Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Darauf sollte ein zweites Stück folgen: »Der Vielfraß Kedrill«. Dieser Titel interessierte mich sehr, aber soviel ich auch nach dem Inhalt fragte, konnte ich doch nichts vorher erfahren. Ich wurde nur inne, daß es nicht aus einem Buch, sondern aus einer »Handschrift« stammte; daß man das Stück von einem alten Unteroffizier aus der Vorstadt bekommen habe, der wahrscheinlich einmal selbst bei der Aufführung auf einer Soldatenbühne mitgewirkt hatte. Es gibt bei uns in den entlegenen Städten und Gouvernements tatsächlich solche Theaterstücke, die niemand kennt und die wohl auch nirgends veröffentlicht sind, die aber von selbst irgendwoher entstanden sind und zum eisernen Bestand eines jeden »Volkstheaters« gehören. Es wäre gut, wenn sich jemand unter unsern Gelehrten neuen und sorgfältigeren Forschungen über unser Volkstheater widmen wollte, welches existiert und vielleicht durchaus nicht ganz unbedeutend ist. Ich kann nicht glauben, daß alles, was ich in unserem Zuchthaustheater zu sehen bekam, von den Sträflingen selbst erfunden worden sei. Es ist hier sicher eine Überlieferung anzunehmen, es sind feststehende Kunstgriffe und Anschauungen dabei, die von Geschlecht zu Geschlecht aus dem Gedächtnis weitergegeben werden. Man muß dies alles bei den Soldaten, den Fabrikarbeitern, in den Fabrikstädten und sogar in manchen unbekannten armen Städtchen bei den Kleinbürgern suchen. Die Überlieferung hat sich auch auf dem Lande und in den Gouvernementsstädten unter den Leibeigenen der Gutsbesitzer erhalten. Ich glaube sogar, daß viele alte Stücke ihre handschriftliche Verbreitung in Rußland nur durch das leibeigene Hausgesinde der Gutsbesitzer gefunden haben. Die Gutsbesitzer und Moskauer Magnaten der alten Zeit hielten sich Theatertruppen aus leibeigenen Schauspielern. Aus diesen Bühnen ist wohl auch unsere volkstümliche Theaterkunst entstanden, deren Eigentümlichkeiten unverkennbar sind. Was aber das Stück »Der Vielfraß Kedrill« betrifft, so konnte ich trotz meiner Bemühungen, vorher nicht mehr darüber erfahren, als daß darin böse Geister auftreten und den Kedrill in die Hölle schleppen. Aber was bedeutet der Name »Kedrill«, und weshalb Kedrill und nicht Kyrill? Ob sein Ursprung russisch oder ausländisch ist, konnte ich nicht feststellen.
Zum Schluß sollte eine »Pantomime mit Musik« kommen. Dies alles war natürlich sehr interessant. Schauspieler waren an die fünfzehn Mann, lauter gewandte und tapfere Jungen. Sie waren sehr geschäftig, hielten ihre Proben, manchmal hinter der Kaserne, versteckten sich und taten heimlich. Mit einem Worte, sie wollten uns alle durch etwas Ungewöhnliches und Unerwartetes verblüffen.
An Wochentagen wurde das Zuchthaus früh, gleich nach Anbruch der Dunkelheit geschlossen. Aber am Weihnachtstage machte man eine Ausnahme: es blieb bis zum Zapfenstreich offen. Diese Vergünstigung galt eigentlich nur dem Theater. Wahrend der Feiertage schickte man gewöhnlich jeden Abend zum Wachoffizier mit der ergebensten Bitte, »das Theater zu erlauben und das Zuchthaus möglichst lange offen zu lassen,« und dem Bemerken, daß auch am vorhergegangenen Tage eine Aufführung gewesen und das Zuchthaus erst spät geschlossen worden sei, ohne daß Unordnungen vorgekommen wären. Der Wachoffizier sagte sich: »Gestern ist wirklich keinerlei Unordnung vorgekommen; da sie aber selbst versprechen, daß es auch heute keine geben wird, so werden sie selbst auf sich aufpassen, und das ist das Sicherste. Außerdem: wenn ich die Aufführung nicht erlaube, so werden sie vielleicht aus Ärger absichtlich etwas anstellen (sie sind doch nur Zuchthäusler!), damit die Wache eine Rüge bekommt.« Schließlich kam noch die Erwägung hinzu: der Wachdienst ist langweilig, hier ist aber ein Theater, und zwar kein gewöhnliches Soldatentheater, sondern ein Zuchthaustheater; die Sträflinge sind interessante Menschen, und es kann lustig sein, ihnen zuzuschauen. Zuschauen darf aber ein Wachoffizier zu jeder Zeit.
Wenn der Diensthabende kommt und fragt: »Wo ist der Wachoffizier?«, so ist die Antwort: »Er ist ins Zuchthaus gegangen, um die Sträflinge nachzuzählen und die Kasernen zu schließen«, eine bündige Rechtfertigung. Darum erlaubten die Wachoffiziere jeden Abend während der Feiertage die Aufführung und schlossen die Kasernen nicht vor dem Zapfenstreich. Die Sträflinge wußten schon im voraus, daß die Wache keine Hindernisse in den Weg legen werde, und waren unbesorgt.
Gegen sieben Uhr kam Petrow mich abzuholen, und wir gingen gemeinsam zur Vorstellung. Aus unserer Kaserne gingen fast alle hin, mit Ausnahme des Altgläubigen aus Tschernigow und der Polen. Die Polen ließen sich erst bei der letzten Vorstellung, am 4. Januar, herab, das Theater zu besuchen, und das auch nur nach vielen Versicherungen, daß es dort nett, lustig und ungefährlich sei. Die Zuchthäusler waren durch diese Zurückhaltung in keiner Weise gekränkt, und die Polen wurden am 4. Januar mit aller Höflichkeit empfangen. Man gab ihnen sogar die besten Plätze. Was aber die Tscherkessen und besonders Issai Fomitsch betrifft, so war für sie unser Theater ein wahrer Hochgenuß. Issai Fomitsch gab jedesmal drei Kopeken, am letzten Abend legte er aber zehn Kopeken auf den Teller, wobei sein Gesicht höchste Seligkeit ausdrückte. Die Schauspieler hatten beschlossen, von den Besuchern Eintrittsgeld zu erheben, soviel jeder geben wollte, um damit die Auslagen für die Aufführung und für ihre eigene »Stärkung« zu bestreiten. Petrow versicherte, daß man mich auf einen der ersten Plätze lassen würde, so überfüllt das Theater auch wäre, weil ich reicher als die andern sei und mehr geben würde; auch weil ich mehr als alle von der Sache verstünde. So kam es auch. Aber ich will erst den Saal und die Einrichtung des Theaters beschreiben.
Unser Kasernenraum, in dem die Aufführung stattfand, war an die fünfzehn Schritt lang. Vom Hofe kam man auf die Treppe, von der Treppe in den Flur und aus dem Flur in die Kaserne. Diese lange Kaserne hatte, wie ich schon sagte, eine eigene Einrichtung: die Pritschen waren längs der Wände angeordnet, so daß die Mitte des Zimmers frei blieb. Die der Eingangstür zunächst liegende Hälfte des Zimmers war für die Zuschauer, die andere Hälfte, die mit einer anderen Kaserne in Verbindung stand, für die Bühne selbst bestimmt. Vor allem setzte mich der Vorhang in Erstaunen. Er zog sich an die zehn Schritt quer durch den ganzen Raum. Er bedeutete einen Luxus, über den man sich wirklich wundern konnte. Außerdem war er mit Ölfarbe bemalt; dargestellt waren auf ihm Bäume, Lauben, Teiche und Sterne. Er bestand aus alten und neuen Leinwandstücken, die ein jeder beigesteuert hatte, aus alten Fußlappen und Hemden, die zu einem großen Stück zusammengenäht waren; soweit die Leinwand nicht gereicht hatte, war einfach Papier verwendet worden, das man sich gleichfalls bogenweise in den verschiedenen Kanzleien und Amtsstuben zusammengebettelt hatte. Unsere Maler, unter ihnen unser »Brjullow«, A–ow, hatten es übernommen, den Vorhang anzustreichen und zu bemalen. Der Effekt war erstaunlich. Eine solche Pracht gereichte sogar den Düstersten und den Verwöhntesten unter den Arrestanten zur Freude, und sie erwiesen sich denn auch, sobald die Vorstellung begann, alle ohne Ausnahme als die gleichen Kinder, wie die Hitzigsten und Ungeduldigsten. Alle waren sehr zufrieden, sogar bis zur Prahlerei. Die Beleuchtung bestand aus einigen in Stücke geschnittenen Talglichtern. Vor dem Vorhang standen zwei Küchenbänke und vor den Bänken drei oder vier Stühle, die sich im Unteroffizierzimmer gefunden hatten. Die Stühle waren für den Fall bestimmt, daß höhere Offiziere kommen sollten; die Bänke aber standen für die Unteroffiziere, Ingenieurschreiber, Zugführer und ähnliche Personen bereit, die zwar zu den Vorgesetzten gehörten, aber keinen Offiziersrang hatten, für den Fall, daß sie ins Zuchthaus hineinschauten.