Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Endlich ging der Vorhang auf. Alle gerieten in Bewegung, ein jeder trat von dem einen Fuß auf den andern, die Hintersten stellten sich auf die Fußspitzen, einer fiel von seinem Holzscheit herunter, alle rissen Mund und Augen auf, und eine vollständige Ruhe trat ein. Die Vorstellung begann.
Neben mir stand Alej in einer Gruppe mit seinen Brüdern und den übrigen Tscherkessen. Sie alle hatten am Theater leidenschaftlichen Geschmack gefunden und besuchten es jeden Abend. Alle Muselmänner, Tataren usw. sind leidenschaftliche Liebhaber von Schauspielen jeder Art. Neben ihnen fand auch Issai Fomitsch Platz, der nun ganz Ohr und Auge und die naivste, gierige Erwartung von Wundern und Genüssen geworden zu sein schien. Es wäre mir wirklich leid, wenn er in seinen Erwartungen getäuscht worden wäre. Das liebe Gesicht Alejs strahlte in einer solchen kindlichen, schönen Freude, daß es mir, ich gestehe es, ein wahres Vergnügen war, ihn anzusehen, und ich erinnere mich noch, wie ich, sooft bei irgendeinem drolligen und geschickten Spaß eines Schauspielers ein allgemeines Gelächter ertönte, mich sofort zu Alej umwandte und ihm ins Gesicht blickte. Er sah mich nicht, seine Aufmerksamkeit war von anderen Dingen gefesselt! Gar nicht weit von mir stand links ein älterer, immer mürrischer, unzufriedener und brummiger Arrestant. Auch er war auf Alej aufmerksam geworden, und ich sah, wie er sich einige Male halb lächelnd nach ihm umwandte, um ihn anzublicken: so nett war der Tscherkesse! Jemand nannte ihn, ich weiß nicht warum, mit dem russischen Vatersnamen »Alej Ssemjonowitsch«. Man fing mit »Filatka und Miroschka« an. Filatka (Bakluschin) war wirklich großartig. Er spielte seine Rolle mit wunderbarem Takt. Man sah, daß er sich jeden Satz, jede seiner Bewegungen überlegt hatte. Jedem noch so unbedeutendem Wort, jeder Geste verstand er einen Sinn und eine Bedeutung zu verleihen, die dem Charakter der Rolle vollkommen entsprachen. Wenn man sich zu diesen Bemühungen, zu diesem sorgfältigen Studium der Rolle seine wunderbare, ungekünstelte Heiterkeit, Natürlichkeit und Echtheit hinzudenkt, wird man beim Anblick Bakluschins unbedingt zugeben müssen, daß er ein echter, geborener Schauspieler mit großem Talente war. Den »Filatka« habe ich mehrmals auf den Moskauer und Petersburger Bühnen gesehen, und ich behaupte entschieden, daß die großstädtischen Schauspieler, die den »Filatka« darstellten, durchaus schlechter waren als Bakluschin. Im Vergleiche mit ihm waren sie »Paysans« und keine echten Bauern. Sie wollten zu sehr den Bauern spielen. Bakluschin wurde außerdem durch die Konkurrenz angeregt: es war allen bekannt, daß im zweiten Stück die Rolle des Kedrill dem Arrestanten Pozejkin zugeteilt war, einem Schauspieler, den alle aus irgendeinem Grunde für begabter und besser als Bakluschin hielten, und Bakluschin litt darunter wie ein Kind. In den letzten Tagen war er gar oft zu mir gekommen und hatte bei mir sein Herz erleichtert. Zwei Stunden vor der Vorstellung schüttelte ihn Fieberfrost. Als die Menge lachte und ihm zurief: »Bravo, Bakluschin! Gut, Bakluschin!«, strahlte sein Gesicht vor Glück, und in seinen Augen leuchtete echte Begeisterung. Die Kußszene mit Miroschka, wo ihm Filatka zuruft: »Wisch dir erst den Mund ab!« und sich auch selbst den Mund abwischt, geriet ungemein komisch. Alle wälzten sich vor Lachen. Am meisten interessierten mich aber die Zuschauer: alle Herzen standen offen. Alle gaben sich ungehemmt dem Genusse hin. Beifallsrufe wurden immer häufiger. Da stößt einer seinen Nachbarn in die Seite und teilt ihm in aller Eile seine Eindrücke mit, ohne sich darum zu kümmern und selbst ohne zu sehen, wer dieser Nachbar ist; ein anderer wendet sich bei einer besonders lustigen Szene plötzlich entzückt zu der Menge um, läßt seinen Blick schnell über alle Gesichter gleiten, als wolle er alle zum Lachen auffordern, winkt mit der Hand und dreht sich gleich wieder zur Bühne um. Ein dritter schnalzt einfach mit der Zunge und den Fingern und kann nicht ruhig auf seinem Platze stehen; da er aber keinen Schritt zu machen vermag, so tritt er von einem Fuß auf den andern.
Gegen den Schluß des Stückes erreichte die allgemeine heitere Stimmung ihren Höhepunkt. Ich übertreibe es nicht. Man stelle sich das Zuchthaus vor, die Ketten, die Unfreiheit, die vielen traurigen Jahre in der Zukunft, das Leben, so eintönig wie ein trüber herbstlicher Regentag, – und plötzlich wurde allen dieser bedrückten, gefangenen Menschen gestattet, sich eine Stunde lang gehen zu lassen, sich zu vergnügen, den schweren Traum zu vergessen, eine richtige Theatervorstellung zu veranstalten, und zwar eine, die der ganzen Stadt zu Stolz und Bewunderung gereicht: – ja, so sind unsere Arrestanten! Alles erregte natürlich ihr Interesse, z. B. auch die Kostüme. Es war ihnen außerordentlich interessant, irgendeinen Wanjka Otpjetyi oder Nezwetajew oder Bakluschin in ganz anderer Kleidung zu sehen als der, in welcher man ihn schon seit so vielen Jahren täglich sah. »Er ist ja Arrestant, genau wie ich, man hört seine Ketten klirren, und da tritt er in einem Rock, runden Hut und Mantel auf, ganz wie ein Zivilist! Er hat sich einen Schnurrbart und Haar angeklebt. Jetzt zieht er ein rotes Tüchlein aus der Tasche, fächelt damit, er stellt einen vornehmen Herrn dar und ist wirklich ganz wie ein vornehmer Herr!« Und alle sind begeistert.
Der »wohltätige Gutsbesitzer« trat in einer, wenn auch sehr abgetragenen Adjutantenuniform auf, mit Epauletten, einer Mütze mit Kokarde und machte einen ungewöhnlichen Effekt. Für diese Rolle gab es zwei Bewerber, und – sollte man es glauben, – beide stritten sich wie kleine Kinder herum, wer sie spielen sollte, beide wollten sich gar zu gern in Offiziersuniform mit Fangschnüren zeigen! Die übrigen Schauspieler schlichteten den Streit und beschlossen mit Stimmenmehrheit, diese Rolle dem Nezwetajew zu geben, nicht etwa weil er hübscher und ansehnlicher als der andere wäre und daher eher einem wirklichen Herrn gliche, sondern weil Nezwetajew allen versichert hatte, daß er mit einem Rohrstöckchen auftreten und mit demselben wie ein echter Herr und Stutzer fuchteln und auf der Erde zeichnen würde, wie es Wanjka Otpjetyi niemals darstellen könne, weil er echte Herrschaften niemals gesehen habe. Und in der Tat: als Nezwetajew mit seiner Dame vor das Publikum trat, tat er nichts anderes, als mit seinem dünnen Rohrstöckchen, das er sich irgendwo verschafft hatte, mit großer Geschwindigkeit auf der Erde zu zeichnen, worin er wahrscheinlich die Merkmale höchster Vornehmheit und Eleganz erblickte. Wahrscheinlich hatte er einmal in seiner Kindheit als barfüßiger Bauernjunge einen schöngekleideten Herrn mit einem Rohrstöckchen gesehen und war von der Kunstfertigkeit, mit der jener das Stückchen drehte, dermaßen gefesselt worden, daß dieser Eindruck für alle Ewigkeit unauslöschlich in seiner Seele haften geblieben war; und nun gab er mit seinen dreißig Jahren zum Ergötzen des Zuchthauses alle so wieder, wie er es einst gesehen hatte. Nezwetajew war dermaßen in diese Betätigung vertieft, daß er auf nichts und niemand sah, selbst beim Sprechen nicht aufblickte und ununterbrochen die Spitze seines Rohrstöckchens im Auge behielt. Die »wohltätige Gutsbesitzerin« war in ihrer Art gleichfalls bemerkenswert: sie erschien in einem alten, abgetragenen Tüllkleide, das mehr wie ein Fetzen aussah, mit bloßen Armen und bloßem Hals, mit entsetzlich gepudertem und geschminktem Gesicht, mit einem am Kinn festgebundenen Nachthäubchen aus Kattun, mit einem Sonnenschirm in der einen Hand und einem Fächer aus bemaltem Papier in der andern, mit dem sie unaufhörlich fächelte. Eine Lachsalve begrüßte die Dame; auch die Dame selbst hielt es nicht aus und fing einige Male zu lachen an. Die Dame spielte der Arrestant Iwanow. Ssirotkin, als junges Mädchen verkleidet, war sehr nett. Die Kuplets gerieten gut. Mit einem Worte, das Stück endete zur größten allgemeinen Zufriedenheit. Eine Kritik gab es nicht und konnte es auch nicht geben.