhrleuten, den Pferden und den Lastträgern trieb sich fröhlich kläffend, aufwartend und wedelnd der kleine Pudelhund des Mordechai Meisl umher.