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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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Gold zu gewinnen, ging es dem Meisl durch den Sinn, das war für andere eine große und oft vergebliche Müh und Plage, viele setzten ihr Leben darein und verloren es. Ihm war es immer nur ein Spiel gewesen. Sein Leben lang war das Gold hinter ihm hergelaufen, hatte ihn umbuhlt und umworben, war, wenn er es von sich stieß, wiedergekommen. Manchmal wurde er seines Glückes müde, ja, zuweilen wurde das Gold ein Gegenstand der Furcht für ihn. Es bedrängte ihn, es wollte sein eigen werden und keinem anderen dienen, und wenn es sein eigen geworden war, dann blieb es nicht in den Kästen und Truhen, dann lief es als sein Knecht für ihn durch die Welt. Ja, das Gold liebte ihn, ihm hatte es sich unterworfen. Aber was würde es beginnen, was bewirken, wenn er es fessellos, nicht mehr von seiner Hand gebändigt, in der Welt zurückließ?

Ein kurzer, aber über alle Maßen heftiger Hustenanfall kam über ihn und schüttelte ihn, daß er meinte, vergehen zu müssen, und als er vorüber war, da hatte sich das Tüchlein in seiner Hand rot gefärbt. Und wie er die Flecken Blutes sah, kam ein Verwundern über ihn, daß er noch lebte. Es schien ihm, als wäre er schon lange an das Ende seines Daseins gelangt, aber das Sterben war ihm verwehrt. Der hohe Rabbi Loew, die Leuchte der Verbannung, das Kleinod Israels, er, der Einzige seiner Zeit, war eines Nachts in seiner Kammer gesessen und hatte in den heiligen Büchern gelesen, in denen die Geheimnisse Gottes aufgezeichnet sind. Da war das Wachsstümpfchen, das seine Kammer erhellte, zu Ende gebrannt, sein Licht knisterte und flackerte und war im Erlöschen, und es gab kein anderes Wachslicht in des hohen Rabbis Haus. So sprach der hohe Rabbi sein Zauberwort über das verzehrte Lichtlein, er beschwor es bei den zehn Namen, daß es nicht erlöschen sollte, und es gehorchte. Ruhig und still brannte das Stümpfchen weiter und gab sein Licht die ganze Nacht hindurch, daß der hohe Rabbi in die Geheimnisse Gottes eindringen konnte, und erst als es heller Tag geworden war, erlosch es und verging in nichts. — War er, der Mordechai Meisl, nicht auch solch ein verzehrtes Lichtlein, das lange schon erloschen sein sollt' und dennoch weiterbrannte? Warum läßt Gott mich nicht erlöschen? Warum lebe ich? fragte er sich, während er noch immer auf das von seinem Blut benetzte Tüchlein in seiner Hand blickte. Wozu bedarf Gott meiner noch in dieser Welt?

Es klopfte. Der Mordechai Meisl verbarg das Tüchlein. Der Mendel ließ den Philipp Lang in die Stube treten, und der Mordechai Meisl ging seinem Gast, wie es die Sitte vorschrieb, bis zwei Schritte vor die Türe entgegen, um ihn zu bewillkommenen.

Der Philipp Lang war ein großer, hagerer Mann, er überragte den Mordechai Meisl, wie er vor ihm stand, um eines Hauptes Länge. Sein Haar und Bart waren leicht ergraut. Er trug sich auf spanische Art, und über seiner Brust hing an einer goldenen Kette das Bildnis der Madonna von Loreto.

Wie er eintrat, streifte sein Blick die vier versiegelten Beutel und die Geldanweisungen, die auf dem Tisch lagen, und er erwog, wie schon so oft an diesem Tag, welche Summe nötig sein würde, um den Kaiser für diesmal zufriedenzustellen. Das griechische Marmorbildwerk, das der Kaiser von einem Antiquar in Rom gekauft hatte, war angekommen und mußte bezahlt werden. Es gab noch andere Schulden, die waren weniger drückend. Doch der Kaiser gedachte auch noch das Dürerbildnis zu kaufen, die »Anbetung der Könige« aus der Allerheiligenkirche in Wittenberg, die ihm der Magistrat dieser Stadt angeboten hatte.

Seine Worte verrieten nicht, welche Gedanken ihn beschäftigten. Er sagte zum Meisclass="underline"

»Ich hoff', ich komme nicht zur Unzeit. Draußen stürmt's, es wird gleich Regen geben. Und wie steht es um meines werten Freundes Befinden?«

Er hatte die Hand des Mordechai Meisl ergriffen und hielt sie so, daß er den Pulsschlag fühlen und prüfen konnte. — Er fühlt sich gar nicht wohl, stellte er fest. Der Puls ist sehr behende. Es ist sicherlich Fieber da.

Wenn der Mordechai Meisl nach seinem Befinden gefragt wurde, gab er immer die gleiche Antwort, die nichts besagte. Wie es in Wahrheit um ihn stand, verriet er keinem.

»Es ist gut, ich danke Euch, es ist recht gut«, sagte er. »Was von meiner Krankheit heute noch übrig ist, wird morgen verschwunden sein.«

Und er löste seine Hand aus der des kaiserlichen Kammerdieners.

Der Philipp Lang sah ihn an und machte im Stillen seine Prognosis. Da war kein Zweifeclass="underline" In diesem abgezehrten Körper war nicht mehr die Kraft, wider die zehrende Krankheit und die drohende Auflösung zu kämpfen. Morgen konnte er seinem Herrn vermelden, daß er nicht lange mehr, nicht länger als zwei Wochen oder drei, auf den geheimen Schatz zu warten haben werde, auf die Dukaten und die Doppeldukaten, die Rosenobles und die Dublonen. Und nicht die Hälfte, nein, das Ganze, alles, was der Meisl-Jude an Geld und Gut hinterließ, mußte nach dem Plan und Willen des Philipp Lang dem Kaiser gehören. Denn ein Löwe und der Kaiser, die teilen mit keinem.

Zum Meisl sagte er:

»Ja, wir müssen dessen froh sein, daß wir just in diesen Zeiten leben, in denen die Arzte so viele und herrliche Erfindungen gemacht haben, deren sie sich zu unserem Wohle zu bedienen wissen.«

»Ja, das ist gut«, meinte der Meisl. »Doch ich bedarf der Hilfe der Ärzte nicht. Es geht mir alle Tage besser und besser.«

»Das sind gute Nachrichten und ich werde sie mit Freuden meinem allergnädigsten Herrn vermelden«, erklärte der Philipp Lang. »Mein allergnädigster Herr hat mir strengstens aufgetragen, Euch treulich zu ermahnen, daß Ihr gute Achtung auf Eure Gesundheit haben und Euch wohl pflegen sollt.«

»Das werd' ich tun in schuldiger Observanz der allerhöchsten Befehle«, sagte der Mordechai Meisl. »Mögen Seiner Majestät Leben, Ruhm und Friede gemehrt werden vom Herrn der Welt.«

Und nun, da von beiden Seiten der Höflichkeit und dem Brauch genüge getan war, begannen sie, von den Geschäften zu sprechen.

Gegen Mitternacht, als sie nach langem Unterhandeln einig geworden waren, trug der Mendel Wein und kalte Küche auf und heiße, in Öl gebackene Mandelkuchen, die er des Nachts aus dem Backhaus geholt hatte. Und der Philipp Lang erzählte, während er mit Behagen aß und trank, von der kaiserlichen Hofhaltung, wie es da oftmals sonderbar zugehe. Daß des Kaisers Kammerherr, ein Baron Palffy, sich einen Diener hielt, der an seiner Stelle, sooft es Arger gab, auf die abscheulichste Art fluchen mußte, denn der Baron selbst sei dazu zu gottesfürchtig. Von dem spanischen Gesandten am kaiserlichen Hof, dem Don Balthasar de Zuniga, wisse jedermann, daß er seine schöne und junge Frau alle Woche mit einer anderen Weibsperson betrüge, doch lasse er sich niemals mit einer ein, die auf den Namen Mari a getauft sei, denn damit könnte er, wie er meinte, die heilige Jungfrau beleidigen. Zwei gelehrte Herren an des Kaisers Hof, der Martin Ruhland, der das perpetuum mobile anfertigte, und der Italiener di Giorgio, der die großen parabolischen Spiegel schliff, die lägen miteinander im Streit, weil jeder von den beiden sich einbilde, der andere empfange für seine Dienste ein höheres Relutum als er selbst, und wenn sie einander in den Weg liefen, so gäben sie einander mehr Ehrentitel, als das deutsche und das welsche Alphabet zusammen Buchstaben habe, da käme es von der einen Seite: »Betrüger! Hansnarr! Lumpenhund! Hurenbock!« und von der anderen: »Birbone! Furfante! Mascalzone! Furbo!«, und dabei bliebe der Kaiser dem einen wie dem anderen seit Jahren das umstrittene Relutum schuldig. Der junge Graf Khevenhueller, Leutnant in des Kaisers berittener Leibgarde, sei aus dem Türkenkrieg mit einem Säbelhieb quer über den Hals zurückgekommen, der ihm die Sehnen zerschnitten habe, und so trage er, um den Kopf zu stützen, ein Halsband von Silber. Und wie er nun an der Offizierstafel darüber geklagt habe, wie schwer die Zeiten seien und wenn einer heute ginge, sich in der Stadt zu vergnügen, so sei des Geldes lange nicht genug, so teuer seien alle Ding, da habe sein Gegenüber, ein Hauptmann von den Hakenschützen, ihm zugerufen: »Verpfänd deinen Hals, du Narr, so kannst du zu deinen Huren laufen!« Und darüber sei es zu einer Schlägerei gekommen.

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