Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Warum von der Gassen?« wendete er ein. »Der Engel Gottes kann ihn ebensogut aus der Stube oder aus dem Laden holen.«
»Da hast du recht«, gab der Jäckele-Narr zu. »Gold und Silber muß er lassen, wenn ihn der Tod bekommt zu fassen.« »Bekommt zu fassen, das will mir auch nicht recht gefallen, es klingt grob«, erklärte der Koppel-Bär. »Wie wäre es so: Gold und Silber läßt er stehen, wenn Gott ihn heißt von hinnen gehen, — klingt das nicht besser?«
».. .wenn Gott ihn heißt von hinnen gehen, — ja, das klingt nicht schlecht«, räumte der Jäckele-Narr ein. »Man hat mir gesagt, daß er in kurzem wieder ehelich werden will, der Mendl Raudnitz. Aber ob ich bei dieser Hochzeit werd' aufspielen können, da ich nun weiß, daß er so bald — wie sagtest du? — von hinnen gehen muß, und ob mir auch nur ein einziger guter Spaß gelingen wird ...«
»Mit wem will er ehelich werden?« wollte der KoppelBär wissen.
»Ich müßt' erst darüber nachdenken, ob man mir es gesagt oder nicht gesagt hat«, gab der Jäckele-Narr zur Antwort. »Aber wenn man es mir gesagt hat, so hab' ich es vergessen.«
»Du kannst auch nichts im Kopf behalten«, schalt der Koppel-Bär mit ihm. »Alles mußt du hören, alles erfahren, was dich angeht und was dich nichts angeht, immer bist du auf der Gassen, um etwas aufzuschnappen, und wenn wo zwei zusammenstehen, bist du der dritte. Und dann vergißt du alles, was du gehört hast und was du nicht gehört hast, nichts bleibt dir im Kopf und eines Tages wirst du nicht wissen, wer du bist und wie du heißt.«
»Jakob, Sohn des Juda, den sie den Jäckele-Narr nennen! Dich rufe ich«, erklang die Stimme.
»Der sich sein Leben lang mit seiner Geige ernährt hat. Der auch oft am geheiligten Sabbat zu Gottes Ehr und Preis in der Schul aufgespielt hat, daß jedermann seine Freude daran hatte«, erläuterte die andere Stimme, als gäbe es in der Judenstadt oder sonst irgendwo im Land noch einen zweiten Jäckele-Narr, der mit diesem nicht verwechselt werden sollte.
»Jakob, Sohn des Juda! Du bist gerufen«, kam die erste Stimme wieder.
Da war eine Minute lang ein banges Schweigen und dann sagte, zutiefst erschrocken, aber dennoch gefaßt, der Jäckele-Narr:
»Gelobt seist Du, ewiger und gerechter Richter! Dein Tun ist ohne Fehle.«
»Allmächtiger!« schrie der Koppel-Bär auf. »Hab' ich recht gehört? Was ist mit dir geschehen, Jäckele-Narr? Was will man von dir?«
Allgütiger! Schenk mir jetzt eine Lüge! flehte der Jäckele-Narr zu Gott, doch nichts fand sich, womit er den Koppel-Bär auch nur für einen Augenblick hätte täuschen und betrügen können. Und so sagte er, indem er sich bemühte, seiner Stimme einen gleichmütigen Ton zu geben:
»Was soll geschehen sein? Man hat mir bestätigt, daß jedermann seine Freude daran hatte, wenn ich am Sabbat in der Schul aufspielte. Das ist eine große Ehre, — gönnst du sie mir nicht?«
»Ich vergönn' dir die Ehr' und daß du sollst leben und gesund sein. Aber sie haben dich gerufen! Hast du's denn nicht gehört?« jammerte und schluchzte der Koppel-Bär.
»Ich hab' es gehört, ich bin nicht taub«, erklärte der Jäkkele-Narr. »Aber ich weiß nicht, — mir ist gar nicht so zumut', als ob ich schon der anderen Welt angehörte, ich fühle mich recht munter. Auf mein Wort, Koppel-Bär, — ich trau' der Sache nicht. Da liegt ein Irrtum vor, — oder steckt am Ende ein Betrug dahinter? War es dir nicht auch, als ob du die beiden Stimmen kennen müßtest?«
Aber die Lüge, die er nun endlich gefunden hatte, wollte nicht verfangen, das Weinen und Lamentieren des KoppelBär nahm kein Ende. Und so versuchte es der Jäckele-Narr mit einem anderen Trost.
»Hör mich an, Koppel-Bär!« begann er. »Hast du nicht heut bei dem Hochzeitsessen den Leuten das Lied aufgespielt und gesungen: >Wenn uns klingt in der Tasche Geld, gibt es für uns keine schönere Welt?< Nun merk auf: An Geld wird es uns nicht fehlen. Ich wollt' es dir schon lange sagen, nur aus Vergeßlichkeit hab' ich es bis heute anstehen lassen. Ich hab' mir zwei und einen halben Gulden Erspartes beiseite gelegt, damit wollen wir uns jetzt gute und vergnügte Tage machen. Du hast sie heute auftragen gesehen Hühner, Feldhühner, Enten und Gänse, wir allein aßen nicht davon, für uns war es unreine Speise. Dafür gehst du morgen mit mir auf den Markt und wir kaufen für den Sabbat einen Kapphahn ein oder eine Gans, denn ich will auch mal wissen, wie schmeckt ein guter Bissen.«
»Schweig mir davon, ich will's nicht hören, für mich gibt es keinen guten Tag mehr«, klagte der Koppel-Bär. »Für mich gilt, was geschrieben steht: Asche wird meine Speise sein, und mit Tränen werde ich meinen Trank mischen. Wenn ich daran denke, daß sie dich in schlechte Leinwand gehüllt hinaustragen werden ...«
Der Jäckele-Narr tat so, als wäre es nur die schlechte Beschaffenheit der Totenlaken, die dem Koppel-Bär Kummer bereitete.
»Mach doch von der Leinwand nicht so viel Aufhebens, sie mag gut sein oder schlecht«, sagte er. »Was willst du denn, du weißt ja, daß die Beerdigungs-Bruderschaft drei Kreuzer und nicht mehr für die Elle zahlt, wenn es sich um ein Armenbegräbnis handelt. Wie soll da die Leinwand anders als grau und zerschlissen sein! Für drei Kreuzer die Elle darfst du nicht zu viel verlangen. Ja, wenn ich der Mordechai Meisl wäre! Den werden sie dereinst in schwerem Doppeldamast, von dem die Elle einen halben Gulden kostet, zu Grabe tragen.«
»Den Mordechai, Sohn des Samuel, rufe ich. Der sich auch Markus nennt«, erscholl die Stimme.
»Der ein armer Mann ist«, setzte die andere Stimme fort. »Der nicht einen halben Gulden im Hause hat. Der nichts besitzt, nichts sein eigen nennt.«
»Mordechai, Sohn des Samuel! Du bist gerufen«, ließ sich die erste Stimme noch einmal vernehmen.
»Hast du's gehört, Jäckele-Narr?« rief der Koppel-Bär.
»Der Mordechai Meisl! Der große Handelsherr! Auch der ist gerufen.«
»Ja, auch der Mordechai Meisl«, sagte der Jäckele-Narr und dabei begann er leise vor sich hinzulachen. »Der ein armer Mann ist, — hast du das auch gehört? Der nichts sein eigen nennt, — was hältst du davon? Merkst du nicht etwas, Koppel-Bär?«
»Ja, das ist sonderbar, ich versteh' es nicht. Was hat das zu bedeuten?« fragte verwirrt der Koppel-Bär. »Daß er.. . daß du ...«
»Daß da unten zwei sind, die sich einen Spaß mit uns gemacht haben, einen recht albernen Spaß«, erklärte ihm der Jäckele-Narr. »Und jetzt führen sie einfältige Reden. Oder is^t es nicht einfältig, zu sagen, daß der Mordechai Meisl ein armer Mann ist und nicht einen Gulden im Hause hat? Der Mordechai Meisl, dem das Geld aus allen Ländern zuläuft, — der ein armer Mann? Das sind Narren, die so ungereimtes Zeug schwätzen. Du bist den beiden auf den Leim gegangen, Koppel-Bär, aber mir war es von Anfang an, als müßt ich ihre Stimmen kennen.«
»Und du kennst sie?« rief der Koppel-Bär und haschte nach diesem Fünkchen einer Hoffnung.
»Der Libmann Hirsch, der Goldsticker, — da hast du den einen«, sagte der Jäckele-Narr. »Du erinnerst dich doch, — er hat den Auftrag bekommen, die Stickerei auf der brokatenen Fahne, die in der Altneuschul hängt, auszubessern. Dazu hat er die heutige Nacht verwendet, und damit ihm bei der Arbeit die Zeit nicht lang wird, hat er sich seinen Vetter, den Haschel Selig mitgebracht, du weißt, den Knopfmacher, die beiden stecken ja immer zusammen.« »Da könntest du, meine ich, recht haben«, sagte nachdenklich und mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung der Koppel-Bär.
»Sie haben uns kommen gehört«, fuhr der Jäckele-Narr fort, und er wurde dessen immmer mehr sicher, daß seine Erklärung richtig, ja, daß sie die einzig mögliche sei, »laut genug haben wir geredet, da haben sie sich diesen Spaß ausgedacht, wollten sich ein Gelächter aus uns machen.«