Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Ich habe einem Menschen die Sterbesakramente gegeben«, antwortete Thomas, immer noch lächelnd, aber in verändertem Ton. Er war verunsichert und bereits in der Defensive, was Bremer ein wenig erstaunte. Er hatte nicht damit gerechnet, so leichtes Spiel mit dem Geistlichen zu haben. Bekamen Sie nicht Unterricht in Rhetorik und Diskussionstechniken? »Ist dagegen etwas zu sagen?«
»Das kommt vielleicht immer auf den Menschen an«, antwortete Bremer. »Aber es beantwortet nicht meine Frage: Was haben Sie dort gesucht? Es war kein Zufall.«
»Und wenn doch?« Thomas klang jetzt trotzig. Seine Verteidigung brach sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit zusammen. Gut. Statt sich weiter langsam an ihn heranzupirschen und seine Verteidigung zu unterminieren, beschloß Bremer, zum Frontalangriff überzugehen.
»Dann war es auch Zufall, daß Strelowsky keine zwölf Stunden später praktisch vor Ihrer Haustür tot aufgefunden wurde?«
»Rosens Rechtsanwalt?« Thomas nickte. »Der war hier. Gestern abend.«
»Hier? Bei Ihnen? Meine Kollegen haben gesagt, Sie hätten nichts gehört und nichts gesehen.«
»Ihre Kollegen hätten das nicht verstanden«, antwortete Thomas. »Ich hielt es für besser, nichts zu sagen. Dies ist keine Polizeiangelegenheit, Herr Bremer.«
»Sie wissen, daß Sie sich damit strafbar gemacht haben«, sagte Bremer ernst. »Ich könnte Sie auf der Stelle verhaften ... eigentlich müßte ich es sogar.«
»Wollen Sie das Schicksal verhaften?« fragte Thomas spöttisch.
Nein, er würde sich nicht auf dieses pseudoesoterische Gerede einlassen. »Sie sind nicht das Schicksal, Thomas«, sagte Bremer ernst. »So, wie ich das sehe, sind Sie nur jemand, der sich ganz toll dabei vorkommt, die graue Eminenz im Hintergrund zu mimen. Sind Sie es? Oder sind Sie nur ein Wichtigtuer?«
»In beiden Fällen müßten Sie mich verhaften, nicht wahr?«
»Vielleicht sind Sie ja einfach nur jemand, der Informationen zurückhält, die zur Aufklärung eines Verbrechens nötig sind«, antwortete Bremer kühl. »In diesem Fall werde ich Sie verhaften, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«
»Verhaften? Haben Sie denn gar keine Angst vor der Macht, der ich diene?«
Bremer lachte. »Nehmen Sie es mir nicht übel, Hochwürden - aber Sie haben anscheinend die letzten zwanzig Jahre verschlafen, nicht nur ein paar Stunden. Niemand hat mehr Angst vor der Kirche. Im Gegenteil. Heutzutage gilt es als chic, sich mit ihr anzulegen.«
»Ich habe nicht von der Kirche gesprochen«, sagte Thomas ernst. Er seufzte. »Warum lassen wir das nicht? Sie sind nicht hierhergekommen, und ich habe nicht auf Sie gewartet, nur damit wir uns gegenseitig bedrohen können. Ich kann Ihnen sagen, was Sie wissen wollen, aber es wird Ihnen nicht gefallen. Und ich glaube, im Grunde wissen Sie es auch bereits.«
»Sie wissen, wer Rosen getötet hat.«
»Und alle anderen, ja. Und wer weiter töten wird.«
»Wer?« fragte Bremer.
Die Schatten hinter Thomas begannen sich zu bewegen, ballten sich zusammen und trieben wieder auseinander, einen unendlich kurzen Moment, bevor sie wirklich Gestalt annehmen konnten. Diesmal.
»Sie werden keinen Erfolg haben, wenn Sie nach einem Mörder aus Fleisch und Blut suchen, Herr Bremer«, antwortete Thomas. »Rosens Obduktion hat ergeben, daß er Selbstmord begangen hat, so wie alle anderen auch, habe ich recht?«
Bremer wußte es - zumindest in Rosens Fall - nicht einmal genau, aber er nickte trotzdem. »Wollen Sie mir erzählen, daß es ein ... Geist war?« fragte er. Die beiden letzten Worte hatten spöttisch klingen sollen, aber er hörte selbst, daß seine Stimme einfach nur schrill wurde. Hysterisch.
»Geist... Das ist ein so großes Wort.« Thomas schüttelte den Kopf, kam auf ihn zu und schmiegte beide Hände um die Kante des Altars. Als er weitersprach, war sein Blick starr auf das schmucklose Holzkreuz darüber gerichtet, aber Bremer war nicht sicher, daß der Geistliche wirklich dasselbe sah wie er. »Wie definieren Sie es? Als reine Energie, die einen Klumpen Fleisch und Flüssigkeiten zum Leben erweckt? Als göttlichen Funken? Oder vielleicht als eine Art Wesen aus einer anderen Dimension?«
»Woher soll ich das wissen?« fragte Bremer grob. »Für solche Fragen sind Sie doch wohl eher zuständig.«
Thomas lachte; sehr leise und ohne Humor. »Es gab eine Zeit, da war ich derselben Meinung, Herr Bremer. Sie ist lange vorbei.«
»Und was glauben Sie heute?« fragte Bremer. Er versuchte sich dagegen zu wehren, aber erfolglos: Thomas' Worte erfüllten ihn mit einem eiskalten Frösteln. Vielleicht, weil sie eine Wahrheit enthielten, die er tief in seinem Inneren schon lange erkannt hatte.
Endlose Sekunden verstrichen, reihten sich zu einer Minute und vielleicht noch einer, ehe Thomas antwortete, und als er es tat, da war seine Stimme sehr leise und ging mit keinem Wort auf Bremers Frage ein.
»In gewissem Sinne haben sie sich selbst getötet, Herr Bremer. Das Wesen, über das wir reden, hat nur Macht über die Schuldigen. Ihnen gegenüber aber ist es gnadenlos.«
»Das ... Wesen?« Bremer nahm keine Rücksicht mehr darauf, was er wem und wann versprochen hatte. Es spielte keine Rolle. Jetzt nicht mehr. Thomas' Worte hatten einen Schrecken heraufbeschworen, den er noch gar nicht ganz erfassen konnte, der aber ungeheuerlich war. »Das ist unmöglich, Thomas. Azrael existiert nicht mehr. Er ist zusammen mit Marc gestorben!«
»Wie kann etwas sterben, was nie gelebt hat?« Thomas riß seinen Blick endlich von dem hölzernen Kruzifix los und sah Bremer an. Seine Augen brannten. »Sie sollten doch am besten wissen, daß der Unterschied zwischen Leben und Tod nicht so endgültig ist, wie die meisten Menschen glauben.«
»Was soll das heißen?« fragte Bremer.
»Das Wesen, über das wir reden, ist nicht aus dieser Welt«, antwortete Thomas. »Oh, es ist aus Fleisch und Blut, wenn Sie das meinen. Es hat einen Körper, und es kann töten, und ich bete zumindest darum, daß es auch getötet werden kann. Es lebt in den Schatten, aber es wittert die Sünde wie ein Raubfisch das Blut im Wasser, und wenn es ans Licht tritt, dann ist es erbarmungslos.«
»Woher ... wissen Sie das alles?« fragte Bremer stockend. Die Angst war wieder da. Eine immer stärker werdende, irrationale Furcht, mit der ihn Thomas' Worte erfüllten, so unglaublich sie auch klingen mochten. Sie taten es nicht einmal. Sie sollten es, aber sie weigerten sich einfach, es zu tun. Großer Gott, er war ein moderner, rational denkender Mensch, der in wenigen Monaten den Schritt ins einundzwanzigste Jahrhundert tun würde, der als Jugendlicher die erste Mondlandung im Fernsehen beobachtet hatte und der tagtäglich und mit der größten Selbstverständlichkeit mit einer Technik umging, die es noch vor zwanzig Jahren nur in Science-fiction-Romanen gegeben hatte. Und er stand hier und redete über Geister und Dämonen, über Geschichten, mit denen man allenfalls kleine Kinder erschrecken konnte, und wahrscheinlich nicht einmal mehr das. Und trotzdem krümmte sich in ihm etwas vor Angst. Etwas, das jenseits aller Zweifel einfach wußte, daß all diese Geschichten wahr waren. Sie und noch andere, schlimmere.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Thomas. »Vielleicht hatte ich eine Vision. Vielleicht hat...«, er sah das Kreuz über sich an, »...Gott mit mir gesprochen. Vielleicht war es auch etwas anderes. Ich weiß nur, daß wir es aufhalten müssen, denn es wird nicht von selbst aufhören. Es wird weiter töten und weiter töten.«
»Solange es Schuldige findet?«
Thomas wurde zornig. »Und wer von uns ist ohne Schuld?« bellte er. »Wer von uns hat noch nie etwas getan, das er bereut hätte? Wer hat noch nie etwas getan, dessen er sich geschämt hätte, noch nie einem anderen Leid zugefügt, ihm Unrecht getan? Wo ist die Grenze? Wer hat den Tod verdient? Rosen, der unschuldige Kinder getötet hat, weil er krank war und nicht anders konnte? Der Anwalt, der die Gesetze so weit gebeugt hat, bis er freigelassen werden mußte? Die falschen Zeugen, die ihm ein Alibi verschafft haben? Der Richter, der seine Freilassung unterschrieben hat, obwohl er ganz genau wußte, daß er schuldig war? Sie, weil Sie nicht genug Beweise zusammengetragen haben, um ihn endgültig dingfest zu machen? Sagen Sie mir, wann es genug ist! Wer leben darf, und wer nicht!«