Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
Auf all dies hörte der Brouza nicht, es war ihm nicht wichtig. Ihm ging es um eine Mahlzeit. Prüfend zog er den Geruch der Speisen durch die Nase. Sein Blick fiel auf eine Schüssel mit Blutwurst, Kraut und Knödeln, die einem der Gäste soeben aufgetischt worden war. Von dem Duft dieses Gerichtes angezogen, trat er an den Tisch und erkannte hinter der Schüssel seinen Freund und Wirtshauskumpan, den Sattlermeister Votruba.
»Da seid ihr ja. Laßt es Euch nur schmecken«, begrüßte er ihn mit der Herablassung, die er als ehemaliger Hofbediensteter der übrigen Menscheit schuldig zu sein vermeinte. »Nicht jedem geht es in diesen Zeiten so gut, aber ein Hundsfott, wer es Euch mißgönnt, — wie der Adam Sternberg, Seiner verewigten Majestät Oberststallmeister, immer gesagt hat.«
Der Votruba, der den Mund voll hatte, gab ihm mit der Hand ein Zeichen, er solle stille sein, sich setzen und dem Kokrda zuhören. Der Kokrda berichtete, daß einer der Verurteilten, der Herr Zaruba auf Zdar, sich geweigert habe, um sein Leben, das ihm geschenkt werden sollte, zu bitten, und daß er dann gleich den anderen den Tod durch Henkershand erlitten habe.
»Verschluckt Euch nur nicht!« sagte indessen der Brouza zum Votruba. »An einer Blutwurst mit Kraut und Knödeln ist schon manch einer erstickt, ich weiß nicht, ob es ein schöner Tod ist. Wenn Ihr heruntergebracht habt, was Euch in der Kehle steckt, dann sagt mir, wer hierzulande den Regen am frühesten merkt. Das ist eine Frage, die ich dereinst Seiner Majestät, dem verewigten Kaiser vorgelegt habe. Er könnt' es mir nicht sagen, der gute Herr, und so mußte er mir zwei Taler bezahlen. Strengt also Euren Verstand an, vielleicht findet ihr's heraus. Wenn nicht, — Euch mach' ich's billiger, Euch soll es nur eine Kanne Bier kosten. Gilt der Handel?«
Der Vortruba überlegte, wo bei dieser Sache ein Vorteil für ihn heraussähe. Er fand ihn in dem erhebenden Gedanken, daß ihm und Seiner Majestät die gleiche Frage vorgelegt worden sei. Der Kokrda hatte indessen seinen Bericht beendet. Er verabschiedete sich, indem er etliche Hände schüttelte und bald wiederzukommen versprach, und ging dann, um in einem anderen Wirtshaus eine neue Zuhörerschaft um sich zu versammeln.
»Nun?« mahnte der Brouza den Votruba. »Gilt der Handel? Ich erwarte Eure Resolution und Antwort, — wie der verewigte Kaiser zu seinem Geheimen Rat, dem Hegelmüller immer gesagt hat.«
»Hegelmüller? Wer spricht da vom Hegelmüller?« kam vom Nachbartisch eine Stimme. »Bei meiner Seele, es ist der Brouza. Laß dich ansehen, Mensch! Wieviel Jahre ist es her, daß ich dein plattnäsiges Diebsgesicht zuletzt gesehen habe?«
»Herr!« sagte der Brouza mit Würde zu dem Mann am Nachbartisch. »Wählt Eure Worte mit mehr Vorsicht. Ich kenn' Euch nicht.«
»Wie?« rief der Mann verwundert und belustigt. »Du kennst den Svatek nicht? Dem du, weiß Gott wie oft, zugesehen hast, wie er Seiner Majestät zur Ader ließ, die Haare kräuselte, den Bart schor? Den Svatek kennst du nicht, du Kohlenstaubschlucker?«
»Der Svatek! Der Barbier!« sagte der Brouza, und unsägliche Geringschätzung klang in seiner Stimme, denn in seiner Erinnerung hatte er nur mit den Großen der Prager Burg Umgangs gepflogen, mit dem Obersthofmeister etwa, dem Oberstkämmerer, dem Oberstjägermeister und den Geheimen Räten.
»Der Pfaffe, der geschoren ist, der merkt den Regen als erster«, sagte der Votruba, der bis dahin angestrengt nachgedacht hatte. Aber niemand zollte ihm die erwartete Anerkennung.
»Den Svatek kennst du nicht, du Kellerassel?« rief der Barbier des verstorbenen Kaisers. »Den Svatek, der dir oft genug den Buckel mit Salbe eingerieben hat, wenn es Seine Majestät, unser allergnädigster Herr, für gut befunden hatte, ihn dir zu zerbleuen.«
»Seine Majestät, der verewigte Herr Kaiser, hat höchstselbst und eigenhändig ...«, vernahm man die in Devotion ersterbende Stimme des Votruba.
»Das ist infam gelogen«, protestierte der Brouza in ehrlicher Entrüstung. »Seine Majestät, mein allergnädigster Herr, ist mir jederzeit mit Achtung begegnet, hat mir auch oftmals seine Zuneigung bezeigt und meine Dienste zu schätzen gewußt.«
»Achtung? Zuneigung? Deine — was? Dienste?« lachte der Barbier. »Da halte mich einer, daß ich nicht hinfalle.«
»Dessen habe ich Zeugnis«, erklärte der Brouza.
»Jawohl. Auf dem Buckel«, meinte der Barbier.
Dem Brouza schien es an der Zeit zu sein, dieser Unterhaltung, die seiner Reputation bei den Kleinseitner Bürgern nicht förderlich sein konnte, ein Ende zu machen und sich um die Kanne Bier zu bekümmern, die er von dem Sattlermeister zu erlangen hoffte.
»Zwei stehen immer zusammen, sind einander aber spinnefeind«, wandte er sich, als wäre der Barbier nicht mehr vorhanden, an den Votruba. »Wer sind die beiden? Könnt Ihr mir's sagen?«
»Der Stock und dein Buckel, das ist doch klar«, gab ihm, ehe noch der Votruba den Mund aufmachen konnte, der Barbier zur Antwort, der genau wußte, was gemeint war, nämlich das »Ja« und das »Aber«.
»Schert Euch fort!« fuhr der Brouza ihn empört an. »Ich habe keine Gemeinschaft mit Euch. Gesellt Euch zu Euresgleichen und mich laßt zufrieden!«
»Na, na, Brouza, werd nicht gleich zornig!« suchte ihn der Barbier zu beschwichtigen. »Du wirst dir heute abend meine Gesellschaft schon gefallen lassen müssen. Bist du nicht auch hergekommen, um den alten Cervenka wiederzusehen?«
»Ich? Den Cervenka? Welchen Cervenka?« fragte der Brouza.
»Unseren Cervenka«, gab ihm der Barbier Bescheid. »Hat er dir nicht auch Nachricht geschickt, daß er heute abend im >Silbernen Hechten« anzutreffen sei? Er hat sich, scheint es, ein wenig verspätet. Aber nein, da ist er ja.«
Zwei Männer waren in die Schankstube getreten, und der Brouza erkannte sie, obgleich es neun Jahre her war, daß er sie zum letztenmal gesehen hatte. Der eine von den beiden, der etwas gebückt an einem Krückstock gehende alte Herr, dem das schüttere weiße Haar in die Stirne fiel, war der Cervenka, des verstorbenen Kaisers zweiter Kammerdiener. Und der andere, der etwas schäbig gekleidete mit der Hakennase, war der Kasparek, der Jahre hindurch des Kaisers Lautenspieler gewesen war. Der Brouza stand auf, um sie zu begrüßen. Zuvor aber suchte er sich seiner Kanne Bier zu versichern.
»Denkt also scharf nach!« sagte er, bevor er ihn verließ, zu dem Sattlermeister Votruba. »Zwei stehen beieinander, sind einander aber spinnefeind. Wer sind die beiden?«
»Bei meiner Seele, ich kenne sie nicht«, versicherte ihm der Vortruba, der nicht mehr an das Rätselraten dachte. »Hier, im >Silbernen Hechten« habe ich sie noch nie gesehen. Aber fragt doch den Wirt, der scheint sie zu kennen, er tanzt mit hundert Kratzfüßen um sie herum.«