Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Da tritt in unsere Kaserne einer meiner Bekannten aus der Besonderen Abteilung, ein grenzenlos gutmütiger und lustiger Bursche, recht gescheit, harmlos spöttisch und ungewöhnlich einfältig von Aussehen. Es ist derselbe, der am ersten Tage meines Zuchthauslebens, während des Mittagessens in der Küche gesucht hatte, wo der reiche Bauer wohne, versichert hatte, daß er sein Ehrgefühl habe, und mit mir Tee getrunken hatte. Er ist an die vierzig Jahre alt, hat eine ungewöhnlich dicke Unterlippe und eine große, fleischige, mit Finnen besäte Nase. Er hält in der Hand eine Balalaika, auf deren Saiten er nachlässig klimpert. Ihm folgt wie ein Adjutant ein außergewöhnlich kleiner Arrestant mit großem Kopf, den ich bisher wenig gekannt habe. Ihm hat übrigens auch niemand anders irgendwelche Beachtung geschenkt. Er war ein merkwürdiger, mißtrauischer, ewig schweigsamer und ernster Mensch; er arbeitete in der Nähstube und gab sich offenbar Mühe, für sich allein zu leben und mit niemand zu verkehren. Jetzt hatte er sich aber in seiner Betrunkenheit wie ein Schatten an Warlamow geheftet. Er folgte ihm in schrecklicher Aufregung, fuchtelte mit den Armen, schlug mit der Faust gegen die Wand und die Pritschen und weinte beinahe. Warlamow schien ihn überhaupt nicht zu beachten, als hätte er ihn gar nicht in seiner Nähe. Es ist merkwürdig, daß diese beiden Menschen vorher fast nie einander nahegekommen sind; weder in den Beschäftigungen noch im Charakter haben sie etwas Gemeinsames. Sie gehören in verschiedene Abteilungen und wohnen in verschiedenen Kasernen. Der kleine Arrestant heißt Bulkin.
Als Warlamow mich erblickte, grinste er. Ich saß auf meinem Platz auf der Pritsche am Ofen. Er stellte sich in einiger Entfernung vor mir hin, überlegte etwas, schwankte, ging mit unsicheren Schritten auf mich zu, beugte den ganzen Körper mit Grazie vor, berührte leicht die Saiten und rezitierte, indem er den Takt leise mit dem Stiefel klopfte:
Weiß und rund, mit Feuerblicken
Ist mein Liebchen zum Entzücken,
Und wie schön sie singt!
Ist im Kleid aus weißer Seide
Eine wahre Augenweide,
Wenn sie freundlich winkt...
Dieses Lied schien Bulkin ganz aus der Fassung zu bringen; er schwang die Arme und schrie, sich an alle wendend:
»Es ist alles gelogen, Brüder, alles gelogen! Er spricht kein wahres Wort, er lügt immer!«
»Dem alten Alexander Petrowitsch!« sagte Warlamow, indem er mit schelmischem Lächeln mir in die Augen sah und beinahe Anstalten machte, mich zu küssen. Er war vollkommen betrunken. Der Ausdruck: »Dem alten so und so...« d. h. »bringe ich meine Hochachtung dar,« wird von den einfachen Leuten in ganz Sibirien gebraucht, selbst in bezug auf einen Zwölfjährigen. Das Wort »alter« bedeutet einen gewissen Respekt und hat sogar etwas Schmeichelhaftes.
»Na, wie geht's, Warlamow?«
»Man lebt halt von einem Tag zum andern. Wer sich aber über das Fest freut, der ist vom frühen Morgen an betrunken; Sie verzeihen schon!« Warlamow sprach in einem etwas singenden Tone.
»Er lügt immer, er lügt wieder!« schrie Bulkin, in einem Anfalle von Verzweiflung mit der Hand auf die Pritsche schlagend. Jener schenkte ihm aber nicht die geringste Beachtung, und das war außerordentlich komisch, weil Bulkin sich an Warlamow ohne jeden Grund schon vom frühen Morgen an geheftet hatte und ihm ständig vorwarf, daß er »immer lüge«, was er sich aus irgendeinem Grunde einbildete. Er folgte ihm wie ein Schatten, widersprach jedem seiner Worte, schlug sich die Hände an den Wänden und Pritschen fast blutig und litt sichtlich unter der Überzeugung, daß Warlamow »immer lüge!« Hätte er Haare auf dem Kopfe, so würde er sie sich vor Kummer wohl ausgerissen haben. Es war, als hätte er es sich zur Pflicht gemacht, alle Handlungen Warlamows zu verantworten, und als lasteten auf seinem Gewissen alle Mängel desselben. Das Komische aber war, daß Warlamow ihn nicht einmal ansah.
»Er lügt, er lügt, er lügt immer! Kein Wort von ihm ist wahr!« schrie Bulkin.
»Was geht es aber dich an?« fragten die Arrestanten lachend.
»Ich muß Ihnen folgendes sagen, Alexander Petrowitsch: ich bin ein hübscher Mann gewesen, und die Mädels haben mich sehr geliebt...« begann Warlamow ganz unvermittelt.
»Er lügt! Er lügt schon wieder!« unterbricht ihn Bulkin winselnd. Die Arrestanten lachen.
»Ich aber mache mir aus ihnen nicht viel! Ein rotes Hemd habe ich an und eine Plüschhose; ich liege da wie irgendein Graf Butylkin, d. h. ich bin besoffen wie ein Schwede, mit einem Wort, was will man noch mehr!«
»Er lügt!« erklärt Bulkin entschieden.
»Um jene Zeit hatte ich ein zweistöckiges steinernes Haus von meinem Vater geerbt. Nun hatte ich in zwei Jahren die zwei Stockwerke durchgebracht, und es blieb mir nur das Tor ohne die Pfosten. Nun, Geld ist halt wie eine Taube: es kommt geflogen und fliegt wieder fort!«
»Er lügt!« erklärt Bulkin noch entschiedener.
»So schickte ich neulich von hier einen Bittbrief an meine Eltern: vielleicht schicken sie mir etwas Geld. Die Leute sagten, ich hätte mich an meinen Eltern vergangen. Ich hätte sie nicht genug geachtet! Es sind schon sieben Jahre her, daß ich den Brief abgeschickt habe.«
»Und es ist noch immer keine Antwort da?« fragte ich lachend.
»Nein, noch immer keine,« antwortete er, indem er plötzlich selbst auflachte und seine Nase meinem Gesicht näherte. »Ich habe aber hier eine Geliebte, Alexander Petrowitsch...«
»Sie? Eine Geliebte?«
»Da sagte Onufrijew neulich: ›Wenn die meine auch pockennarbig und unschön ist, so hat sie dafür viele Kleider; die deinige aber ist zwar hübsch, aber arm und geht betteln.‹ «
»Ist es denn wahr?«
»Sie ist in der Tat eine Bettlerin!« antwortete er und brach in ein kaum hörbares Lachen aus; auch die andern Leute in der Kaserne lachten. Es war allen wirklich bekannt, daß er sich mit einer Bettlerin eingelassen und ihr im Laufe des halben Jahres bloß zehn Kopeken geschenkt hatte.
»Also was ist damit?« fragte ich, da ich ihn schon loswerden wollte.
Er schwieg, sah mich gerührt an und sagte zärtlich:
»Wollen Sie mir nicht aus diesem Grunde etwas für ein Fläschchen Branntwein spendieren? Ich habe ja heute nur Tee getrunken, Alexander Petrowitsch,« fügte er gerührt hinzu, das Geld einsteckend, »und habe mich mit diesem Tee so besoffen, daß ich Atemnot leide und er mir im Magen wie in einer Flasche hin und her schwankt.«
Während er das Geld in Empfang nahm, erreichte die moralische Entrüstung Bulkins anscheinend den höchsten Grad. Er gestikulierte wie verzweifelt und weinte beinahe.
»Ihr Menschen Gottes!« schrie er, sich wie rasend an die ganze Kaserne wendend. »Schaut ihn doch an! Er lügt immer! Was er auch sagt, alles ist gelogen!«
»Was geht es aber dich an?« schrien die Arrestanten, sich über seine Wut wundernd. »Bist ja ein ganz unsinniger Mensch!«
»Ich dulde es nicht, daß er lügt!« schrie Bulkin, mit den Augen funkelnd und aus aller Kraft mit der Faust gegen die Pritsche schlagend. »Ich will nicht, daß er lügt!«
Alle lachen. Warlamow nimmt das Geld, verabschiedet sich von mir und eilt aus der Kaserne, natürlich zum Branntweinverkäufer. Jetzt erst scheint er Bulkin zu bemerken.
»Na, gehen wir!« sagt er ihm, auf der Schwelle stehenbleibend, als brauchte er ihn wirklich. »Du Stockknopf!« fügt er hinzu, indem er Bulkin voller Verachtung den Vortritt läßt und wieder auf seiner Balalaika zu klimpern beginnt.
Aber was soll ich diese trunkene Atmosphäre beschreiben! Endlich nimmt dieser schwüle Tag ein Ende. Die Arrestanten versinken auf ihren Pritschen in einen schweren Schlaf. Im Schlafe sprechen und phantasieren sie noch mehr als in den anderen Nächten. Hier und da sitzen noch Leute bei den Maidans. Das längst erwartete Fest ist zu Ende. Morgen ist wieder ein Wochentag, morgen beginnt wieder die Arbeit.