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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Bremer war regelrecht sprachlos. Thomas hatte sich so in Rage geredet, daß er die letzten Sätze beinahe geschrien hatte und seine Worte als vielfach gebrochenes Echo von den gotischen Spitzbogen über ihren Köpfen widerhallten, verzerrt und mit geflüsterten, unheimlichen Kommentaren versehen, als wisperten die Schatten ihre Zustimmung.

»Finden Sie das komisch?« fragte Thomas.

Bremer wurde erst jetzt klar, daß sich seine Lippen zu einem schmalen Lächeln verzogen hatten, und er schüttelte hastig den Kopf. »Nein«, sagte er. »Ganz und gar nicht. Ich mußte nur an Nördlinger denken. Meinen Chef. Es ist erst ein paar Stunden her, da hat er mir einen Vortrag über Selbstjustiz gehalten. Ich meine ... Sie und er haben verschiedene Worte benutzt, aber im Grunde haben Sie dasselbe gesagt. Obwohl der eine über göttliche und der andere über irdische Gerechtigkeit gesprochen hat.«

»Vielleicht ist der Unterschied gar nicht so groß, wie Sie glauben«, meinte Thomas.

»Und wenn doch?« Bremer deutete auf das Kreuz, aber Thomas wußte so gut wie er, was er wirklich meinte. »Wenn das, was wir erleben, gerade göttliche Gerechtigkeit ist?«

»Dann diene ich dem falschen Gott«, sagte Thomas hart.

»Das könnte man als Gotteslästerung auslegen«, sagte Bremer.

»Kaum.« Thomas machte eine wegwerfende Geste. »Ich weiß, daß es nicht so ist. Gott ist nicht so grausam. Wäre er es, dann hätte er die Menschheit schon vor langer Zeit ausgelöscht.«

»Vielleicht die andere Seite?«

»Satan?« Thomas schüttelte energisch den Kopf. Dann lachte er. »Glauben Sie an Gott, Herr Bremer? Ich meine an einen alten Mann mit weißem Haar und einem langen Bart, der auf dem Himmelsthron sitzt und den Engeln beim Harfespielen zusieht?«

»Natürlich nicht.«

»Wieso stellen Sie sich Satan dann als blutrünstiges Ungeheuer mit Hörnern auf dem Kopf vor, das seine dämonischen Diener ausschickt, um Menschen zu töten?« wollte Thomas wissen. »Ich weiß, daß es das Böse in der Welt gibt, aber es ist nicht so leicht zu erkennen. Es wäre schön, wäre es so.«

»Ich habe das Ding gesehen, Thomas«, flüsterte Bremer. Er war fast selbst überrascht, sich diese Worte reden zu hören. Bisher hatte er nicht einmal sich selbst gegenüber zugegeben, die ... Kreatur wirklich gesehen zu haben, und jetzt vertraute er sich einem quasi vollkommen Fremden an.

»Was?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Bremer. »Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Ich weiß nicht, was es war. Aber es war grauenhaft. Ein Ungeheuer. Zu nichts anderem gut, als zu töten.«

»Dieses Geschöpf hat nichts mit Gott oder dem Teufel zu tun«, behauptete Thomas. »Es wurde von Menschen erschaffen, glauben Sie mir. Und was Menschen erschaffen haben, das können Menschen auch wieder zerstören.«

Ja, dachte Bremer. Wenn es vorher nicht sie zerstört.

Das Gespräch hatte sich in eine vollkommen andere Richtung entwickelt, als er erwartet hatte - obwohl er im Grunde gar nichts erwartet hatte -, und er fühlte sich nun auf eine vollkommen andere Art unbehaglich als noch vor wenigen Minuten. Die Kirche hatte alles Gespenstische verloren. Statt eines Hortes unheimlicher Schatten und unausgesprochener Bedrohungen sah Bremer sie nun nur noch als das, was sie auch war: ein Haufen alte Steine und morsches Holz, in den sich Feuchtigkeit und Kälte eingenistet hatten; und vermutlich ganze Heerscharen von Ungeziefer. Obwohl sie in den letzten zehn Minuten mehr und intensiver über Geister, Gott, Dämonen, den Teufel und allen anderen metaphysischen Humbug geredet hatten, als Bremer es jemals zuvor im Leben getan hatte, und obwohl er nach diesem Gespräch einfach nicht mehr umhin kam, die Existenz solcherlei Dinge zumindest in Betracht zu ziehen, schien ihr Gespräch die Bedrohung, der er sich ausgesetzt sah, trotzdem greifbarer gemacht zu haben. Sie sprachen über etwas, das er in Ermangelung eines besseren Wortes als Dämon bezeichnete. Gut. Wenn er noch immer nicht daran glauben wollte, daß es sich tatsächlich um einen solchen handelte, dann war es seine Aufgabe, eine andere Erklärung zu finden. Dinge zu erkennen, die nicht das waren, was sie zu sein vorgaben, war schließlich sein Job. Und er war ziemlich gut darin.

»Was werden Sie jetzt tun?« fragte Thomas nach einer Weile.

»Einer von uns sollte vielleicht beten«, antwortete Bremer mit einem schiefen Grinsen.

»Eine gute Idee«, sagte Thomas. »Und was tun Sie?«

Bremer lachte kurz. »Ich muß herausfinden, was damals wirklich passiert ist«, sagte er. »Bisher war ich der Meinung, daß nach Sillmanns Tod alles zu Ende gewesen wäre. Ich weiß im Moment nur noch nicht, wie.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Er hatte zumindest zwei Punkte, an denen er ansetzen konnte. Der eine befand sich am anderen Ende der Stadt und schlief im Moment wahrscheinlich tief, aber der andere war nur ein paar Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Bei dem bloßen Gedanken sträubten sich ihm zwar die Haare, aber andererseits rechneten die Agenten wahrscheinlich mit allem - nur nicht damit, daß er zum Angriff überging.

»Sie haben nicht zufällig eine Waffe, die Sie mir leihen könnten?« fragte er.

Thomas starrte ihn nur an, und Bremer hob seufzend die Schultern.

»Es war ja nur eine Frage. Aber Sie können mir doch wenigstens zeigen, wie ich ungesehen hier herauskomme, oder?«

15

Look war so betrunken, daß er den Schlüssel erst beim dritten oder vierten Versuch ins Schloß bekam und dann eine geschlagene Minute damit verschwendete, herauszubekommen, in welche Richtung er ihn drehen müßte, um die Tür aufzubekommen. Als er es endlich geschafft hatte, fiel er der Länge nach in den Hausflur und schlug sich die Nase blutig.

Das Glück des Betrunkenen war trotzdem auf seiner Seite: Einen Schritt weiter nach links, und er wäre genau in den Kinderwagen gestürzt, den die blöde Kuh aus dem dritten Stock wieder einmal dort abgestellt hatte, und dabei hätte er sich wirklich übel verletzen können. Der Buggy stand nicht nur entgegen der Hausordnung und ungeachtet aller Proteste der anderen Hausbewohner da, sondern bestand; aus ehemals plastikgeschützten, mittlerweile aber unverkleideten Metallspitzen und -kanten, die geradezu zum Augenausstechen und Schlagaderaufschlitzen einluden.

Wieso Madam-ich-habe-ein-Baby-und-schere-mich-deshalb-einen-Dreck-um-alle-anderen ihr ununterbrochen plärrendes Balg nicht schon vor Monaten daran aufgespießt hatte, war Look ein Rätsel. Vielleicht würde er das ja nachholen, wenn er ihr das nächstemal begegnete.

Er arbeitete sich mit einiger Mühe in die Höhe, fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht und betrachtete sekundenlang verständnislos das Blut, das daran klebte. Es war nicht viel, nur ein paar Tropfen, und erst jetzt spürte er auch den brennenden Schmerz in seiner Oberlippe. Look fuhr sich vorsichtig mit der Zungenspitze über die Zähne, stellte erleichtert fest, daß sie noch alle da waren und keiner wackelte, und wischte sich die Hand an der Hose sauber. Der brennende Schmerz sorgte dafür, daß sein Geist für einen Moment aus dem Alkoholnebel auftauchte, den er im Laufe des Abends mühsam darüber gelegt hatte, und er wieder fast klar denken konnte. Nicht, daß ihm das gefiel. Er hatte sich mit voller Absicht betrunken, aus keinem anderen Grund als dem, am Ende dieses Tages so abgefüllt zu sein, daß er sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern konnte, geschweige denn an irgend etwas anderes. Aber es hatte sowieso nicht funktioniert. Der Scheiß-Alkohol hatte zwar dafür gesorgt, daß er zu voll war, um die Tür aufzuschließen und dabei auf die Fresse fiel, aber die Erinnerung hatte er nicht betäubt. Irgendwie tat er das nie. Dafür würde er sich morgen früh gotterbärmlich fühlen. Look rappelte sich endgültig hoch, versetzte dem Kinderwagen einen Tritt, der ihn zwei Meter auf die Kellertreppe zuhoppeln ließ (leider nicht weit genug, daß er die Stufen hinunterfiel und dabei in Stücke brach, wie er es sich gewünscht hatte) und wankte zum Lichtschalter, erwischte ihn jedoch nicht gleich, so daß er einen Moment ziellos im Dunkeln herumtasten mußte, um den klobigen Schalter zu finden. Das blöde Ding befand sich nicht dort, wo es eigentlich sein sollte, nämlich in Griffweite neben der Haustür, sondern an der gegenüberliegenden Wand, und zwar anscheinend jedesmal an einer anderen Stelle. Aber in diesem verdammten Haus war ja nichts so, wie es sein sollte. In diese Bruchbude zu ziehen, war die zweitdümmste Idee seines Lebens gewesen.

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