Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
XI
Die Theateraufführung
Am dritten Feiertag abends fand die erste Vorstellung in unserem Theater statt. Es gab wohl vorher sehr viel Arbeit, aber die Schauspieler hatten alles auf sich genommen, so daß wir übrigen vom Stande der Sache gar nichts wußten. Wir wußten nicht, was vor sich ging, und nicht einmal, was aufgeführt werden sollte. Die Schauspieler hatten sich an allen diesen drei Tagen, wenn sie zur Arbeit gingen, bemüht, möglichst viele Kostüme aufzutreiben. Wenn Bakluschin mir begegnete, schnippte er vor Vergnügen nur mit den Fingern. Auch der Platzmajor schien ordentlich in Stimmung geraten zu sein. Uns war es übrigens gänzlich unbekannt, ob er vom Theater etwas wußte. Und wenn er etwas wußte, ob er es in aller Form gestattete oder sich nur entschlossen hatte zu schweigen, sich um das Vorhaben der Arrestanten nicht zu kümmern und ihnen natürlich nur einzuschärfen, daß alles ja in Ordnung verlaufe? Ich glaube, er wußte wohl vom Theater; es wäre kaum möglich, daß er es nicht wüßte; aber er wollte sich wohl nicht einmischen, da er einsah, daß es vielleicht schlimmer wäre, wenn er die Aufführung untersagte; dann würden die Sträflinge dumme Streiche machen und zu trinken anfangen, so daß es viel besser war, wenn sie eine Beschäftigung hatten. Übrigens setzte ich diese Erwägung beim Platzmajor nur deshalb voraus, weil sie die natürlichste, richtigste und gesündeste ist. Man kann sogar so sagen: wenn die Sträflinge in den Feiertagen das Theater oder eine andere Beschäftigung dieser Art nicht hätten, so müßte die Obrigkeit selbst eine erfinden. Da aber unser Platzmajor sich durch eine Denkweise auszeichnete, die der der übrigen Menschheit direkt entgegengesetzt war, so ist es sehr wohl möglich, daß ich schwer gegen die Wahrscheinlichkeit sündige, wenn ich annehme, daß er vom Theater etwas wußte und es erlaubte. So ein Mensch wie unser Platzmajor mußte immer jemand bedrücken, etwas versagen, jemand entrechten, mit einem Wort, überall Ordnung schaffen. In dieser Beziehung war er in der ganzen Stadt bekannt. Was kümmerte es ihn, daß diese Bedrückung die Sträflinge zu dummen Streichen verleiten könnte? Gegen dumme Streiche gibt es ja Strafen (urteilen solche Menschen wie unser Platzmajor), im Umgange mit diesen schuftigen Sträflingen ist aber nur die größte Strenge am Platze und eine ununterbrochene und buchstäbliche Befolgung der Gesetze: das ist alles, was verlangt wird! Diese talentlosen Vollstrecker des Gesetzes begreifen nicht und sind auch nicht imstande, zu begreifen, daß seine bloße buchstäbliche Erfüllung, ohne Sinn und ohne Verständnis für seinen Geist, direkt zu Unordnungen führen muß und zu etwas anderem niemals geführt hat. »So steht es im Gesetz, was will man noch mehr?« sagen sie und wundern sich aufrichtig, wenn man von ihnen zu den Gesetzen auch noch gesunden Menschenverstand und einen klaren Kopf verlangt. Besonders das letztere erscheint vielen von ihnen als ein überflüssiger und empörender Luxus, als Zwang und Intoleranz.
Wie dem auch sei, der älteste Unteroffizier widersprach den Sträflingen nicht, und das war alles, was sie wollten. Ich behaupte positiv, daß die Theateraufführung und die Dankbarkeit dafür, daß man sie erlaubte, den Grund dafür bildeten, daß es in den Feiertagen keine einzige nennenswerte Unordnung im Zuchthause gab; es gab keinen einzigen bösartigen Streit, keinen einzigen Diebstahl. Ich war Zeuge, wie die Sträflinge selbst ihre gar zu übermütig gewordenen oder in Streit geratenen Kameraden zur Vernunft brachten, einzig mit der Begründung, daß sonst das Theater verboten werden würde. Der Unteroffizier ließ sich von den Sträflingen das Wort geben, daß alles ruhig verlaufen würde und alle sich gut aufführen wollten. Sie willigten mit Freuden ein und hielten ihr Versprechen heilig; es schmeichelte ihnen, daß man ihrem Wort glaubte. Es ist übrigens zu bemerken, daß die Genehmigung des Theaters der Obrigkeit gar keine Opfer gekostet hatte. Das Theater erforderte keinen besonderen Platz und wurde in einer Viertelstunde aufgebaut und wieder auseinandergenommen. Die Aufführung dauerte anderthalb Stunden, und wenn plötzlich der Befehl von oben käme, die Aufführung abzubrechen, so wäre dies in einem Augenblick geschehen. Die Kostüme lagen in den Koffern der Sträflinge versteckt. Aber bevor ich erzähle, wie das Theater eingerichtet war und was es für Kostüme gab, will ich über den Theaterzettel berichten, d. h. was gespielt werden sollte.
Einen geschriebenen Theaterzettel gab es eigentlich nicht. Bei der zweiten und dritten Vorstellung tauchte aber ein solcher auf: Bakluschin hatte ihn für die Herren Offiziere und sonstigen vornehmen Gäste, die unser Theater schon bei der ersten Aufführung mit ihrem Besuche beehrten, eigenhändig geschrieben. Es kam so: von den Herrschaften kam gewöhnlich der Wachoffizier und einmal sogar der diensthabende Offizier, der die Wachen unter sich hatte. Einmal kam auch der Ingenieuroffizier; für solche Besucher war eben der Theaterzettel entstanden. Man glaubte, daß der Ruhm des Zuchthaustheaters sich weit in der Festung und sogar in der Stadt verbreiten würde, um so mehr als es in der Stadt kein Theater gab. Man hatte nur einmal etwas von einer Liebhaberaufführung gehört. Die Sträflinge freuten sich wie die Kinder über den geringsten Erfolg und waren sogar stolz darauf. »Wer weiß,« dachten und sagten sie bei sich und untereinander, »vielleicht erfährt auch die höchste Behörde etwas davon; sie werden kommen und sehen, was die Sträflinge für Menschen sind. Es ist doch keine gewöhnliche Soldatenaufführung mit Tiermasken, schwimmenden Booten, herumspazierenden Bären und Ziegen. Hier sind Schauspieler, richtige Schauspieler, welche herrschaftliche Komödien spielen; ein solches Theater gibt es nicht einmal in der Stadt. Man sagt, daß beim General Abrossimow einmal eine Vorstellung stattgefunden hat und wieder einmal eine stattfinden wird; die werden höchstens bessere Kostüme haben, was aber die Gespräche betrifft, so weiß man nicht, ob sie uns darin übertreffen werden! Auch der Gouverneur wird es erfahren, vielleicht wird er selbst den Wunsch haben, sich die Sache, anzusehen; es ist ja alles möglich! In der Stadt gibt es doch kein Theater...« Kurz gesagt, die Phantasie der Sträflinge erreichte, besonders nach dem ersten Erfolg, während der Feiertage den höchsten Grad: sie malten sich beinahe Belohnungen und Herabsetzung ihrer Strafzeit aus, obwohl sie zugleich über sich selbst recht gutmütig spotteten. Mit einem Worte, sie waren Kinder, durchaus Kinder, obwohl einige von diesen Kindern schon vierzig Jahre alt waren.
Obwohl es also keinen Theaterzettel gab, kannte ich schon in den Hauptzügen das Programm der geplanten Aufführung. Das erste Stück hieß: »Filatka und Miroschka als Nebenbuhler.« Bakluschin hatte mir schon eine Woche vor der Vorstellung vorgeprahlt, daß die Rolle Filatkas, die er selbst übernommen hatte, so gespielt werden würde, wie man sie selbst im Sankt-Petersburger Theater noch nie gesehen hätte. Er ging in den Kasernen umher, renommierte skrupel- und schamlos, zugleich aber ebenso harmlos; zuweilen gab er auch etwas auf »Theaterart«, d. h. aus seiner Rolle zum besten, und alle lachten, ganz gleich, ob es wirklich komisch war oder nicht. Es ist übrigens zu bemerken, daß die Arrestanten auch darin ihre Würde zu wahren wußten: über die Auftritte Bakluschins und seine Erzählungen von der bevorstehenden Aufführung entzückten sich nur die allerjüngsten Grünschnäbel, Leute ohne jede Haltung, sowie nur die Angesehensten unter ihnen, deren Autorität so unerschütterlich feststand, daß sie sich nicht zu schämen brauchten, ihre Empfindungen zu äußern, selbst wenn diese von der naivsten (d. h. nach den Zuchthausbegriffen unziemlichsten) Art waren. Die übrigen aber hörten dem Gerede schweigend zu; sie verurteilten es zwar nicht und widersprachen ihm nicht, gaben sich aber doch die größte Mühe, den Theatergerüchten gegenüber Gleichgültigkeit und sogar Hochmut zur Schau zu tragen. Nur im allerletzten Moment, fast am Tage der Vorstellung selbst, fingen alle sich zu interessieren an: Was wird es geben? Wie werden sich die Unsrigen bewähren? Was wird der Platzmajor dazu sagen? Wird es ebensogut gelingen wie im letzten Jahre? usw. Bakluschin versicherte mich, daß alle Schauspieler vortrefflich ausgewählt seien und »ein jeder auf seinem Platze stehe«. Daß man selbst einen Vorhang habe und daß Ssirotkin Filatkas Braut spielen werde. »Sie werden ja selbst sehen, wie er sich in Frauenkleidern macht!« sagte er, indem er mit den Augen zwinkerte und mit der Zunge schnalzte. »Die wohltätige Gutsbesitzerin wird ein Kleid mit Falbeln, eine Pelerine und einen Sonnenschirm in der Hand haben, der wohltätige Gutsbesitzer aber wird in einem Offiziersrock mit Fangschnüren und einem Rohrstöckchen auftreten.«