Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Sie sollten sich schämen!« entrüstete sich der KoppelBär. »Erwachsene Männer sind sie und haben solche Narreteien im Kopf.«
»Soll ich hinunterrufen, daß sie erkannt sind und daß sie sich schämen sollten, solche Bubenstreiche zu begehen?« fragte der Jäckele-Narr, für den kein Zweifel mehr bestand, daß da unten der Goldsticker in Gesellschaft des Knopfmachers bei der Arbeit saß.
»Ach, laß sie, scher dich nicht um sie!« sagte der KoppelBär, den das Glück, seinen Freund und Gefährten behalten zu dürfen, verträglich stimmte. »Es steht geschrieben: Du sollst des Toren nicht achten und ihm nicht Anwort geben in seiner Narrheit.«
»Dann also ist mein Rat, daß wir nicht länger hier stehen, sondern nach Hause gehen, und daheim wollen wir in Ruhe und in Freude von unserem Branntwein trinken«, erklärte der Jäckele-Narr. »Ich ein bissei, du ein bissei, und eh' du's merkst...«
»... ist leer die Schüssel«, fügte der Koppel-Bär, da sein Geselle stockte und nicht weiterkam, den Vers zu Ende.
»Die Schüssel?« rief der Jäckele-Narr. »Welche Schüssel? Wer trinkt denn Branntwein aus einer Schüssel?«
»Man könnte ihn recht gut auch aus einer Schüssel trinken«, wehrte sich der Koppel-Bär. »Aber wie du willst, es geht auch so: Ich einen Zug, du einen Zug, mit einemal ist leer.. . Nun?«
»... der Krug«, beendete der Jäckele-Narr mit einem Wiegen des Kopfes, das Anerkennung bedeutete, den Vers.
»Ja, — aber wo ist er? Ich habe ihn nicht mehr«, wehklagte der Koppel-Bär. »Ich muß ihn, als die unten deinen Namen riefen, in meinem Schrecken fallen gelassen haben.«
Der Jäckele-Narr kroch auf allen vieren, tastete die Erde ab und stieß auf den Krug.
»Da ist er«, sagte er und richtete sich auf. »Koppel-Bär, das Herz ist mir stillgestanden. Gelobt sei Gott, daß er es bei dem Schrecken hat bewenden lassen. Ich meinte schon, er sei zerbrochen.«
Die Getreuen des Kaisers
Am Abend des 11. Juni 1621— neun Jahre nach des Kaisers Tod — begab sich der Anton Brouza, der einstmals Narr, später Ofenheizer auf der Prager Burg gewesen war und sich nunmehr den »vertrauten Freund der verewigten Majestät« nannte, auf seinen gewohnten Weg, der ihn von seiner Behausung auf dem Hradschin über winkelige Treppen, durch Torbogen, Durchlässe und steile Gäßchen in eines der Kleinseitner Wirtshäuser führte, in denen er seine Späße an den Mann zu bringen und auf Kosten anderer eine Mahlzeit einzunehmen pflegte, denn sein eigenes Geld gab er nur ungern aus. Seine Wahl war diesmal auf das Wirtshaus »Zum silbernen Hecht« gefallen, das auf der Insel Kampa lag, denn hier war er schon einige Wochen lang nicht gewesen, auch behandelte der Hechtwirt, der als Sechzehnjähriger Küchenjunge in der Prager Burg gewesen war, ihn, den kaiserlichen Ofenheizer, mit besonderer Hochachtung.
Seit der Schlacht am Weißen Berg, in der sich das Schicksal Böhmens entschieden hatte, war ein halbes Jahr vergangen, und in dieser Zeitspanne war allerlei geschehen. Die böhmischen Stände hatten ihre verbrieften alten Bechte und Freiheiten verloren. Der letzte böhmische König, den man den Winterkönig nannte, war auf der Flucht, und in der Prager Burg residierte ein kaiserlicher Kommissär. Um den Besitz der Kirchen, die man den Protestanten und den »böhmischen Brüdern« weggenommen hatte, stritten sich jetzt die Jesuiten mit den Dominikanern und den Augustinern. Die protestantischen Prediger hatte man des Landes verwiesen. Wer an dem Aufruhr von 1618 teilgenommen hatte, ja, wer auch nur im Verdacht stand, ihn gutgeheißen oder die Rebellen begünstigt zu haben, wurde eingekerkert, und wenn er mit dem Leben davonkam, so verfiel doch sein Hab und Gut dem Fiskus. So verarmten alte Geschlechter und ihre Namen verschwanden aus der Geschichte Böhmens.
Andere Namen waren bestimmt, im Gedächtnis des Volkes weiterzuleben. So die Namen der 27 Personen des Herren-, Ritter- und Bürgerstands, die in den frühen Morgenstunden eben dieses Tages, des 11. Juni 1621, auf dem Altstädter Ring als Hochverräter hingerichtet worden waren. Unter ihnen befanden sich der Führer des protestantischen Adels, Graf Schlick, ein Deutscher, das Haupt der »böhmischen Brüder«, Herr Wenzel Budowetz auf Budow, der aus seinem brandenburgischen Asyl nach Böhmen zurückgekehrt war, um, wie er sagte, seine Heimat jetzt, da sie in Not sei, nicht im Stiche zu lassen, Dr. Jessenius, der berühmte Arzt und Anatom, der als erster in Böhmen öffentlich einen Leichnam seziert hatte, und der Präsident der böhmischen Hofkammer, Christoph Harant, Herr auf Pohlitz, der in seiner Jugend die Länder der Levante bereist und über seine Abenteuer in Ägypten, Palästina und Arabien ein zweibändiges Werk in böhmischer Sprache verfaßt hatte.
Angst, Beklemmung und Niedergeschlagenheit sprachen aus den Gesichtern der Menschen, denen der Brouza auf seinem Weg begegnete. Dies aber schien ihm seine Aussicht, eine Mahlzeit zu erlangen, eher zu vermehren, als zu vermindern. Er kannte die Menschen, er wußte, daß an solch einem Tag keiner gern allein blieb. Viele wollten die Meinung anderer Leute hören, die sie für besser unterrichtet hielten, viele die eigene zur Geltung bringen, jeder erwartete vom anderen ein wenig Trost, Zuspruch und Ermutigung, und so zog es sie alle in die Wirtsstuben.
Freilich, die Zeiten waren schlecht. Drei Jahre schon währte der Krieg, und an einen baldigen Friedensschluß glaubte niemand. Handel und Wandel stockten, die Märkte blieben unbeschickt, die Teuerung nahm zu, das Geld verlor seinen Wert. Man konnte für zwei Gulden nicht das bekommen, was man zu Kaiser Rudolfs Zeiten mit einem halben Gulden bezahlt hatte. Man fragte sich, wohin das noch führen solle. Doch dem Brouza gelang es jetzt bisweilen leichter als zuvor, sich mit der Erzählung erlebter oder erfundener Geschichten, die Rudolf den Zweiten, seinen Hof und sein Gesinde zum Gegenstand hatten, eine Mahlzeit oder die Butter aufs Brot zu verdienen. Denn die Prager Bürger ließen sich gerne von den vergangenen Zeiten berichten, da die gegenwärtigen so betrüblich, so düster und so beängstigend waren.
In der Schankstube des »Silbernen Hechten« wurde, als der Brouza eintrat, von nichts anderem als von den Hinrichtungen, die an diesem Morgen vollzogen worden waren, gesprochen. Der Gerichtsdiener Johann Kokrda, der die Nacht hindurch auf dem Altstädter Ring ausgeharrt hatte, um sich unter den Zuschauern einen guten Platz zu sichern, hatte seine große Stunde. Ohne sich von Fragen und Zwischenrufen beirren zu lassen, berichtete er der Reihe nach, was er gehört und gesehen hatte. Die ganze Nacht über habe man bei Fackelschein an dem Gerüst gearbeitet, und des Morgens sei es nach all dem Hämmern und Pochen furchterregend dagestanden: vier Ellen hoch, zwanzig Ellen im Geviert, und alles, auch der Richtblock, mit schwarzem Tuch überzogen. Für die Behörden, die Geistlichkeit und den Adel seien Tribünen errichtet worden, das gemeine Volk habe dicht gedrängt den Platz und die umliegenden Gassen gefüllt. Dreihundert Hellebar diere und vierhundert Reiter von des Obristen Waldstein oder Wallenstein Regimentern hätten die Ruhe und Ordnung aufrechterhalten. Fliegende Händler hätten den Wartenden, soweit man zu ihnen gelangen konnte, Wurst, Käse, Bier und Schnaps verkauft. Dann seien unter dem Wirbel der Trommeln einer nach dem anderen, ihrer Rangordnung entsprechend, die Verurteilten herbeigeführt worden. Als erster, wie es sich gehörte, der Graf Schlick. Er sei in schwarzen Sammet gekleidet gewesen, habe ein Büchlein in der Hand gehalten und eine gelassene Miene zur Schau getragen. Als sein Kopf fiel, habe eine Frau in der Menge »Du heiliger Märtyrer!« gerufen, bis hinauf zu den Tribünen habe man es gehört, und die Waldsteinschen Reiter hätten versucht, zu ihr zu gelangen, um sie festzunehmen, da seien etliche Leute niedergestürzt und einer sei von Pferdehufen zu Tode getroffen worden, die Frau aber habe sich in Sicherheit gebracht. Als dann die Ruhe wieder hergestellt war, habe der Herr von Budowetz das Schaff Ott bestiegen, von keinem Priester begleitet, denn der Trost und Beistands eines kalvinistischen Priesters sei ihm nicht bewilligt worden und die Begleitung eines katholischen habe er verschmäht. Er habe die Zuschauer auf dem Platz mit Freundlichkeit gegrüßt, zum Abschied mit der Hand gewinkt und dem Henker einiges Geld gereicht. Und die Leute unten hätten ihm zugerufen: »Lebewohl, Wenzel! Laß dir's droben gut gehen auf der ganzen Linie!« Dieses »auf der ganzen Linie« hätte ihm Freude bereitet, meinten die Leute, es sei nämlich eines seiner Lieblingsworte gewesen. »Das Evangelium hochhalten auf der ganzen Linie«, »dem Teufel widerstehen auf der ganzen Linie«, — dergleichen hatte man oft von ihm gehört. Als dritter sei Herr Dionys von Czernin auf Chudenitz an die Reihe gekommen. Während er die Stufen des Gerüstes hinaufstieg, habe sein Bruder Hermann, der unter den adeligen Zuschauern seinen Platz hatte, sich von diesem erhoben und die Tribüne verlassen. Dabei habe er sich geschneuzt oder sich vielleicht die Augen gewischt, — er, der Kokrda, habe das von seinem Platze aus nicht mit Sicherheit unterscheiden können.