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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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»Da bin ich also«, sagte der alte Cervenka, während er die Suppe auslöffelte, die der Wirt vor ihn hingestellt hatte. »Und es war gar nicht leicht für mich, hierher zu kommen. Meine Tochter, die, bei der ich lebe, und ihr Mann, der Franta, die wollten mich nicht fortlassen, die hatten es sich in den Kopf gesetzt, es könnt' mir etwas zustoßen auf dieser Reise. — >Bleib', wo du bist, Alter!« sagten sie. >In der Welt herumzufahren, das ist nichts mehr für dich. Denk nicht immer an die Vergangenheit, was gewesen ist, ist gewesen. Denk lieber daran, daß wir dich bei der Gartenarbeit brauchen. Heut hast du die Raupen von den Kohlköpfen zu lesen, willst du dich vielleicht davon drücken?« — Aber ich ließ sie reden, und die Raupen ließ ich gute Tage haben, und da bin ich nun. Freilich, ich hätte diese ganze beschwerliche Reise von Beneschau nach Prag vergeblich unternommen, wenn mir nicht Seine Excellenz, der Graf Nostiz, dem ich mein Anliegen submissest vortrug, ein Plätzchen ganz oben auf der Tribüne eingeräumt hätte, — in Erinnerung an die Zeiten, da wir oben auf der Burg täglich aneinander vorbeipassierten, ich mit meinem >Küß die Hände Euer Gnaden«, und er mit einer Frage nach Seiner Majestät Gelauntsein und Befinden oder auch nur mit einem >Guten Morgen, Cervenka«, wenn er es eilig hatte, — um es also kurz zu machen: Den Platz oben auf der Tribüne hatte ich, und so habe ich also wirklich mit diesen meinen Augen den Kopf des Doktor Jessenius in des Henkers Händen gesehen, wie es mir mein allergnädigster Herr, der Kaiser, in seinen letzten Stunden vorausgesagt hat.«

Und er wandte sich an den Wirt, der neben ihm stand und neugierig zugehört hatte.

»Paß auf: Nach der Suppe einen Olmützer Käse, einen Rettich, eine Brotschnitte und eine halbe Kanne Warmbier.«

»Seine Majestät, der verewigte Herr Kaiser«, begann der Wirt, der, wenn er aufgeregt war, einen kurzen Atem bekam, »hat Euch, wie es die Zigeuner auf den Jahrmärkten tun, wirklich und wahrhaftig«, er holte tief Atem, »aus der Hand die Zukunft vorausgesagt?«

»Eine Brotschnitte, habe ich gesagt, dazu einen Rettich, Käse und eine halbe Kanne Warmbier, das ist alles und jetzt eil dich!« fertigte ihn der Kammerdiener des verstorbenen Kaisers ab.

»Der Herr Cervenka erkennt mich nicht«, sagte der Wirt gekränkt. »Ich bin doch der Wondra.«

»Was für ein Wondra bist du?« fragte der Kammerdiener.

»Der Wondra, der unten in der Küche den Pfeffer stieß«, erklärte ihm der Wirt, »und manchmal ließ man mich auch an den Bratenwender. Ich hab' den Herrn Cervenka«, er holte tief Atem, »oft gesehen, wenn der Herr Cervenka zu uns kam, um zu sehen, ob die Suppe für Seine Majestät nach der Vorschrift zubereitet wurde.« Er holte wiederum Atem. »Meist war es Hühnerbrühe.«

»So. Dieser Wondra bist du also«, sagte der Cervenka. »Schön, daß du jetzt da bist. Läßt man dich hier auch Pfeffer stoßen und den Braten wenden?«

Der Wirt trat einen Schritt zurück und beschrieb mit seinem Arm einen weiten Bogen, um auszudrücken, wie groß sein Herrschaftsbereich sei und daß er über die große und die kleine Schankstube, den Garten, die Küche, die Geschirr* und Vorratskammer und über den Weinkeller zu gebieten hatte.

»Hier«, sagte er aufgeregt und stolz, »mache ich alles. Ich habe den >Hecht< im vorigen Jahr von meinem Vater übernommen.«

»Wenn du also hier alles machst, dann bring mir jetzt, was ich angeschafft habe«, bedeutete ihn der Cervenka, der in ihm nicht den Wirt und Kleinseitner Bürger, sondern nur den Küchenjungen von einstmals sah. »Aber rasch, oder man wird dir Beine machen.«

»Lauf! Lauf!« raunte der Brouza dem verdutzten Wirt zu. »Ich kenne ihn. Er hat's nicht gern, wenn man ihn warten läßt.«

»Die Gabe der Prophetie habe ich bei Seiner Majestät niemals wahrgenommen«, äußerte sich jetzt der Barbier Svatek, der über diesen Gegenstand eine ganze Weile nachgedacht hatte. »Um die Wahrheit zu sagen, — oftmals hatte er sogar Mühe, sich in der Gegenwart zurechtzufinden, der arme Herr. Wann hat er dir denn das gesagt, das mit dem Kopf des Doktor Jessenius? War es vor oder nach der Zeit, in der wir drei, die wir hier zusammensitzen, die Geschäfte des Königreiches führten?«

Etliche Leute an den Nachbartischen, die diese Worte gehört hatten, steckten flüsternd die Köpfe zusammen oder tauschten Blicke miteinander. Den Lautenspieler Kasparek verdroß dies.

»Du kannst auch deinen Mund nicht halten«, wies er den Barbier zurecht. »Du weißt, daß ich solche Reden nicht gerne höre. Zumal jetzt, wo denen, die einst groß und mächtig waren, die Köpfe so locker auf den Schultern sitzen.«

»Richtig! Richtig! Das, was ich immer gesagt habe«, ließ sich der Brouza vernehmen, und dabei fuhr er sich mit der Hand rings um den Hals, als wäre er nicht sicher, ob sein Kopf noch dort säße.

»Es war, als alles schon vorüber war«, sagte, in Gedanken versponnen, der alte Kammerdiener. »Du, Kasparek, warst bereits in der Ungnade. Es war, als mein allergnädigster Herr das Königreich und den geheimen Schatz und all seinen Glanz und seine Macht verloren hatte. Als er in seiner letzten Krankheit darnieder lag. Er war gänzlich von Kräften gekommen, denn dieser Mensch, der Doktor Jessenius, von dem sie fabelten, daß er die paracelsischen Geheimnisse besäße, hatte ihn vier Tage lang mit hartem Fasten gepeinigt.«

»Er hat sich also«, erklärte der Barbier, »an die Vorschrift des Galenus gehalten, die besagt, daß man bei hohem Fieber dem Begehren des Kranken, was Speise und Trank betrifft, nicht allzusehr nachgeben soll.«

Der Kammerdiener schnitt den Rettich, den der Wirt ihm gebracht hatte, in dünne Scheiben.

»Er war«, fuhr er fort, »Seiner Majestät gegenüber von einer verdrießlichen Strenge. Ich weiß nichts von diesem Galenus, ich versteh' mich nicht auf die ärztliche Kunst, aber das eine weiß ich: Einmal im Tag ein wenig Fleischbrühe und morgens, mittags und abends drei Löffel guten Malagaweins, das hätte genügt, um Seine Majestät bei Kräften zu erhalten.«

»Ich, wenn ich Fieber habe, esse nichts anderes als gekochten Flußfisch, der bekommt mir recht wohl«, berichtete der Wirt, der sich wieder an den Tisch herangemacht hatte.

Der Kammerdiener des Kaisers sah ihn unwillig und böse an.

»Danach hat dich keiner gefragt. Was ist dir denn zu Kopf gestiegen, daß du dein lumpiges Fieber mit dem seiner Majestät zusammentust? Ihr Burschen aus der Küche meint, Ihr müßtet auf jeden Braten Eure Tunke schütten.«

Er wandte sich an den Barbier.

»Du, Svatek, warst doch oben, warst mit mir in Seiner Majestät Krankenstube, du mußt es doch wissen. Erinnerst du dich nicht an den Tag, da der Jessenius in die Stube trat und schrie und lärmte, das Unkraut müsse hinweg?«

»Ja. Das weiß ich noch als wäre es gestern gewesen«, berichtete der Barbier. »Da Seine Majestät weder bei Tag noch bei Nacht Schlaf zu finden vermochte und immer sich umherwarf und stöhnte, hatte ich mit Consens Seiner Gnaden, des obersten Burggrafen, Blätter und Stengel des Nachtschattens und des Bilsenkrauts aus dem Apothekergärtlein geholt und den Boden damit bestreut, denn der Geruch dieser Kräuter nimmt den Kopf ein und zieht den Schlaf herbei. Auch hatte ich ein mit Katzenblut getränktes Tüchlein um Seiner Majestät Stirne geschlagen, denn auch das befördert den Schlaf, und man soll doch dem Kranken auf jede Art zu Hilfe kommen. Da, als Seiner Majestät Atem schon ruhiger ging und auch kein Ächzen und Keuchen mehr zu vernehmen war, da kam der Doktor Jessenius ...«

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