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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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So kam es auch: zufällige Besucher fanden sich an jedem Abend ein, an einem Abend mehr, am andern weniger; aber bei der letzten Vorstellung blieb kein Platz auf den Bänken unbesetzt. Zuletzt, hinter den Bänken, standen die Arrestanten, aus Achtung vor den Gästen barhäuptig, in Joppen und Halbpelzen, trotz der schwülen Luft im Zimmer. Natürlich war der Platz für die Arrestanten viel zu klein. Aber abgesehen davon, daß der eine buchstäblich auf dem andern saß, zumal in den hinteren Reihen, waren auch alle Pritschen und Kulissen besetzt; schließlich fanden sich auch Liebhaber, die das Theater jeden Abend besuchten und der Aufführung aus der anderen Kaserne, hinter der rückwärtigen Kulisse, zuschauten. Die Enge in der vordern Hälfte der Kaserne war ganz unnatürlich und vielleicht der Enge und dem Gedränge zu vergleichen, die ich neulich im Dampfbade gesehen hatte. Die Türe in den Flur stand offen; auch im Flur, in dem ein Frost von etwa zwanzig Grad herrschte, drängten sich die Leute. Man ließ uns, mich und Petrow, sogleich nach vorn durch, fast bis zu den Bänken, von wo man alles viel besser sehen konnte als von den hinteren Reihen. Man sah in mir zum Teil einen Kenner, der schon ganz andere Theateraufführungen erlebt hatte; man hatte bemerkt, daß Bakluschin sich die ganze Zeit mit mir beraten hatte und mich mit Respekt behandelte; also gebührte mir Ehre und ein guter Platz. Die Arrestanten waren zwar ehrgeizige und im höchsten Maße leichtsinnige Menschen, aber das war nur geheuchelt. Die Arrestanten konnten über mich lachen, als sie sahen, daß ich ihnen bei der Arbeit ein schlechter Helfer war. Almasow durfte uns Adelige mit Verachtung ansehen und sich vor uns mit seinem Können, Alabaster zu brennen, brüsten. Aber in ihren Verfolgungen und Spöttereien über uns steckte auch etwas anderes: wir waren ja früher einmal Adelige gewesen; wir gehörten dem gleichen Stande an wie ihre einstigen Herren, die sie unmöglich in gutem Andenken haben konnten. Aber jetzt, im Theater, machten sie mir Platz. Sie anerkannten, daß ich darin ein besseres Urteil und mehr gesehen hätte und wisse als sie. Die mir am wenigsten Wohlgesinnten wünschten (ich weiß es) mein Lob über ihr Theater zu hören, und ließen mich ohne jede Selbsterniedrigung auf den ersten Platz. Ich sage es jetzt, da ich mich meines damaligen Eindrucks erinnere. Damals hatte ich auch den Eindruck – ich erinnere mich dessen –, daß in ihrer gerechten Selbsteinschätzung durchaus keine Selbsterniedrigung, sondern ein Gefühl für die eigene Würde lag. Der höchste und auffallendste Charakterzug unseres Volkes ist das Gefühl für Gerechtigkeit und der Drang nach ihr. Das freche Bestreben, sich immer und überall, koste es, was es wolle, auf den ersten Platz zu drängen, ganz gleich, ob der Mensch es verdient oder nicht, ist diesem Volke fremd. Man braucht nur die äußere Schale zu entfernen und den inneren Kern aus nächster Nähe recht aufmerksam und vorurteilslos anzuschauen, um in unserem Volke solche Dinge zu erkennen, die man gar nicht geahnt hat. Unsere Weisen können unser Volk nicht viel lehren. Ich will sogar positiv behaupten: sie müssen selbst von ihm lernen.

Petrow sagte mir naiv, als wir uns aufmachten, um ins Theater zu gehen, daß man mich auch deshalb auf den ersten Platz lassen würde, weil man von mir mehr Geld erwartete. Einen bestimmten Preis gab es nicht: ein jeder gab soviel er konnte oder wollte. Als man mit dem Teller sammeln ging, gab fast jeder etwas, wenigstens eine halbe Kopeke. Wenn man mir aber den ersten Platz zum Teil auch des Geldes wegen einräumte, in der Annahme, daß ich mehr als die andern geben würde, so lag ja darin wiederum sehr viel Gefühl für eigene Würde! »Du bist reicher als ich, geh darum nach vorn; wir sind hier zwar alle gleich, aber du wirst mehr als die anderen auf den Teller legen: ein solcher Besucher wie du, ist also den Schauspielern angenehmer, – dir gebührt der erste Platz, denn wir alle sind hier nicht für Geld, sondern aus Achtung, – folglich müssen wir uns selbst sortieren.« Wieviel echter Stolz liegt doch darin! Es ist keine Achtung vor dem Geld, sondern die Achtung vor sich selbst. Im Zuchthause genossen Geld und Reichtum überhaupt sehr wenig Ansehen, besonders wenn man die Arrestanten als eine Masse und Gemeinschaft betrachtete. Ich kann mich auf keinen einzigen besinnen, der sich des Geldes wegen ernsthaft erniedrigt hätte, selbst wenn ich jeden einzelnen durchnehme. Es gab wohl Bettler, die auch mich anschnorrten. Aber sie bettelten mehr aus Mutwillen und Schelmerei als aus geldgieriger wirklicher Absicht; es lag darin mehr Humor und Naivität. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich genug ausdrücke. Aber ich habe das Theater inzwischen ganz vergessen. Zur Sache. Bis zum Aufgehen des Vorhanges bot das ganze Zimmer ein seltsam belebtes Bild. Vor allem fiel die Menge der Zuschauer auf, die von allen Seiten gepreßt und zusammengedrückt war und mit Ungeduld und Seligkeit in den Mienen auf den Anfang der Vorstellung wartete. In den hinteren Reihen hockten die Menschen aufeinander. Viele von ihnen hatten aus der Küche Holzscheite mitgebracht: man stellte so ein dickes Scheit an die Wand, stieg mit beiden Füßen hinauf, stützte sich mit beiden Händen auf die Schultern des Vordermannes und blieb so, ohne seine Stellung zu ändern, zwei Stunden lang stehen, mit sich und seinem Platze vollkommen zufrieden. Andere stellten sich auf den unteren Vorsprung des Ofens und standen ebenfalls die ganze Zeit, mit den Händen auf die Vordermänner gestützt. So war es in den hintersten Reihen an der Wand. Seitwärts über den Musikanten stand gleichfalls eine kompakte Masse auf den Pritschen. Hier waren gute Plätze. An die fünf Mann waren auf den Ofen selbst geklettert und sahen liegend hinunter. Diese genossen die höchste Seligkeit. Auf den Fensterbänken und längs der anderen Wand drängte sich eine ganze Menge Verspäteter und solcher, die keinen guten Platz gefunden hatten. Alle verhielten sich ruhig und anständig. Ein jeder wollte sich vor den Ehrengästen und den anderen Besuchern im besten Lichte zeigen. Auf allen Gesichtern stand die naivste Erwartung. Alle Gesichter waren rot und von der Hitze und Schwüle schweißbedeckt. Welch ein seltsamer Widerschein kindlicher Freude, eines herzlichen, reinen Genusses leuchtete auf diesen von vielen Runzeln durchfurchten, gebrandmarkten Stirnen und Wangen, in diesen Blicken der bisher düsteren und finsteren Menschen, in diesen Augen, die sonst oft in schrecklichem Feuer glühten! Alle waren barhaupt, und alle Köpfe zeigten sich mir von rechts rasiert. Da machte sich aber auf der Bühne eine Bewegung bemerkbar. Gleich wird der Vorhang aufgehen. Das Orchester beginnt zu spielen... Dieses Orchester ist der Erwähnung wert. Seitwärts auf den Pritschen saßen an die acht Musikanten: zwei Geigen (die eine war im Zuchthause vorhanden, die andere hatte man sich irgendwo in der Festung geliehen, der Künstler dazu fand sich im Zuchthause), drei Balalaikas, lauter selbstgemachte Instrumente, zwei Gitarren und ein Tamburin, das eine Baßgeige vertrat. Die Geigen quietschten und winselten nur, die Gitarren waren schlecht, die Balalaikas aber ganz außergewöhnlich gut. Die Gewandtheit, mit der die Musiker die Saiten bearbeiteten, erinnerte an ein geschicktes Kunststück. Man spielte lauter Tanzweisen. An den lebhaftesten Stellen schlugen die Balalaikaspieler mit den Knöcheln auf die Resonanzdecken der Instrumente; der ganze Ton und Geschmack, die Ausführung, die Behandlung der Instrumente und der Charakter der Wiedergabe der Melodie waren durchaus originell und verrieten einen eigentümlichen Arrestantenstil. Auch der eine Gitarrespieler beherrschte sein Instrument vorzüglich. Es war der Adelige, der seinen Vater ermordet hatte. Was aber den Tamburinspieler betrifft, so vollbrachte er wahre Wunder: bald drehte er das Instrument auf einem Finger im Kreise, bald fuhr er mit dem Daumen über das Fell; bald hörte man schnelle, helle, eintönige Schläge, bald löste sich dieses deutlich akzentuierte Tönen in einer Menge kleiner, zitternder und raschelnder Laute auf, als schütte man Erbsen aus. Schließlich tauchten auch zwei Ziehharmonikas auf. Mein Ehrenwort, ich hatte bis dahin keine Ahnung davon gehabt, was sich aus den einfachsten Volksinstrumenten machen läßt: die Harmonie der Töne, der Rhythmus, vor allem aber der Geist, der Charakter der Auffassung und die Wiedergabe des Wesens der Melodie waren einfach erstaunlich. Ich begriff damals zum ersten Male vollkommen, worin die unendliche Ausgelassenheit und Unbändigkeit der kühnen russischen Tanzlieder liegt.

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