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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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»Ja«, unterbrach ihn der Cervenka, »so war es, und er riß beide Fenster auf und schrie, Luft müsse herein und das Unkraut müsse hinweg. Als ich Einwendungen erheben wollte, herrschte er mich an, ich solle schweigen, er wisse, auch ohne daß ich es ihm sage, worüber Seine Majestät klage: über Durst, Hitze, Kopf- und Gliederschmerzen, über Zittern, Beängstigung, Müdigkeit und Schwäche. Und damit trat er an das Krankenbett, griff nach Seiner Majestät Puls und hieß dann Seine Majestät, sich erheben, aber Seine Majestät vermochte es nicht mehr. Da unterstand er sich ...«

Er hielt inne und schüttelte den Kopf, als könne er noch immer nicht fassen, was damals geschehen war.

»Da unterstand sich der Jessenius«, fuhr er dann fort, »meinen allergnädigsten Herrn an der Schulter und am Kopf zu fassen und ihn mit Gewalt emporzuziehen. Und mein allergnädigster Herr sah ihn an und seufzte und sah ihn wiederum an und sagte: >Helf Euch Gott, Ihr habt Hand an mich gelegt. Ich wollt', Ihr hättet es nicht getan, nun ist es aber geschehen, und so wird dereinst der Henker Hand ein Euch legen, er wird Euren Kopf hoch über dem seinen halten, und du, Rotkopf, wirst es mitansehen<. — Mein allergnädigster Herr nämlich nannte mich noch immer >Rotkopf<, wenngleich meine Haare damals schon die Kirchhofsfarbe hatten.«

Und er strich sich über sein schütteres weißes Haar.

Etliche von den Gästen hatten, um zuzuhören, ihre Stühle näher an den Tisch gerückt, und einer von ihnen machte sich zum Wortführer der anderen, erhob sich ein wenig, lüftete seinen Hut und fragte:

»Wenn es verstattet ist, — wie hat der Herr Jessenius die Worte Seiner Majestät aufgenommen?«

Der alte Kammerdiener warf einen prüfenden Blick auf ihn, und dann würdigte er ihn der Ehre einer Antwort.

»Er hat kurz aufgelacht, aber es war ihm anzumerken, daß ihm nicht wohl zumute war. Er sagte, das Fieber habe die Lebensgeister Seiner Majestät aus der Ordnung gebracht. Und daß die Natur dieses Fiebers dunkel und verborgen sei, man müsse ihn gewähren lassen und allen Fleiß aufwenden, es zu erforschen. Dann, als er das gesagt hatte, ging er, und heute auf dem Altstädter Ringplatz habe ich ihn nach dem Willen Gottes wiedergesehen.«

Er schlug ein Kreuz, nahm einen Schluck Bier und legte Käsescheiben und kleine Stückchen Rettich auf seine Brotschnitte.

»Das ist eine gute Geschichte. Bei Gott und den lieben Heiligen, eine Geschichte wie diese hört man nicht alle Tage«, sagte der Brouza, dem in Erinnerung an seinen verstorbenen Herren die Tränen über die Backen liefen, zu sich selbst, und es verdroß ihn nur, daß die Leute im »Hecht« die Geschichte mitangehört hatten, ohne daß es ihm eine Mahlzeit eintrug. Er verspürte Hunger, doch keiner von den Gästen dachte heute daran, ihm einen Happen von irgend etwas auftischen zu lassen, und von dem Cervenka war auch nichts zu erhoffen, denn der war sein Leben lang ein Knauser und Pfennigfuchser gewesen, und man konnte schon an dem Rettich und dem Käse sehen, daß er sich selbst keinen Bissen von etwas Gutem vergönnte.

»Seid ihr nicht der Schlossermeister, der hinter dem Loretokirchlein seine Werkstatt hat?« sprach der Lautenspieler Kasparek den Mann an, der mit einem »Wenn es verstattet ist« an den Tisch gekommen war.

»Ja, der bin ich. Georg Jarosch, kaiserlicher Hofschlosser, Euch zu dienen, Herr! Und auch ich bin hinter dem Sarg des Kaisers gegangen mit den Glasbläsern, den Bildschnitzern, den Steinschneidern, den Medailleuren, den Wachsbossierern und all den anderen, denen ihre Kunst Ehre und Lob von Seiner Majestät, aber nur geringes Geld eingebracht hat!«

»So seid Ihr also«, sagte der Lautenspieler in respektvollern Ton, »der Mann, der das schöne und kunstreiche Gitter im St. Veitsdom angefertigt hat, das das steinerne Bildnis des Georgs von Podiebrad umschließt«.

»Einen solchen brauchten wir wieder«, rief einer von den Leuten am Nachbartisch. »Einen böhmischen König wie den Georg von Podiebrad sollten wir haben, dann würden bessere Zeiten für uns kommen.«

Der alte Kammerdiener schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er. »Hofft nicht aufbessere Tage! Habt Ihr vergessen, daß Seine Majestät, mein allergnädigster Herr, seine ungetreue Stadt Prag verflucht und den Zorn Gottes auf sie herabgerufen hat? Und daß Gott ihn erhört hat, das hat Euch der heutige Tag gezeigt. Jesus Maria, das viele Blut, möge Gott den armen Sündern gnädig sein! Nein, bessere Zeiten werden für uns nicht mehr kommen, und nie wieder wird die Welt einen böhmischen König sehen.« »Das, was ich immer gesagt habe«, wandte sich der Brouza an seine Zuhörerschaft, und er bekräftigte seine Worte mit einem gewichtigen Kopfnicken.

»O Jesus, so schweigt doch, ihr beiden!« hörte man die verängstigte Stimme des Sattlermeisters Votruba, die aus einem Winkel der Schankstube kam.

»Man weiß es«, sagte einer am Nachbartisch, »daß der verstorbene Kaiser die Böhmen nicht gemocht hat, bei ihm mußte alles welsch oder ausländisch sein.«

»Wenn es wahr ist, daß er Prag verflucht hat«, meinte ein anderer, »so tat er es, weil sein Geist umdüstert war.« »Nein, er war bei vollen Sinnen, — wer wüßte dies besser als ich, der ich ihm an jenem Tag zur Ader ließ«, erklärte der Barbier. »Ich sehe ihn noch heute, wie er am Fenster stand und auf die Stadt herabblickte, bleich, zitternd und mit Tränen in den Augen. Es war der Tag, an dem ihn die protestantischen Stände in der Burg gefangen hielten. >Prag hat mir keine Hilfe geleistet«, sagte er zu dem Herrn Zdenko von Lobkowitz, dem böhmischen Kanzler, der gekommen war, um Urlaub von ihm zu erbitten. >Es hat mich in meinen Nöten allein gelassen und nichts getan, ja, nicht einmal ein Roß hat es zu meinen Diensten satteln lassen.« Und dann warf mein kaiserlicher Herr, von Zorn und Kummer übermannt, seinen Hut mit solcher Heftigkeit zu Boden, daß der große Karfunkelstein, den er an Stelle einer Feder am Hut trug, sich loslöste und davonsprang, und man hat ihn nicht wiedergefunden, so sehr man auch nach ihm suchte, er war und blieb verschwunden.«

»Was seht Ihr mich an?« fuhr der Brouza auf. »Wenn ihr vielleicht damit sagen wollt, daß ich den Stein gefunden und beiseite gebracht habe, so ist das infam gelogen. Jedermann weiß, daß die Mühe der Stellung, in der mich Seine Majestät, der Bömische Kaiser, beschäftigt hielt, mir keine Zeit ließ, mich um derlei Lappalien zu bekümmern.«

Und er tat, mit seinen Gedanken noch ganz bei der Beleidigung, die ihm, nach seinem Vermeinen, zugefügt worden war, einen tiefen Zug aus seines Nachbarn, des kaiserlichen Hofschlossers, Bierkrug.

»Wenn unser allerhöchster Herr«, nahm jetzt der Lautenspieler Kasparek das Wort, »nur besser beraten gewesen wäre! Wenn er die Gefahr erkannt, die Stunde wahrgenommen und seinen Beutel nicht verschlossen gehalten hätte! Hohes Spiel will hohen Einsatz. Hätte ich damals nur Fug und Gelegenheit gehabt, — mein allergnädigster Herr, den Musik so tief berührte, hätte mir wie vordem sein Ohr geliehen, aber ich war ja in der Ungnade, durfte dieses Diokletiani wegen, den Gott verdammen möge, nicht mehr vor des Kaisers Augen kommen.«

»Er ist verdammt, dein Diokletianus, dessen magst du getrost sein«,versicherte ihm der Kammerdiener Cervenka. »Er war ein verstockter Heide und hat zudem die heilige Kirche verfolgt.«

»Seine Majestät war, müßt Ihr wissen«, erklärte indessen der Barbier dem Schlossermeister und etlichen anderen, »ein großer Liebhaber der alten römischen Münzen, hat auch von ihnen eine schöne Collection zusammengebracht, er nannte sie seine Heidenköpfchen, und aus aller Welt kamen die Gelehrten und Antiquarii, um sie zu besehen. Auch ein schlechtes kupfernes Stück war ihm nicht zu gering, der Kasparek aber hat ihm eine große silberne Münze verehrt mit des Diokletiani, des römischen Kaisers, Bildnis darauf...«

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