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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Anstelle des Lichtschalters ertasteten seine zitternden Finger etwas Kleines, Hartes mit zu vielen Beinen, das blitzschnell davonhuschte, als er es berührte. Look zog angeekelt die Hand zurück, wartete, bis sich sein trommelnder Herzschlag wieder einigermaßen beruhigt hatte und versuchte es dann erneut. Diesmal setzte er die Hand mit gespreizten Fingern auf dem rissigen Putz auf und ließ sie wie eine fünfbeinige Spinne auf den Lichtschalter zuwandern, um jedem anderen Bewohner der Wand Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen. Diese verdammte Bruchbude hatte mehr Kakerlaken und Spinnen als er Haare auf dem Kopf.

Schließlich ertasteten seine Finger das spröde gewordene Bakelit und legten den Schalter mit einem schweren Klack um. Augenblicklich erfüllte trübes Zwielicht den Hausflur, und der Drei-Minuten-Automat begann mit seinem hektischen Klickern. Diese drei Minuten waren übrigens gelogen. Wahrscheinlich hatte der Hausmeister ihn aus purem Geiz auf dreißig Sekunden eingestellt - aus dem gleichen Geiz heraus, aus dem er immer nur eine zwanziger Birne in die Treppenhauslampe schraubte. Es war Look jedenfalls noch nie gelungen, seine Wohnung im vierten Stock zu erreichen, bevor das Scheißding abgelaufen war. Nicht einmal nüchtern - was allerdings selten vorkam.

Look bedachte den Aufzug mit einem schrägen Blick und wandte sich dann mühsam in die entgegengesetzte Richtung. Als er eingezogen war - vor sechs Jahren! - hatte ein Schild an den Aufzugtüren gehangen: AUSSER BETRIEB. Das Schild war irgendwann einmal entfernt worden, aber der Aufzug nie repariert. Er hatte einmal gelesen, daß es eine Bauvorschrift in dieser Stadt gab, nach der jedes Gebäude über vier Stockwerke über einen Aufzug verfügen mußte. Anscheinend stand in dieser Vorschrift nichts davon, daß dieser Aufzug auch funktionieren mußte. Er beeilte sich, um wenigstens die erste Etage zu erreichen, bevor das Licht ausging, und um ein Haar hätte er es sogar geschafft. Leider entfaltete der Alkohol seine Wirkung jetzt schneller, als seine Beine ihren Dienst versahen: Auf der vorletzten Stufe stolperte er, stürzte nach vorne und prellte sich schmerzhaft beide Handgelenke, als er versuchte, seinen Sturz abzufangen. Diesmal tat es einfach nur weh, aber sein Kopf wurde kein bißchen klar. Dann ging das Licht aus.

Und Look spürte, daß er nicht mehr allein war. Das Gefühl war so intensiv, daß er im ersten Moment tatsächlich glaubte, jemand hätte ihn berührt. Er stieß einen kleinen, keuchenden Schrei aus, wirbelte herum und verlor dadurch endgültig den Halt: Er fiel auf die Seite, rutschte zwei, drei Stufen weit wieder hinab und schrammte an jeder einzelnen schmerzhaft mit dem Hüftknochen entlang, ehe er zur Ruhe kam.

Diesmal machte ihn der Schmerz wach. Schlagartig und für einige Sekunden war er vollkommen klar. Aber das Gefühl, daß noch jemand (Etwas) mit ihm hier drinnen war, blieb.

Look sah sich aus weit aufgerissenen Augen um. Er war von vollkommener Dunkelheit umgeben. Das Licht, das durch die Haustür hereinfiel, reichte nicht bis hierher, und er sah nicht einmal die sprichwörtliche Hand vor Augen. Aber er spürte, daß er nicht allein war. Irgend etwas war da, ganz in seiner Nähe. Etwas Großes. Etwas Gefährliches. Etwas, das ihn belauerte.

»Ist da jemand?« fragte Look. Er bekam keine Antwort, aber nun glaubte er, etwas wie ein Atmen zu hören. Vielleicht auch nicht wirklich ein Atmen. Eher das Geräusch, das entstehen mochte, wenn ein gigantisches Insekt Luft durch seine Tracheen pumpte. »Ist da jemand?« fragte Look noch einmal. Er schrie fast. Sein Herzschlag begann zu rasen, und er spürte, wie eiskalte Panik in ihm emporkroch. Er bekam noch immer keine Antwort, aber die unheimlichen Atemgeräusche schienen lauter zu werden. Näher zu kommen?

Look wollte aufspringen und davonstürzen, aber die Furcht nagelte ihn fest. Er begann am ganzen Leib zu zittern, und vor seinem inneren Auge nahmen alle nur vorstellbaren Schrecken (und ein paar unvorstellbare) in der Dunkelheit vor ihm Gestalt an, und diese grauenhaften Tracheengeräusche waren nun eindeutig näher gekommen. Look wehrte sich verzweifelt und vergebens gegen die Vorstellung eines gigantischen, rasiermesserscharfen Mandibelpaares, das dicht vor seinem Gesicht auseinanderklappte und auf seine Kehle zuschrammte.

Über ihm wurde eine Tür aufgerissen, und einen Augenblick später flammte die Treppenhausbeleuchtung mit ihren ganzen gewaltigen zwanzig Watt auf. Die Treppe vor ihm war leer. Keine Riesenkakerlake. Kein Schatten. Kein Atmen. Look war allein.

»Was zum Teufel ist denn hier los?!« keifte eine Stimme über ihm. Look drehte mit einiger Mühe den Kopf und blickte in ein pausbäckiges Gesicht, aus dem ihn ein Paar winziger boshafter Augen voller Zorn anfunkelten. Neben der militanten Babymutter aus dem Dritten war Frau Ich-bin-ja-so-wichtig die Person, die Look im Haus am allerwenigsten leiden konnte. Im Moment allerdings vermochte er sich kaum einen schöneren Anblick vorzustellen als ihr Gesicht. Er stemmte sich halb in die Höhe und setzte dazu an, etwas zu tun, was ihr vermutlich vor lauter Unglauben einen Schlaganfall beschert hätte - nämlich sich bei ihr zu entschuldigen -, aber sie kam ihm zuvor.

»Ach ja, das hätte ich mir ja denken können!« keifte sie. »Dieses versoffene Stück natürlich. Reicht es Ihnen noch nicht, jeden Abend zu randalieren? Müssen Sie jetzt auch noch mitten in der Nacht Lärm genug machen, um das ganze Haus zu wecken? Sie haben damit ja nicht viel zu schaffen, aber es gibt Leute, die ihren Schlaf brauchen, weil sie tagsüber arbeiten müssen!«

In diesem Haus jedenfalls würde morgen niemand ausgeschlafen sein, dachte Look. Frau Blockwart keifte laut genug, um auch den letzten aus dem Schlaf zu reißen. Er vergaß alle Nettigkeiten, zu denen er sich gerade hatte aufraffen wollen, zog sich am Treppengeländer vollends in die Höhe und rülpste lautstark. Das Gesicht unter dem altmodischen Haarnetz, durch das die Stacheln billiger Plastiklockenwickler lugten, verlor alle Farbe, aber seine Besitzerin wich auch vorsichtshalber wieder einen Schritt weit in die Sicherheit ihrer Wohnung zurück.

»Glauben Sie bloß nicht, daß ich mir das gefallen lasse«, keifte sie. »Ich werde gleich morgen einen Brief an den Hausbesitzer schreiben. So geht das nicht!« Und damit knallte sie die Tür zu.

Sollte sie, dachte Look. Die alte Vettel mußte ohnehin schon ein Vermögen an Briefmarken ausgegeben haben, so oft, wie sie sich über alles Mögliche beschwerte.

Er wollte weitergehen, als sein Fuß gegen ein Hindernis stieß, das raschelnd davonschlitterte. Look sah nach unten und erkannte, daß es sich um die Zeitung handelte, die ihm aus der Jackentasche gefallen war. Er sollte das Scheißding liegen lassen. Schließlich war es schuld daran, daß er sich so miserabel fühlte. Andererseits hatte er gutes Geld dafür bezahlt. Und die Zeitung wegzuwerfen, änderte nichts an ihrem Inhalt.

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